1.2.2021 (€) – Der Kampf zwischen Kfz-Herstellern, Automobilclubs, Dienstleistern und Versicherern um die Fahrdaten aus dem Auto, geht unvermindert weiter. Den Autoherstellern wird massiv die Behinderung des freien Wettbewerbs vorgeworfen. Doch der Druck auf sie nimmt deutlich zu.
Telematiktarife in der Autoversicherung erleben derzeit einen Boom. Immer mehr Angebote kommen auf den Markt. Mittlerweile können alle Altersgruppen die Tarife nutzen, die passive Fahrweise honorieren. Gleichzeitig leiden die Autoversicherer deutlich darunter, dass die Kfz-Hersteller noch immer nicht bereit sind, ihre Daten, die sie im Auto erheben, mit Dritten zu teilen.
„Die Autohersteller wollen hier ihr eigenes Süppchen kochen“, sagte der Autoexperte Guido Reinking von Hocke + Partner Kommunikation anlässlich der Veranstaltung „Der ungehobene Datenschatz des Autofahrers“. Sie fand vergangene Woche im Rahmen des Goslar-Diskurs in diesem Jahr virtuell statt.
Kfz-Hersteller verweigern Zugang zu Daten im Fahrzeug

- Jörg Rheinländer mit Telematikbox
(Bild: Screenshot Schmidt-Kasparek)
Schon vor zehn Jahren hat sich laut Jörg Rheinländer, Vorstand der Huk-Coburg Allgemeine Versicherungs-AG, sein Unternehmen mit der Fahranalyse beschäftigt.
„Und auch im Jahre 2021 müssen die Kunden ein kleines Gerät auf die Windschutzscheibe des Autos kleben, um Fahrdaten zu ermitteln.“ Grund sei die Verweigerungshaltung der Kfz-Hersteller, die Dritten keinen Zugang zu den Daten im Fahrzeug gewähren wollen.
Nach Einschätzung der Experten können aber deutsche Hersteller derzeit ihre Daten noch nicht „over the air“ aus ihren Flotten auslesen. Im Vergleich zur Tesla Germany GmbH seien die Kfz-Unternehmen weit zurück.
Das gelte vor allem für die Zukunftstechnologie Elektroauto. Vor allem BMW sei hier abgeschlagen, während VW und Mercedes bereits weiter vorne liegen würden. So die Einschätzung von Jochen Rudat, ehemaliger Mitarbeiter von Tesla, der heute das Unternehmen Muchbetterelectric & Electric Ventures betreibt. „Doch auch VW muss finale Software in der Werkstatt aufspielen lassen“, so Rudat.
Klimaschutz nimmt Big Data den Schrecken
Die Verweigerungshaltung der Kfz-Hersteller hinsichtlich des Zugriffs auf Daten wird nach Einschätzung von Professorin Dr. Susanne Knorre von der Hochschule Osnabrück aber bald stark unter Druck geraten. „Allein aufgrund des Klimaschutzes werden wir eine so hohen Problemlösungsdruck erhalten, dass wir auf Lösungen aus Big Data nicht verzichten können“, so die Wissenschaftlerin.

- Susanne Knorre (Bild: Screenshot Schmidt-Kasparek)
Daten, die der Allgemeinheit in Form von Klimaschutz und Sicherheit nutzen, würden dann Big Data vom Schrecken des „Big Brothers“ befreien. Die Expertin geht davon aus, dass man die Daten etwa in einer europäischen Cloud oder Stiftung verwalten könnte. Das würde hohe Datensicherheit und hohe Datenqualität garantieren. Gleichzeitig sei dann ein fairer Zugang zu den Fahrdaten der Kunden auch für Dritte möglich.
„Wir werden dann eine regelrechte Explosion von neuen Service-Angeboten rund um die Mobilität erhalten“, schätzt Knorre.
Ähnlich argumentiert Guido Kutschera von der Dekra Automobil GmbH. Er schlägt vor, dass Prüforganisationen als vom Staat beaufsichtigte Datentreuhänder eingesetzt werden. Allgemein warnen die Experten vor einer Datenmonopolbildung durch Autohersteller.
Telematik-Nutzer sorgen für mehr Sicherheit
„Die Autofahrer müssen beispielsweise entscheiden können, ob sie von ihrem Fahrzeug bei einem Defekt in eine Markenwerkstatt oder in eine freie Werkstatt gesteuert werden wollen“, so HUK-Vorstand Rheinländer. Derzeit hätte der größte deutsche Kfz-Versicherer – obwohl er Daten nicht direkt aus den Autos auslesen kann – über 400.000 Kunden für seinen vergünstigten Telematiktarif gewonnen und schon eine Milliarde Fahrkilometer ausgewertet.
„Wir haben längst bewiesen, dass unser Tarif zu vorsichtigem Fahren anhält“, so Rheinländer. Daher würden die Nutzer nicht nur sparen, sondern auch für eine höhere Sicherheit auf deutschen Straßen sorgen.
Der Manager appellierte an alle Verantwortlichen, dass nicht nur für sicherheitsrelevante Daten, sondern auch für wirtschaftliche Daten ein gleicher Zugang für alle Dienstleister geschaffen werden muss. „Wir müssen Monopolstrukturen verhindern, damit sich jeder interessante Daten leisten kann“, so Rheinländer.
Autonomes Fahren ist nach Meinung der Experten in den nächsten Jahren noch nicht zu erwarten. Gleichzeitig werde es aber eine schnelle Mobilitätswende geben. „Sie findet aber in der Luft statt“, prophezeite Rudat. „Die Drohnen werden das Auto überholen, denn in der Luft gibt es keine spielenden Kinder.“




