2.7.2026 – Mehr gezielter Hochwasserschutz an Flüssen ist möglich. Die Entwicklungen am Beispiel der Ahr zeigen aber, dass die Umsetzung viel zu lange dauert. Nach Ansicht von Wissenschaftlern und Versicherern wird es durch den Klimawandel künftig öfter zu Naturkatastrophen kommen.
Eine kleine Mauer „ziert“ einen großen Neubau in Bad Neuenahr-Ahrweiler. „Das hilft beim echten Hochwasser in keiner Weise, denn das Wasser läuft einfach darüber“, erläuterte Professor Dr. Holger Schüttrumpf, Direktor des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft der RWTH, am Mittwoch anlässlich einer Exkursion der Zurich Gruppe Deutschland entlang der Ahr.

- Holger Schüttrumpf (Bild: Schmidt-Kasparek)
Die Mauer um den Neubau ist nach Einschätzung von Experte Schüttrumpf sogar kontraproduktiv, weil sie das Wasser zurückhalte. Der Neubau hätte nach Einschätzung des Wissenschaftlers besser gar nicht errichtet werden sollen. Denn es sei wichtig, dem Fluss im Ernstfall Platz zu verschaffen.
Ahrtal: elf Milliarden Euro an Schäden
An der Ahr war es im Juli 2021 zu einer schweren Überschwemmung durch den Starkregen „Bernd“ gekommen (VersicherungsJournal Archiv). Es starben in Deutschland 188 Menschen.
Die Sturzflut verursachte in der Sachversicherung laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) elf Milliarden Euro an Schäden. Die gesamtwirtschaftlichen Schäden lagen hingegen sogar bei über 40 Milliarden Euro (7.7.2022).
Zehn Jahre für erstes Rückhaltebecken
Aktuell fließen wenige Kubikmeter Wasser durch die idyllisch anzuschauende Ahr. „2021 waren es rund 1.000 Kubikmeter pro Sekunde“, erläuterte Schüttrumpf. Der Wasserstand hätte bis zu drei Meter hochgestanden und die 1. Stockwerke der Gebäude in Bad Neuenahr-Ahrweiler wären geflutet worden.
„Wir müssen beim Hochwasserschutz schneller werden“, betonte der Wissenschaftler. So gebe es zwar nun ein deutlich besseres Frühwarnsystem, aber die Rückhaltung des Wassers ist noch lange nicht in Sicht.
Entlang der Ahr sind 18 Rückhaltebecken geplant. Die Organisation und konkrete Planung seien aber noch nicht gestartet. „Ich gehe davon aus, dass wir noch zehn Jahre warten müssen, bis das erste Becken da ist“, sagte Schüttrumpf.
Menschen verdrängen Katastrophen
Mit ihrer Exkursion verdeutlichte die Zurich Versicherung ein wichtiges Problem: Viele Menschen glauben, dass weitere Maßnahmen gegen Hochwasser nicht so dringend sind, da es sich bei der Ahrtal-Flut um ein einmaliges Ereignis gehandelt habe. Das ist nach Erkenntnis von Wissenschaftlern und Versicherern falsch.

- Horst Nussbaumer (Bild: Schmidt-Kasparek)
„So wird ein Vergessen, eine Art Flutdemenz, unterstützt“, warnte Horst Nussbaumer, Chief Claims and Operations Officer der Zurich Gruppe Deutschland. „Tatsächlich gab es in der Geschichte vergleichbare Starkregen-Ereignisse und klare Hinweise auf solche Risiken. Wenn wir jetzt nicht konsequent den Wiederaufbau an Risikoprävention ausrichten, laufen wir Gefahr, eine ähnliche Situation erneut zu erleben.“
Wie häufig bei Katastrophen nimmt die Aufmerksamkeit bei den meisten Menschen schnell wieder ab. Die Bereitschaft, in Prävention zu investieren, ist dementsprechend gering.
Das zeigt auch der aktuelle Präventionsreport der Axa Versicherungen, der auf einer repräsentativen Studie der Yougov Deutschland GmbH basiert. Mehr als die Hälfte der Eigentümer (54 Prozent) sagt, dass das Risiko von Schäden durch Naturgefahren zu klein sei, um in Umbaumaßnahmen zu investieren.
Risiko: ein Prozent pro Jahr
Zurich-Vorstand Nussbaumer: „Die Versicherungsbranche kann Schäden finanziell aber nur abfedern, echte Resilienz entsteht nur in Kombination mit konsequenter Prävention.“ Die Erwärmung durch den Klimawandel führe dazu, dass mehr Wasser in der Atmosphäre ist.

- Michael Szönyi (Bild: Schmidt-Kasparek)
„Es wird künftig öfter zu Starkgewittern kommen, die sich nicht bewegen und an einer Stelle eine schwere Überschwemmung auslösen“, erläuterte Michael Szönyi, Leiter des Flood Resilience Program bei Zurich. „Wenn ein Haus in einer 100-jährlichen Hochwasserzone steht, dann kann die Katastrophenflut in jedem beliebigen Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Prozent eintreten“, so der Experte.
Die Zurich selbst hat aus der Erfahrung mit „Bernd“ ein SOS-System für Naturmassenschäden entwickelt, damit die Schadenregulierung schnell anlaufen kann. Vorstand Nussbaumer sieht aber die Gefahr, dass es mehr nichtversicherbare Risiken gibt, wenn nicht mehr Prävention betrieben wird.
„Aktuell sind nur schätzungsweise drei bis fünf Prozent der Gebäude in Deutschland nicht versicherbar, weil sie in Hochrisikozonen für Starkregen und Überschwemmung liegen.“
Pflicht zum Schutz vor Elementarschäden
Angesichts eines bereits wieder nachlassenden Risikobewusstseins in der Bevölkerung unterstützt die Zurich Vorschläge der Bundesregierung (26.3.2025) und des GDV (4.12.2025), über eine verpflichtende Opt-out-Lösung die Versicherungsdichte für Elementarschäden zu erhöhen.
Derzeit sind nur rund 57 Prozent der Gebäude gegen Elementarschäden versichert. Heute nicht versicherbare Risiken sollen in einen neuen Rückversicherer, Elementar Re, gebündelt werden. Für außergewöhnliche Katastrophen, die nur alle 200 Jahre auftreten, soll der Staat eintreten. „Ich gehe davon aus, dass es noch 2026 einen Gesetzentwurf zum Elementarschutz geben wird“, sagte Nussbaumer.




