2.6.2017 (€) – Kann man ein Schlachtschiff vollkommen umkrempeln und auf einen neuen Kurs bringen? Die Ergo Group beantwortete diese Frage jetzt mit einem klaren „Ja“. Trotz massiven Stellenkürzungen, der Ausgliederung des klassischen Lebensversicherungs-Bestandes und einer vollkommenen Neuorganisation des Vertriebs hat das Unternehmen nach eigenen Angaben seine Verkaufseffizienz erhöht.
Heute genau vor einem Jahr hat die Ergo Group AG das Strategieprogramm „Ergo 2021 – Fit, digital, erfolgreich!“ vorgestellt. Gestern hat die Düsseldorfer Versicherungsgruppe Bilanz gezogen. Nach Aussage des Managements läuft das umfassende Strategieprogramm überwiegend planvoll ab.

- Markus Rieß (Bild: Schmidt-Kasparek)
Der Versicherungskonzern baut systematisch Personal im Außendienst und Innendienst ab und strukturiert sich umfassend neu. Damit sollen hohe Kostenersparnisse erzielt werden. Gleichzeitig wird in neue Produkte und digitale Technik investiert (VersicherungsJournal 2.6.2016).
KI, Roboter und neue Online-Marke
Der Ergo Konzern will künftig eine „führende Rolle bei der Digitalisierung“ einnehmen. „Dafür setzen wir auf künstliche Intelligenz“, erläuterte Ergo-Vorstandschef Dr. Markus Rieß im Rahmen einer Pressekonferenz. Damit möchte das Unternehmen die Schaden- und Leistungsbearbeitung stärker automatisieren.
Zudem sollen Roboter die Kundenansprache übernehmen. Doch das ist noch Zukunftsmusik, denn die deutsche Sprache stelle im Gegensatz zum Englisch eine hohe Hürde auf.
Die Entwicklung neuer digitaler Techniken übernimmt die Ergo Digital Ventures AG in Berlin und Warschau. Hier wurde beispielsweise eine App für die Gewerbeversicherung entwickelt, die die Kautionsversicherung automatisiert.
Mit der Neckermann Versicherung AG als Risikoträger soll das eigene Startup, die Nexible GmbH, Ende des Jahres eine Online-Autoversicherung auf den Markt bringen. Gleichzeitig wird die Kompetenz der Ergo Direkt Versicherungen genutzt, den Konzern weiter ins digitale Zeitalter zu bringen. „Wir sind gut unterwegs und haben alle Meilensteine des Gesamtprogramms erreicht“, resümierte Rieß.
Harte Einschnitte
Das gilt vor allem für harte Einschnitte im Vertrieb. So wurden fünf verschiedene Ausschließlichkeits-Organisationen zu einer Einheit zusammengeführt. Insgesamt will der Konzern 1.300 Stellen im Vertrieb streichen. Aktuell sei 75 Prozent dieses Personalabbaus bereits vollzogen worden. Umgerechnet haben somit bereits rund 975 Außendienstler das Unternehmen zwangsweise verlassen müssen.
Zudem wurden von 119 Regionaldirektionen 54 geschlossen. Künftig will sich die Ergo auf 55 Standorte „fokussieren“. Diese Standorte sollen aber so ausgewählt werden, dass trotzdem eine „hohe Präsenz in der Fläche garantiert“ wird. Trotz starker Einschnitte beim Außendienst will der Versicherer im Vergleich zum Vorjahr bereits mehr Verträge verkauft haben.
So sei etwa bei der selbstständigen Berufsunfähigkeits-Versicherung der Marktanteil „verdoppelt“ worden. In der Verwaltung – hier sollen laut Strategieprogramm 500 Stellen gestrichen werden – wurden bis zum jetzigen Zeitpunkt bereits ein Drittel oder rund 167 Stellen wegrationalisiert.
„Für 2017 rechnen wir mit einer Nettokostenersparnis von 100 Millionen Euro“, sagte Ergo-CFO Dr. Christoph Jurecka. Operativ sei die Ersparnis sogar schon höher. „Viele Sparmaßnahmen, die wir angestoßen haben, wirken sich kostenmäßig erst später aus“, so Jurecka.
Neue Leben- und Komposit-Produkte
Aus klassischen Lebensversicherungen hat sich die Ergo in allen Bereichen zurückgezogen. Das gilt auch für die betriebliche Altersvorsorge (bAV) und die staatlich geförderte Riester-Rente. Trotzdem werde das Unternehmen weiterhin sowohl im Ausland als auch im Inland Altersvorsorge anbieten.
Als Innovation nannte Rieß die Einführung einer kapitalnahen Riester-Rente ohne Abschlussprovision, die so besonders wettbewerbsfähig sei. Das Produkt soll als notwendige Kundenbindung vom Außendienst verkauft werden. Ein reiner Online-Verkauf ist nicht geplant. Rieß: „Das funktioniert.“ Rund 2.000 Riester-Verträge seien bereits verkauft worden.
„Vermittler sind nämlich keine Provisionsmaschinen“, stellte der Ergo-Chef klar. Im Neugeschäft sollen kapitalmarktnahe und biometrische Produkte ausgebaut werden. Für 2018 kündigte Rieß „neuartige“ bAV-Produkte an.
Neues gibt es seit März für Privatkunden im Bereich Haftpflicht, Kraftfahrt und Hausrat und Unfall (VersicherungsJournal 24.3.2017). Künftig könne günstiger Basisschutz modular erweitert werden. Die Produkte wären von der externen Rating-Agentur Franke & Bornberg positiv bewertet worden. „Makler und Vermittler nehmen die Produkte an“, so Rieß. Es sei aber noch zu früh, um die realen Vertriebsergebnisse zu veröffentlichen.
Umstrukturierung belastet
Die massive Umstrukturierung des Konzerns führt aber auch zu Problemen. So gebe es weiterhin unter der deutschen Belegschaft große Unruhe. Rieß: „Natürlich belastet die Umstrukturierung unser Haus, das will ich nicht schönreden. Wir können nicht alle mitnehmen.“
Wir können nicht alle mitnehmen.
Ergo-Chef Dr. Markus Rieß zum Konzernumbau
Trotzdem gäbe es sehr viele, die umdenken und die Veränderungen aktiv mittragen würden. „Bei 13 Programmen mit zehn bis 30 Unterarbeitssträngen und 300 Meilensteinen gibt es immer welche, die rot werden“, erläuterte Rieß. Doch bisher hätte das Unternehmen durch ein regelmäßiges Monitoring alles wieder auf „grün“ stellen können.
Problemfeld IT-Migration
Eine Entscheidung hat das Ergo-Management aber noch nicht getroffen. So sei die Transformation der bisherigen Bestandsführungs- und Leistungs-IT das größte Problem. Es sei noch nicht entschieden, ob die Migration selbst durchgeführt werden soll oder das System extern abgelöst werde. Klar ist hingegen, wohin das Unternehmen steuern möchte. So soll die Kostenquote von derzeit 36 auf unter 30 Prozent gesenkt werden.
Bis es soweit ist, steigen die Kosten aber durch die bis zum Jahre 2021 geplanten Investitionen in Höher von einer Milliarde Euro erst einmal an. Diese Investitionen will die Ergo aber aus eigener Kraft stemmen. Die Mutter Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft AG (Munich Re) soll keinen direkten Kapitaleinschuss leisten.
Ihre Aktionäre müssen aber während der Zeit des Strategieprogrammes auf eine Dividende verzichten. Schon in diesem Jahr hofft die Ergo, erste Früchte der Umstrukturierung zu ernten und ein hohes positives Ergebnis zu erzielen.




