25.11.2020 (€) – Mit der Unfallversicherung wird 2020 voraussichtlich nochmals mehr verdient. Die Schadenquote sinkt im Zuge der Corona-Krise. Doch der Covid-19-Virus könnte die Branche teuer zu stehen kommen. Auf einer Fachkonferenz ging es unter anderem um weitere Einschlüsse.
Die Folgen einer Covid-19-Erkrankung sollten nach Einschätzung von Dr. Sonja Possin nicht in der Unfallversicherung eingeschlossen werden.
„Auch wenn die Anerkennung der gesetzlichen Unfallversicherung als Berufskrankheit im medizinischen Bereich Begehrlichkeiten weckt und für Marktdruck sorgt, muss man davon absehen“, sagte die ärztliche Referatsleiterin der E+S Rückversicherung AG beim 14. MCC-Fachforum „Unfallversicherung“.

- MCC-Fachforum Unfallversicherung (Screenshot: MCC). Zum Vergrößern Bild klicken.
Weitere Risiken für die Unfallversicherung durch Covid-19
„Es gibt jetzt schon viele Berichte über Langzeitfolgen und ich sehe die Gefahr, dass wir über eine Flut kaum objektivierbarer Folgen sprechen müssen.“ Sie fürchtet, dass Covid-19 für die Versicherer wie die Borreliose beim Zeckenbiss endet. Auch dort lassen sich Krankheitsbilder wie Müdigkeit oder Leistungsminderung kaum bewerten.
Mit einer Impfung gegen den Pandemie-Virus lasse sich der Nachweis einer Erkrankung und der Folgen ohnehin nur schwer führen. „Wir wissen, dass vielfach Pandemien ausgeschlossen sind, jede einzelne Klausel kennen wir aber nicht“, sagte sie aus dem Blickwinkel des Rück- auf die anbietenden Erstversicherer.
Es wachse generell der Druck weitere Risiken zu versichern, um den stagnierenden Markt mit einer alten Kundschaft zu beleben. Vor allem in Kombination mit einer reduzierten Gesundheitsprüfung, wie sie für digitale Angebote notwendig scheint, hält sie viele weitere Einschlüsse für problematisch.
So werde beispielsweise der Einschluss psychischer Störungen immer lauter diskutiert. Angesichts der Tatsache, dass 13 Prozent der weiblichen und sechs Prozent der männlichen Bevölkerung unter Depressionen litten, fürchtet sie hier eine steigende Invalidität.
Das Anrechnen von Vorerkrankungen ist rückläufig
Im Markt sei zudem der Trend zu einem steigenden Mitwirkungsanteil zu beobachten. Es gebe immer mehr Produkte, bei denen Vorerkrankungen erst ab 50 Prozent berücksichtigt würden. 14 Versicherer böten im Maklermarkt 27 Tarife, bei denen auf die Mitwirkung verzichtet wird.
„Wir beobachten den Trend in den Märkten der Ausschließlichkeit, sich dem Maklermarkt anzupassen und die Mitwirkung auszudehnen.“ Basis für diese Daten waren 193 von Morgen & Morgen GmbH untersuchte Tarife zu einer Musterdeckung mit 50.000 Invaliditätssumme und einer Progression von mindestens 200 Prozent.
Jutta Jakobs, Leiterin Unfall-/Reise-Schaden bei der HDI Versicherung AG, berichtete unter anderem, dass bei eher älteren Schadenopfern eine Mitwirkung von „vielleicht noch 25 Prozent“ einzuwenden sei. „Ohne Mitwirkung schlägt sich dies bei Älteren monetär sehr zu Buche. Das geht dann schnell in die Progression.“
Gute Noten bei der Stiftung Warentest helfen der DFV
Stephan Schinnenburg, Vorstand der Deutschen Familienversicherung AG (DFV), sagte unter anderem, dass beim überwiegend digitalen Verkauf seines Unternehmens das Siegel der Stiftung Warentest wichtig sei. Hier sei der Mitwirkungsanteil bei der Tarifbewertung ein wichtiges Merkmal.
Possin empfahl, bei hohen Mitwirkungsanteilen „nicht gleichzeitig auch bei der Risikoprüfung abzuspecken“. Oft höre sie von Erstversicherern, dass die Wirkung der Risikoprüfung im Zeitablauf verpuffe.
Schinnenburg hatte berichtet, dass man die medizinischen Diagnosen nach dem Klassifikationssystem ICD International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems anerkenne und reguliere. Begleit- und Vorerkrankungen spielten damit keine Rolle. Mit IDC ließen sich künstliche Intelligenz einsetzen.
Innovationen vom Schaden her denken
Zu den Herausforderungen des Marktes zählt Jakobs unter anderem „Premium-Pakete“. „Innovationen lassen sich zwar besser ohne Schädlinge entwickeln, aber so manches Bonbon entpuppt sich in der Schadenabwicklung als schwierig“, so die HDI-Expertin.
Eine solche Innovation sei die Mitversicherung der psychischen Folgen mit pauschal 3.000 Euro bei Raubüberfällen, Geiselnahmen und Entführungen. Voraussetzung sei, dass dieses Delikt bei der Polizei angezeigt und protokolliert würde. Hier nannte sie Fälle, bei denen der Verdacht auf Betrug aufkommt.
Auch der Zusatzbaustein, der bei karzinombedingter Entfernung von zwei Dritteln der Brust leistet, sei ein teures Produkt. „Und es ist nicht schön, mit Kundinnen darüber zu diskutieren, dass nicht zwei Drittel entfernt wurden, weil meist brusterhaltend operiert wird“, so Jakobs.
Lücken im gesetzlichen Unfallschutz bei Heimarbeit
Torsten Schersching von der Württembergischen Versicherung AG machte darauf aufmerksam, dass Homeschooling nicht unter den gesetzlichen Unfallversicherungs-Schutz fällt. Da nur 29 Prozent der Kinder privat versichert seien, biete dies Ansätze für den Vertrieb.
Auch für Angestellte weist der gesetzliche Unfallversicherungs-Schutz bei Heimarbeit große Lücken aus. Jährlich gebe es eine Million Berufsunfälle, von denen aktuell viele auch so zu Hause passieren könnten. Dann seien sie aber nach der aktuellen Rechtsprechung nicht versichert.
Nach Zahlen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) sowie Schätzungen der E+S hat die Zahl der Unfallversicherer in den letzten zehn Jahren von 135 (2011) auf voraussichtlich 123 (2020) abgenommen. Die Beiträge legen 2020 um schätzungsweise 0,6 Prozent auf 6,7 (6,66) Milliarden Euro zu, berichtete Mariko Wassy, Referatsleiterin Technisches Underwriting bei der E+S.
Anzahl der Unfallpolicen geht zurück
Die Zahl der Verträge vermindert sich auf etwa 25,7 (25,8) Millionen – 2011 waren es noch 27,3 Millionen. Der Geschäftsjahres-Schadenaufwand dürfte 2020 um rund zwei Prozent auf 3,3 Milliarden Euro sinken und sich damit die Schadenquote wieder verbessern.
Den Zahlen zufolge liegt die Geschäftsjahres-Schadenquote seit Jahren zwischen 50 und 60 Prozent. Sie rechnet zudem mit einer geringeren Combined Ratio von um die 75 Prozent.
Im Hinblick auf alternde Bestände und Vertriebler müsse die Branche über den Zugang zu neuen, jungen Policen nachdenken. Schließlich verursachten Senioren höhere Schäden, daher werde es junge Leute brauchen, um den Ausgleich im Kollektiv zu verbessern. Über den Direktkanal kämen erst 2,5 Prozent des Neuzugangs.




