Gerichtsurteile sorgen für Haftungslücken in D&O-Policen

12.2.2019 – Zunehmende Risiken und eine politisch instabile Lage vieler Staaten bereitet den weltweit agierenden Assekuranzen Sorgen. Das zeigte sich am Montag beim MCC-Kongress Industrieversicherung. Die D&O-Sparte sieht sich ausweitenden Kosten und unzureichenden Prämien ausgesetzt. Bei der Digitalisierung wurde Nachholbedarf thematisiert.

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Auf dem MCC-Kongress „Industrieversicherung 2019“ gestern in Düsseldorf wurde ein düsteres Bild der Lage gezeichnet: Emerging Risks nehmen nach Einschätzung von Industrieversicherungen weltweit zu. Vor allem die politisch instabile Lage vieler Staaten bereitet den weltweit agierenden Assekuranzen Sorgen.

Nationale Strömungen würden internationale Kooperationen erschweren. Zudem würde das Recht und hier vor allem Compliance-Regeln vielfach verschärft. Das erhöht für grenzüberschreitende Versicherungsprogramme den Verwaltungsaufwand erheblich.

Mark Wilhelm (Bild: Schmidt-Kasparek)
Mark Wilhelm (Bild: Schmidt-Kasparek)

Auch Deutschland ist von schärferem Recht betroffen. Das gelte beispielsweise für die Managerhaftung, die per Directors-and-Officers-Versicherungen (D&O) abgesichert werden kann. Neuere Urteile können aber zu Bedingungslücken führen. Das stellte Dr. Mark Wilhelm von der Kanzlei Wilhelm Partnerschaft von Rechtsanwälten mbB fest.

Durch ein Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf (12. Juli 2017 – Az.: I-4 U 61/17) könnten sich bei Serienschäden erhebliche Haftungslücken auftun.

Nach Einschätzung des Rechtsanwalts könnten 20 bis 30 Prozent älterer D&O-Bedingungen aufgrund des Urteils, das die Leistungspflicht des Versicherers in bestimmten Fällen einfach abschneidet, betroffen sein.

Versicherungsmakler sollten ihre Policen überprüfen.

Cyberschäden werden D&O-Fälle

Mehr Haftungsfälle sieht der Jurist durch Cyberschäden auf die D&O-Versicherung zukommen. So würde bei der Managerhaftung immer wieder Organisations-Verschulden eingewandt. „Das gilt dann künftig auch für die IT. „Auch die muss der Manager im Griff haben, wenn er nicht haften will“, warnte Wilhelm.

Außerdem würde es mit den Versicherern regelmäßig Streit über die Angemessenheit von Anwaltskosten geben. Um das zu vermeiden, rät er in der Police die Höhe der Anwaltskosten genau zu regeln. Sie sollten zudem die eigentliche Haftungssumme der D&O-Police nicht belasten.

D&O im tiefroten Bereich

Nepomuk Loesti (Bild: Schmidt-Kasparek)
Nepomuk Loesti (Bild: Schmidt-Kasparek)

Gleichzeitig könnten die Prämien für die Managerhaftpflicht schon in naher Zukunft ansteigen. Davon ist Nepomuk Loesti, Head of Liabilities Financial Lines & Client Engagement bei der AIG Europe Limited überzeugt.

Auf der Tagung zeigte der Experte für D&O-Policen, dass der Trend zu höheren Prämien in den USA und in Großbritannien schon eingesetzt hat.

„Die Reihenfolge ist bekannt. Erst kommen die USA, dann UK und dann ist Europa dran“, sagte der Experte. Zudem würden die Schadenfälle in Deutschland steigen.

Für 2018 erwartet Loesti wie im Vorjahr eine Schadenquote von 87 Prozent. „Rechnet man die Kosten hinzu, dann steckt der deutsche D&O-Markt im tiefroten Bereich“, so Loesti in seinem Vortrag „Die D&O Versicherung am Scheideweg.“

Anwaltskosten in Millionenhöhe

In den USA sei die Versicherungskapazität für die Managerhaftpflicht bereits gesunken. Ähnliches erwartet der Experte auch für Deutschland, weil die Schäden insgesamt immer teurer würden.

Loesti: „Wir verbrennen allein für Anwaltskosten bei großen Fällen rund eine Million Euro pro Monat.“ AIG sei von zwei Großfällen betroffen, für die jeweils ein Vergleich von 100 Millionen Euro ausgehandelt wurde.

„Es gibt aber viele Schadenfälle, die schaffen es gar nicht in die Zeitung, belasten die Versicherer aber erheblich.“ Gleichzeitig wären Insolvenzen zum Massenschaden für die Managerhaftpflicht geworden. Rund 80 Prozent aller Unternehmenspleiten in Deutschland wären mittlerweile versichert.

Früher konnte man mit den Assekuranzen reden, […] heute steigen die Versicherer einfach aus.

Nepomuk Loesti, AIG Europe Limited

Künstlich aufgeblasene Reserven dementiert

Loesti verwahrte sich gegen die Kritik, D&O-Versicherer würden ihre Reserven „künstlich aufblasen“, um die Branche in einem problematischeren Licht erscheinen zu lassen. „Das ist gar nicht möglich. Wir haben Pflichten, wie wir reservieren müssen“, erläuterte der Experte.

Nach Erkenntnis des Versicherers hat sich auch das Verhandlungsklima bei problematischen D&O-Verträgen deutlich verschlechtert. „Früher konnte man mit den Assekuranzen reden und in schwierigen Fällen das Limit senken, heute steigen die Versicherer einfach aus“, so Loesti, der damit wohl auch die Strategie des eigenen Hauses beschreiben dürfte.

„Rotländer“ werden als problematisch angesehen

Bei internationalen Versicherungsprogrammen gibt es weiterhin keinen Standard. Vollkommen homogene Bedingungen, wie sie international agierende Unternehmen gerne hätten, sind daher meist nicht herstellbar.

„Problematisch sind vor allem sogenannte Rotländer“, erläuterte Dr. Dirk Schilling Head of Casualty Guidance and Captive Services bei der HDI Global SE. Hier habe der Versicherer keine aufsichtsrechtliche Genehmigung und die Zeichnung des Risikos „von außen” sei in dem Land verboten.

Als Lösung schlägt Schilling die Vereinbarung einer Business Continuity Interest-Klausel (BCI) vor. Damit werde die „Belegenheit des Risikos“ so geändert, dass es nicht mit im „Rotland“, sondern im Land des Sitzes der Konzern-Mutter liege.

In 15 Minuten zur internationale Kunstpolice

Bruno Rohner (Bild: Schmidt-Kasparek)
Bruno Rohner (Bild: Schmidt-Kasparek)

Keine Lösung hat Schilling aber für das Problem, dass es für internationale Versicherungsprogramme noch keine echte Digitalisierungs-Strategie gibt. Das wurde auf dem Kongress von Seiten der Industrie scharf kritisiert.

Was möglich ist, demonstrierte Bruno Rohner. „Wir können eine internationale Kunstversicherung innerhalb von 15 Minuten herstellen, rückversichern und abrechnen“, so der IT-Experte, der als ehemaliger Head of Operations die Helvetia Specialty Lines Switzerland & International weitgehend digitalisiert hat.

So kann ein Underwriter die Einschätzung zu einem Objekt, das versichert werden soll, in das System eingeben und erhält automatisch die kritische Stellungnahme eines Kollegen. Kann man sich nicht einigen, geht der Fall an einen Chefunterwriter.

Stolz ist Rohner, dass sowohl das Frontend als auch das Backoffice voll digital läuft. Derzeit entwickelt die Helvetia die digitale Schadenbearbeitung für die Specialty Lines.

 
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