Der Run-off – besser als sein Ruf?

15.1.2015 (€) – Die Abwicklung von Beständen und deren Verkauf werden von der Öffentlichkeit meist kritisch gesehen. Die Folgen für Mitarbeiter und Kunden der betroffenen Unternehmen müssen jedoch nicht immer gravierend sein. Dass ein Run-off bei sorgsamer Durchführung durchaus eine sinnvolle strategische Entscheidung ist, meint die Versicherungs-Mitarbeiterin Regina Kutschera in einem Gastkommentar.

Regina Kutschera (Bild: Kutschera)
Regina Kutschera
(Bild: Kutschera)

Die Versicherungsbranche befindet sich aktuell in einer Konsolidierungsphase. Dabei geraten einzelne Sparten bis hin zu ganzen Gesellschaften, die das Konzernergebnis belasten, in den Fokus.

So wurden beispielsweise in der Lebensversicherung seit November 2013 diverse Verschmelzungen durchgeführt. Mehrere Lebensversicherungs-Anbieter, einige davon mit langer Tradition, verschwanden vom Markt (VersicherungsJournal 2.12.2014).

Durch die Presse ging im vergangenen Jahr die geplante Übernahme von Skandia Deutschland und Österreich durch die Heidelberger Lebensversicherung AG (VersicherungsJournal 28.03.2014).

Zuvor war bereits der Verkauf von Beständen der belgischen Quantum Insurance S.A. an die Darag Deutsche Versicherungs- und Rückversicherungs-AG in 2011 (VersicherungsJournal 23.3.2011) zum Medienthema geworden.

Bestandsverkäufe

Bestandsverkäufe an Konkurrenten, Rückversicherer oder Investoren fallen unter den Begriff Run-off.

Im deutsch- und englischsprachigen Raum gibt es bereits die ersten Run-off-Spezialisten, beispielsweise die Heidelberger Leben, die Darag, Munich Re, Axa Liabilities Managers (Axa LM), Catalina Holdings (Bermuda) Ltd, Compre Holdings sowie Randall & Quilter Investment Holdings Ltd.

Die Hauptgründe dafür, Bestände nicht mehr profitabel führen zu können, sind:

  • rückläufiges Neugeschäft und eine kleine Bestandsgröße, so dass sich die Fixkosten auf wenige Verträge verteilen,
  • steigende Schadenkosten, zum Beispiel durch eine geringe Diversifikation,
  • niedrige Kapitalmarktzinsen, die eine gewinnbringende Geldanlage erschweren und die Bilanz belasten,
  • strengere Eigenkapitalregeln durch Solvency II, wodurch insbesondere für kleine Anbieter die Schwierigkeit besteht, das nötige Eigenkapital aufzubauen,
  • hohe Garantie- und Pensionszusagen, die nicht mehr aus dem operativen Geldzufluss erfüllt werden können.

Einstellung des Neugeschäfts

Die Ergo Versicherungsgruppe hat mit dem Run-off der Victoria Leben in 2010 einen alternativen Weg eingeschlagen: Im Zuge der Firmierung unter der Marke Ergo, wurden die Produkte der Victoria Lebensversicherung AG für das Neugeschäft geschlossen (VersicherungsJournal 29.3.2010). Die Victoria Leben konzentriert sich seitdem auf die Verwaltung der bestehenden Verträge.

Ähnlich verfuhr die niederländische Delta Lloyd Gruppe: In 2011 wurde das Neugeschäft der Delta Lloyd Lebensversicherung AG eingestellt. Der Wettbewerbsdruck auf dem deutschen Versicherungsmarkt wurde für den vergleichsweise kleinen Anbieter zu groß und der angestrebte Verkauf der Lebensversicherungs-Sparte an die japanische Investmentbank Nomura Holdings K.K. scheiterte.

Vorteile bei Kosten und Regulierung

Ob Bestandsverkäufe oder Einstellung des Neugeschäfts, in beiden Fällen ergeben sich Kostenersparnisse:

  • Es fallen weniger Abschlusskosten wie zum Beispiel Provisionszahlungen an.
  • Der Verwaltungsapparat wird schlanker, Prozesse und Strukturen können vereinfacht werden.
  • Ein Stellenabbau in Verwaltung und Außendienst sowie das Outsourcen bestimmter Funktionen sind möglich.
  • Die Ausgaben für Geschäftseinheiten wie Marketing, Produktentwicklung und Buchhaltung sinken langfristig.
  • Das Einleiten umfangreicher Sanierungsmaßnahmen führt zu einem bereinigten und weniger kostenintensiven Bestand.

Des Weiteren ergeben sich neue Chancen durch Entlastungen bei den regulatorischen Anforderungen, die mit dem Run-off verbunden sind:

  • Der Druck durch Solvency II wird reduziert und Vorgaben für die Eigenkapitalhöhe entschärft.
  • Gebundenes Kapital kann freigesetzt werden.
  • Die Schadenrückstellungen sinken nach und nach.
  • Es kann ein Strategiewechsel bei der Geldanlage vollzogen werden, beispielsweise um sicherere Renditen zu erzielen.

Unter Aufsicht

Sämtliche Rechte und Pflichten bestehen bei einem Run-off fort. Im deutschen Aufsichtsrecht ist dieser jedoch nicht geregelt. Bestandsabwicklungen stehen aber unter Aufsicht, da sie mit wirtschaftlichen Besonderheiten wie sinkendem Bestand und niedrigerem Prämienaufkommen verbunden sind. Die wesentlichen aufsichtsrechtlichen Aspekte erläutert die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht in einem Bafin-Journal (VersicherungsJournal 6.3.2014).

Trotz der Kontrolle durch die Versicherungsaufsicht müssen Gesellschaften im Run-off auf kritische Stimmen vorbereitet sein. Insbesondere auf Kundenservice und Vertrieb werden Anfragen besorgter Kunden zukommen, die ungünstige Konditionen wie zum Beispiel eine schlechtere Verzinsung befürchten.

So musste sich der Ergo-Konzern in 2013 gegen eine Darstellung des Bundes der Versicherten e.V. wehren, die Überschüsse der Victoria Leben fielen deshalb geringer aus, weil die Kundeninteressen im Run-off vernachlässigt würden. Tatsächlich überstieg die Verzinsung der Ergo Leben (ehemals Hamburg-Mannheimer Leben) bereits seit 2002 die der Victoria Leben, also lange vor der Neugeschäftseinstellung.

Herausforderungen an die Vermittler

Obwohl Verbraucherschützer die Kunden davor warnen, Verträge vorschnell zu kündigen, sollte das abwickelnde Unternehmen mit einer erhöhten Stornorate durch verunsicherte Kunden rechnen.

Die Vermittler haben sich damit vielfachen Herausforderungen zu stellen: Kunden sind zurückzugewinnen, Vertrauen ist wieder aufzubauen und trotz allem sind weiterhin Beratungsgespräche zu führen.

Rationalisierungs-Vorhaben gehen außerdem an der Vertriebsstruktur nicht spurlos vorbei. Maßnahmen können Schließungen von Agenturen, Zusammenlegung von Direktionen, die Ausgliederung in Vertriebsgesellschaften sowie Anpassungen der Provisionssätze beinhalten.

Der Run-off bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass der Vertrieb überflüssig wird.

Kritik von Mitarbeitern und Kunden begegnen

Auch die Personalverantwortlichen haben einige zusätzliche Aufgaben zu bewältigen. Denn nicht nur die Kunden, auch die eigenen Mitarbeiter wird der neue Kurs verunsichern. Offene Kommunikation, interne Motivations- und Schulungsprogramme können hier vorbeugen.

Ist der Run-off mit einem Stellenabbau verbunden, wird mit den Mitarbeitern wichtiges Know-how verloren gehen, die Qualität des Kundenservices kann abnehmen.

Erscheint ein Arbeitgeber, der sich in einer Rationalisierungsphase befindet, zudem als unattraktiv, bleiben qualifizierte Bewerbungen aus. Dies geschieht insbesondere dann, wenn in der Öffentlichkeit ein negatives Bild entsteht und der Run-off als Versagen wahrgenommen wird, nicht als vorausschauende strategische Entscheidung. Eine über Jahrzehnte aufgebaute Reputation kann dabei nachhaltig geschädigt werden.

Akzeptanz schaffen durch sorgsames Vorgehen

Da das Thema noch relativ unbekannt ist, trägt ein wohlüberlegtes Vorgehen entscheidend zum Erfolg bei. Neben der öffentlichen Akzeptanz ist spezielles Know-how erforderlich, um die vielen Hürden zu überwinden.

Dies trifft insbesondere auf Bestandsverkäufe zu, da unter anderem sensible Kundendaten wie zum Beispiel Gesundheits- und Finanzdaten übermittelt werden. Umso wichtiger ist es, während der Transaktion Datenschutz und Datensicherheit zu gewährleisten. Transparente Prozesse, messbare Ergebnisse sowie die Begleitung durch Datenschutzexperten helfen dabei.

Ob und welche Form des Run-Offs sich eignet, ist von der Unternehmensleitung also sorgsam abzuwägen. Run-off-Spezialisten bieten den großen Vorteil, dass sie Bestände übernehmen und professionell managen, die nicht länger in das eigene Profil passen.

Durch die größere Menge an verwalteten Verträgen können sich Synergieeffekte wie Know-how-Transfer, Fixkostendegression und neue lukrativen Möglichkeiten bei der Geldanlage ergeben. Und das kommt – zum Beispiel über die Verzinsung – letztendlich auch den Kunden zugute.

Regina Kutschera

Die Autorin, ausgebildete Versicherungskaufrau und Betriebswirtin, ist in der Kompositversicherung tätig.

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