22.10.2026 – Wer den Blick auf den Touchscreen richtet, kann die Straße nicht beobachten. Das führt zu einem hohen Unfallrisiko. Erstmals wurde es nun in einer Studie quantifiziert. Viele erkennen, dass die moderne Technologie Ablenkung fördert. Sprachsteuerung kann das Risiko senken.
Das Unfallrisiko durch Ablenkung am Steuer ist deutlich höher als bislang angenommen. Eine Untersuchung des Allianz Zentrum für Technik (AZT) der CogniBIT GmbH hat ermittelt, dass in 30 Prozent aller Unfälle in Deutschland Ablenkung ein Auslöser oder mitwirkender Faktor ist. Bisher war der Anteil nur auf rund zehn Prozent geschätzt worden.
Ablenkung ähnlich gefährlich wie Alkohol am Steuer
Die Studie zeigt, Ablenkung ist sogar gefährlicher als eine Fahrt mit einem Blutalkoholwert von 0,8 Promille. Frank Sommerfeld, CEO der Allianz Versicherungs-AG, forderte daher auf dem „Allianz Motor Day 2026“, dem Risiko Ablenkung im Verkehr viel mehr Augenmerk zu schenken. „Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer.“
In der Praxis ist es aber wohl sehr schwierig, nach Verkehrsunfällen den Anteil von Ablenkung zu bestimmen. „Ablenkung lässt sich nach einem Unfall deutlich schwieriger nachweisen als etwa Alkoholeinfluss.
Ein kurzer Blick aufs Smartphone oder auf das Fahrzeugdisplay hinterlässt häufig keine eindeutigen Spuren. Deshalb bleibt der tatsächliche Anteil von Ablenkung am Unfallgeschehen in den offiziellen Statistiken zu einem erheblichen Teil verborgen“, erläuterte AZT-Leiter Christian Sahr.
Touchscreens bringen höheres Ablenkungsrisiko
Daher wurde das Risiko „Ablenkung“ nun per Modellversuch ermittelt. Bei einer Gefahrenbremsung des vorausfahrenden Fahrzeugs auf der Autobahn steigt der Anteil der Kollisionen durch Ablenkung von 18,2 Prozent auf 54,3 Prozent. Bei einem plötzlich auf die Straße laufenden Kind steigt er von 3,9 Prozent auf 11,2 Prozent.
Sahr: „Besonders bemerkenswert ist, dass in allen vier simulierten Szenarien das Kollisionsrisiko bei Ablenkung höher war als unter einem simulierten Alkoholeinfluss von 0,8 Promille.“ Ein Grund für das deutlich höhere Unfallrisiko durch Ablenkung ist die technische Hochrüstung der Bedienmöglichkeiten moderner Fahrzeuge. Sie verfügen über immer mehr Funktionen für Sicherheit, Komfort, Navigation, Kommunikation, Unterhaltung und Fahrzeugeinstellungen.
Vieles lässt sich über Touchscreens, Sprache sowie Tasten, Hebel oder Schalter bedienen. „Doch je weniger intuitiv die Bedienung, desto stärker lenken sie vom Verkehrsgeschehen ab“, heißt es in einer Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV). „Viele Autofahrer wechseln ihren Blick zwischen Straße und Display hin und her. Das gibt ihnen das Gefühl, die Sache im Griff zu haben“, sagt UDV-Leiterin Kirstin Zeidler. „Und trotzdem sind sie nicht wirklich beim Verkehrsgeschehen.“
Wenige Sekunden Ablenkungen reichen
Wer den Blick von der Fahrbahn abwendet, erkenne Gefahren später und verfügt über weniger aktuelle Informationen zum Verkehrsgeschehen. „Dadurch verkürzen sich sowohl die verfügbare Reaktionszeit als auch der Brems- oder Ausweichweg. Bereits wenige Sekunden fehlender Aufmerksamkeit können so den entscheidenden Unterschied zwischen einer erfolgreichen Gefahrenvermeidung und einer Kollision ausmachen“, heißt es in der AZT-Studie.
Der stark zugenommene Funktionsumfang moderner Fahrzeuge mache die Abbildung bestimmter Funktionen über den Touchscreen notwendig. Dabei wanderten Funktionen, die früher intuitiv und ohne Blickkontakt bedient werden konnten, zunehmend in digitale Menüs.
Experte Sahr: „Für zentrale und häufig genutzte Funktionen wie das Bedienen der Klimaanlage oder des Radios sind heute oftmals mehrere Eingaben auf dem Bildschirm notwendig. Dadurch richten Fahrer ihren Blick länger und häufiger weg vom Verkehrsgeschehen, was die Fahrsicherheit beeinträchtigen kann.“

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Bediendesigns machen den Unterschied
Laut AZT gibt es aber moderne Automodelle, die ein sichereres Cockpit bieten als andere. So konnten die Forscher bei identischen Alltagsaufgaben sehr unterschiedliche Blickabwendungszeiten ermitteln. „Bei einzelnen Aufgaben konnten durch ein günstiger gestaltetes Bedienkonzept bis zu 25 Prozent beziehungsweise rund drei Sekunden Blickabwendungszeit eingespart werden“, so die Studie.
Dies zeige, dass nicht der Touchscreen selbst das Problem ist, sondern vor allem die Art, wie Funktionen in das Bedienkonzept des Fahrzeugs integriert werden. „Wir haben aber keine Breitentests mit vielen Fahrzeugen durchgeführt“, erläutert auf Anfrage Allianzpressesprecher Christian Weishuber.
„Untersucht wurden die Bediendesigns im Renault 5 Electric und im Hyundai Inster. Dazu wurden in beiden Fahrzeugen sechs definierte Aufgaben von den Protagonisten durchgeführt. Dabei wurde über alle untersuchten Funktionen ein Unterschied von 25 Prozent gemessen.“ Das bedeute aber nicht, dass der R5 das beste Fahrzeug am Markt ist und der Inster das schlechteste.
So oft wie möglich Sprachsteuerung nutzen
Mit den Ergebnissen der AZT-Studie bleiben die Autofahrer mehr oder weniger allein. „Fahrerassistenzsysteme können unterstützen, den Fahrzeuglenker jedoch nicht ersetzen“, so der Versicherer. Er fordert daher mehr Aufklärung und Schulungen, um das Bewusstsein für die Risiken von Ablenkung nachhaltig zu stärken.
Zudem gibt es Appelle an die Fahrzeughersteller und Behörden. Die Hersteller sollten dafür sorgen, dass relevante Funktionen leicht zugänglich bleiben und jederzeit bedienbar sind. Und die Regulierungs- und Vollzugsbehörden sollten sich „systematisch“ um das Thema Ablenkung kümmern.
Deutlich pragmatischere Lösungen gibt es hingegen in der UDV-Studie. „Telefonieren, Navigieren, Radiosender oder Playlist auswählen – solche komplexen, nicht zeitkritischen Aufgaben sollten während der Fahrt per Sprache bedient werden“, empfehlen die Wissenschaftler. Sprachsteuerung nutze auditive und verbale Ressourcen des Fahrers. Visuelle oder motorische Ressourcen der Fahrenden würden so nicht benötigt.




