11.10.2023 (€) – Die Deutsche Aktuarvereinigung schlägt eine konzertierte Lösung aus Prävention, privater Versicherungswirtschaft und Kumulschadendeckung für den Katastrophenfall vor, um ausreichend eine dauerhafte Versicherbarkeit von Elementarschäden zu erreichen. Ein Aspekt könnte der Wegfall der Versicherungsteuer sein.
In die Debatte um die Einführung einer Elementarschaden-Pflichtversicherung schaltete sich der Deutsche Aktuarvereinigung e.V. (DAV) mit einem bislang wenig thematisierten Ansatz ein. Die Aktuare fordern einen Wegfall der Versicherungsteuer auf Elementarschaden-Versicherungen. So würden Belastungen für Verbraucher reduziert, heißt es in einer DAV-Mitteilung.

- Max Happacher (Bild: DAV)
„Ein Wegfall der Versicherungsteuer hat seine Vorbilder etwa in der Kranken-, Renten- oder Lebensversicherung. Damit sorgt man bei Kunden im Falle einer freiwilligen Variante für einen Anreiz zum Abschluss“, wird DAV-Vorsitzender Dr. Max Happacher zitiert.
Gerade bei einer Pflichtversicherung sei ein Wegfall aber schon aus Akzeptanzgründen geboten. Denn die Steuer verteuere eine Versicherung erheblich. „Ich sehe es kritisch, dass der Staat zusätzliche Einnahmen durch eine Pflichtlösung generiert“, so Happacher.
Versicherungspflicht bei Kreditaufnahme
Ein weiterer Aspekt könne der Schutz von Dritten sein. „Dazu zählen insbesondere kreditgebende Banken“, sagt Happacher. Eine denkbare Alternative zu einer allgemeinen Pflichtversicherung sei eine Versicherungspflicht bei Aufnahme eines Kredites zur Baufinanzierung, um die Ausfallrisiken abzusichern.
Dafür sei eine entsprechende Gesetzesänderung notwendig. Dies stelle einen geringfügigeren Eingriff dar als eine allgemeine Pflichtversicherung und würde ebenfalls zu mehr Versicherungsschutz führen.
Es ist wichtig, dass der Preis dem Risiko angemessen ist. In der Höhe und hinsichtlich seiner geografischen Differenzierung.
Dr. Max Happacher, DAV-Vorsitzender
Preis dem Risiko angemessen
Die berufsständische Vertretung weist zudem auf mathematische Zusammenhänge hin. Happacher betont, dass eine aktuariell saubere Kalkulation immer mit einem risikogerechten Preis verbunden sei. „Egal, wie man die Elementarschaden-Versicherung ausgestaltet: Es ist wichtig, dass der Preis dem Risiko angemessen ist. In der Höhe und hinsichtlich seiner geografischen Differenzierung“, sagt er.
Die jährlichen Prämien in der Elementarschaden-Versicherung liegen derzeit bei einem Einfamilienhaus meist im niedrigen dreistelligen Bereich. In besonderen Risikolagen erhöhen sie sich schnell um ein Vielfaches dessen.
Sollte im Falle einer Pflichtlösung oder auch generell ein gedeckelter Preis für Hochrisikolagen in Erwägung gezogen werden, müssten der DAV zufolge die Prämien insgesamt steigen. Es würde für alle anderen Versicherten deutlich teurer. Im Ergebnis würden Gebäude in Risikogebieten subventioniert und solche in unkritischen Lagen bestraft, heißt es.
Eine Möglichkeit, sehr hohen Prämien zu begegnen, wären entsprechend höhere Selbstbehalte. Hierdurch ließen sich individuelle Prämien deutlich senken. Der Versicherungsschutz diene dann der grundlegenden Existenzsicherung, nicht dem 100-prozentigen Schutz vor allen Verlusten, so die Mathematiker.
Konzertierte Lösung
Die Aktuare plädieren für „eine konzertierte Lösung aus Prävention, privater Versicherungswirtschaft und Kumulschadendeckung für den Katastrophenfall“. Nur dies könne ausreichend zur dauerhaften Versicherbarkeit von Elementarschäden beitragen. Eine bloße Pflichtversicherung genüge in jedem Falle nicht, wird berichtet.
Unabdingbar seien stärkere staatliche Vorgaben beim Bau, um die Neubesiedelung in gefährdeten und hochgefährdeten Gebieten zu regulieren. Außerdem müssten staatliche Präventionsmaßnahmen aufrechterhalten und verbessert werden, wozu etwa der Ausbau von Deichen, Abwassersystemen und Frühwarnsystemen zähle.

- Matthias Land (Bild: DAV)
Auch die Förderung individueller Präventionsleistungen der Verbraucher und Unternehmen spiele eine Rolle. Dem sollte mit Information sowie gegebenenfalls auch Subvention von baulichen Veränderungen und deren Wartung begegnet werden, heißt es bei der berufsständischen Vertretung.
Kapitalintensives Risiko
Eine große Herausforderung für Versicherer sei es, dass Elementarschäden häufig kumuliert in einem Gebiet auftreten und dabei in der Regel außergewöhnlich hohe Kosten verursachen würden. Dieser Umstand aus der Verbindung von hohen Schadensummen und Kumulschäden bedeute für Versicherer ein kapitalintensives Risiko.
Gerade im Falle einer diskutierten Pflichtversicherung hätte das laut DAV Auswirkungen. Wenn nämlich Versicherungs-Unternehmen zu Vertragsabschlüssen im Rahmen einer Pflichtversicherung gezwungen wären, bräuchte es zusätzliche Instrumente, um den katastrophalen Kumulfall für die Versicherer beherrschbar zu machen, wird berichtet.
„Eine sogenannte Kumulschadenabsicherung, zum Beispiel durch Rückversicherer, die Kapitalmärkte, sogenannte Cat-Bonds, oder ein staatlich organisiertes Pooling, käme dann zum Tragen, wenn ein ganzes Gebiet mit zahlreichen, großen Schäden betroffen wäre und eine zu definierende Schadensummenhöhe überschritten würde“, sagt Happacher.
Wir laufen Gefahr, dass Elementarschäden in Zukunft unversicherbar werden.
Dr. Matthias Land, Vorstand und Vorsitzender des Ausschusses Schadenversicherung der DAV
Rückzug aus dem Markt
„Wenn Großschadenereignisse, wie die durch das Tief ‚Bernd‘ hervorgerufene Flutkatastrophe im Ahrtal, durch den Klimawandel gehäuft auftreten und jedes dieser Ereignisse den Kapitalstock in beträchtlicher Weise abgräbt, laufen wir Gefahr, dass Elementarschäden in Zukunft unversicherbar werden und sich erste Versicherungs-Unternehmen aus diesem Markt zurückziehen“, sagt Dr. Matthias Land, Vorstand und Vorsitzender des Ausschusses Schadenversicherung der DAV.
In den USA sei das heute schon der Fall. Denn die Versicherungswirtschaft verfüge zur Schadenbewältigung nur über eine begrenzte Menge an Kapital.
Voraussichtlich im Herbst wird eine von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) eingesetzte Bund-Länder-Arbeitsgruppe ihre Arbeit zu einer Versicherungspflicht gegen Elementarschäden aufnehmen.




