Warum niedrige Alterseinkommen nicht Altersarmut bedeuten müssen

20.5.2026 – Eine niedrige gesetzliche Rente bedeutet nicht automatisch Altersarmut – zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Die Autoren argumentieren, dass in der politischen Debatte häufig ein wichtiger Faktor ausgeblendet werde: vorhandenes Vermögen.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. (IW) hat in einer aktuellen Studie untersucht, wie Vermögensbildung die Altersarmut beeinflusst. Die Studie nimmt Bezug auf aktuelle Reformdebatten, wonach sich die Absenkung des Rentenniveaus auch in einer höheren Armutsgefährdung im Alter ausdrücke (VersicherungsJournal 19.12.2025).

Die Autoren kritisieren allerdings, dass viele Analysen ausschließlich auf laufende Alterseinkommen schauen. Zudem werde die Diskussion oft auf niedrige gesetzliche Renten reduziert. Um die tatsächliche wirtschaftliche Lage älterer Menschen zu beurteilen, greife das aus ihrer Sicht zu kurz.

Einkommensbezogene Armutsquote unter Rentnerhaushalten: 17,8 Prozent

Jochen Pimpertz (Bild: IW)
Jochen Pimpertz (Bild: IW)

Für ihre Studie nehmen die Autoren Dr. Jochen Pimpertz und Dr. Maximilian Stockhausen die gängige Definition der Armutsgefährdung als Grundlage. In die Armutsgefährdungsquote fließen laufende verfügbare Einkommen eines Haushalts ein – etwa gesetzliche, private und betriebliche Renten, Löhne oder Kapitalerträge.

Als armutsgefährdet gelten dabei Personen, deren bedarfsgewichtetes Nettohaushaltseinkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Für einen Einpersonenhaushalt entsprach das zuletzt grob rund 1.380 Euro netto im Monat. Nicht direkt berücksichtigt werden für die Quote dagegen vorhandene Vermögensbestände wie Immobilien, Wertpapierdepots oder größere Ersparnisse.

Auf Basis von Befragungsdaten der Deutschen Bundesbank ergibt sich demnach eine einkommensbezogene Armutsgefährdungsquote von 17,8 Prozent unter den Haushalten, in denen der Haupteinkommensbezieher eine gesetzliche Altersrente erhält.

Die Stabilisierung des Sicherungsniveaus in der gesetzlichen Rente bei 48 Prozent werde folglich auch damit begründet, dass eine hinreichende Sicherung im Alter in der Regel über die drei Säulen gesetzliche Rente, Betriebsrente und geförderte private Altersvorsorge möglich sei. Diese Auffassung greife zu kurz, weil der Wohlstand im Alter auch über andere Einkommen und Vermögen gesichert werde.

Wir führen die Rentendebatte auf der Basis nicht überzeugender Befunde.

Jochen Pimpertz, IW Köln

Reformdebatten mit Fokus auf individuell erworbene Ansprüche

Als weitere Verengung des Begriffs der Armutsgefährdung kritisieren die Autoren, dass in der Debatte stark auf individuell erworbene Ansprüche abgestellt werde – etwa auf die Höhe der gesetzlichen Rente, die eine Person im Laufe ihres Erwerbslebens erworben hat.

Das verkenne aber, dass sowohl die Armutsgefährdung als auch der Anspruch auf Sozialleistungen im Alter – etwa über die Mindestsicherung – im Haushaltskontext bewertet werde. So können auch Personen mit niedrigen eigenen Rentenansprüchen in finanziell gut ausgestatteten Haushalten leben.

Zur Illustration verweisen die Autoren auf Daten aus dem Alterssicherungsbericht 2024 des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) (24.6.2025):

Rund vier Prozent der gesetzlichen Bruttorenten liegen demnach unter 500 Euro im Monat, im Durchschnitt bei 317 Euro. Die entsprechenden Haushalte, in denen Personen mit derart niedrigen Rentenbezügen leben, verfügen im Schnitt über rund 5.310 Euro Bruttoeinkommen monatlich.

Vermögen der Haushalte werden anhand Bundesbank-Studie eingerechnet

Um nun die Vermögen einzubeziehen, greifen die Ökonomen auf die Bundesbank-Erhebung „Private Haushalte und ihre Finanzen“ (PHF) zurück. Die dreijährig durchgeführte Befragung umfasst rund 4.000 Haushalte und erfasst detaillierte Informationen sowohl zu Einkommen als auch zu Vermögen und Schulden.

Die Datenbasis erlaubt es, neben dem laufenden Einkommen auch das Nettovermögen der Haushalte zu berechnen – also Vermögen abzüglich Verbindlichkeiten. Erfasst werden dabei unter anderem Immobilien, Wertgegenstände, Geldvermögen wie Spar- und Wertpapierbestände sowie weitere Vermögenswerte und Kredite. Die Angaben beruhen auf Selbstauskünften der Befragten.

Demnach besitzen Haushalte, in denen der Hauptverdiener über 64 Jahre alt ist, im Durchschnitt ein Vermögen von 374.245 Euro. Der Medianwert liegt bei 177.780 Euro – also dem Wert, bei dem die eine Hälfte der Haushalte mehr und die andere Hälfte weniger Vermögen aufweist.

Bezieht der Hauptverdiener eine gesetzliche Altersrente, liegt das durchschnittliche Vermögen der Haushalte bei 313.432 Euro. Der Median liegt hier bei 139.540 Euro.

Vermögensverteilung (Bild: Wenig)

Vermögen in lebenslange Rente umgerechnet

Im nächsten Schritt wird das Nettovermögen in der Studie annuitisiert, also in eine hypothetische lebenslange monatliche Zusatzrente umgerechnet. Grundlage ist die Idee, dass das Vermögen über die verbleibende Lebenserwartung gleichmäßig in Einkommensströme umgewandelt aufgeteilt werden kann.

Zudem berücksichtigen die Autoren die sehr ungleiche Vermögensverteilung. So verfügen 25 Prozent der Haushalte mit einem GRV-Rentner als Hauptverdiener über ein Nettovermögen von höchstens 16.730 Euro. Die obersten zehn Prozent dieser Gruppe kommen hingegen auf ein Vermögen von knapp 790.000 Euro.

Um diese Streuung abzubilden, arbeiten die Autoren mit Vermögensquantilen – also Gruppen, die die Haushalte nach der Höhe ihres Vermögens in gleich große Teile einteilen.

Armutsgefährdung unter Einbeziehung der Vermögen deutlich geringer

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das Risiko von Altersarmut deutlich sinkt, wenn neben dem laufenden Einkommen auch vorhandenes Vermögen berücksichtigt wird. Für die Gesamtbevölkerung reduziert sich die Armutsgefährdungsquote demnach von 15,4 auf 13,4 Prozent.

In der für die Alterssicherung besonders relevanten Gruppe von Haushalten mit einem gesetzlichen Altersrentner als Hauptverdiener fällt der Rückgang besonders stark aus: Dort sinkt die Quote von 17,8 auf 11,0 Prozent.

Auch in der Gruppe der Ruheständler zeigt sich ein ähnliches Bild. Hier verringert sich die Armutsgefährdung von 15,8 auf 10,4 Prozent, sobald Vermögen in die Berechnung einbezogen wird. Nach Ansicht der Autoren spielt dabei vor allem die Vermögensbildung im Lebensverlauf eine zentrale Rolle, die im Ruhestand zur Stabilisierung des Lebensstandards beiträgt.

Armutsgefährdungsquote (Bild: Wenig)

Rentendebatte anhand „nicht überzeugender Befunde“?

Mit der herkömmlichen Armutsdefinition werde der Anteil armutsgefährdeter Rentner um etwa ein Drittel überschätzt, schlussfolgert das IW Köln. Oder wie es in der Studie heißt: Die Architektur der Alterssicherungssysteme sei besser als ihr Ruf, wenn es darum gehe, Armut im Alter zu verhindern.

„Wir führen die Rentendebatte auf der Basis nicht überzeugender Befunde“, sagt Jochen Pimpertz. Er verweist darauf, dass mehrere Reformvorschläge der von der Bundesregierung eingesetzten Rentenkommission eine größere Umverteilung vorsehen, etwa der „Boomer-Soli“ (26.3.2026).

„Wer den Versicherungscharakter der Rente mit unvollständigen Armutszahlen aufweicht, riskiert teure Fehlanreize", warnt Pimpertz. Gleichzeitig räumen die Autoren in der Studie selbst mögliche Kritikpunkte an ihrer Argumentation ein:

  • Vermögen ist nicht gleich verfügbar: Ein abbezahltes Haus erzeugt nicht automatisch liquide Mittel für den Alltag. Das Papier behandelt Vermögen rechnerisch jedoch wie eine potenzielle Einkommensquelle, auf die zudem regelmäßig zugegriffen werden kann.
  • Vermögenswerte beruhen auf Selbsteinschätzungen: Die Werte für Immobilien und Unternehmen in der Bundesbank-Studie stammen aus Eigenschätzungen der Haushalte. Die Autoren räumen selbst ein, dass nicht überprüft werden könne, ob diese den realen Marktwerten entsprechen.
  • Niedrige Renten bleiben politisch sensibles Thema: Auch wenn Haushalte insgesamt abgesichert sein mögen, bleibt die individuelle Rentenhöhe gesellschaftlich und politisch relevant – etwa für Verwitwung, Trennung oder Pflegefälle. Auch die bestehende Ungleichverteilung der Vermögen wird in der Studie eingeräumt.
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