25.9.2017 (€) – Der Umbau von IT-System auf moderne Standards hat bei den deutschen Versicherern eine hohe Dynamik entwickelt. Ziel ist es, Altsysteme abzulösen und so wettbewerbsfähiger zu werden. Damit sollen auch Angriffe von Insurtechs abgewehrt werden. Das soll den Versicherern das Überleben sichern. Große Umwälzungen wird es aber beim klassischen Vertrieb geben, so der Tenor auf einer Fachveranstaltung.
„Der klassische Vertrieb ist vom Aussterben bedroht“, stellte Michael Trochimczuk, Geschäftsführer der Sollers Consulting GmbH fest. Auf einer Podiumsdiskussion anlässlich des zehnjährigen Firmenjubiläums waren sich die Teilnehmer aber einig, dass das Produkt Versicherung trotzdem ein Push-Produkt bleiben wird.
Es bedürfte weiterhin eines Anstoßes von außen, damit Kunden einen Versicherungsvertrag abschließen. „Doch der Nachfragedruck dürfte künftig oft nicht mehr von klassischen Vermittlern kommen, sondern von anderen Partnern“, meinte Dr. Wolff Graulich, Vorstandsmitglied des Versicherers Element, für den die Zulassung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin) angestrebt wird. Hinter Element steht die FL Fintech B AG.

- Wolff Graulich (Bild: Schmidt-Kasparek)
Diese Einschätzung teilt auch Horst Nussbaumer, Chief Claims Officer und Mitglied des Vorstandes der Zurich Gruppe Deutschland. „Die junge Generation regelt zwar alles per Smartphone. Für einen sofortigen Abschluss ist aber ein unmittelbarer Bedarf notwendig.“ Das gelte etwa für das Zurich-Angebot einer Kurzzeitpolice für Porschefahrer auf dem Nürburgring, nicht aber für die Berufsunfähigkeits- oder private Krankenversicherung.
Kein Kometeneinschlag durch Insurtech mehr
Solche Produkte würden die Kunden einfach nicht interessieren und müssten auch künftig nach Einschätzung von Nussbaumer verkauft werden. Zudem werde es auch in Zukunft in Deutschland keinen „Kometeneinschlag“ durch ein Insurtech-Unternehmen geben. Das Geschäftsmodell der Versicherer sei einfach aus dem Stand heraus nicht lukrativ genug.
Die immer noch langsame Umsetzung von neuen digitalen Strategien bei deutschen Versicherern verteidigte Nussbaumer mit dem Argument, dass man sich in der „Zwangsjacke des Geldverdienens“ befinde. Verdient werde immer noch mit den klassischen Policen. Nussbaumer deutete aber eine Zusammenarbeit mit Insurtechs im Schaden-Bereich an, über die er aber noch nicht reden könne.

- Horst Nussbaumer (Bild: Schmidt-Kasparek)
Neugründung oder Kooperation
Im Spagat zwischen alter und neuer Welt hat die Bâloise Gruppe den digitalen Kfz-Versicherer Friday (VersicherungsJournal 6.2.2017) auf den Markt gebracht. „Wir zielen damit auf den Kunden von morgen“ sagte Wolfgang Pander, der bei den Basler Versicherungen Projektleiter für die Modernisierung von Non-Life-Produkten ist.
Man habe sich mit der eigenen Neugründung ganz bewusst gegen eine Kooperation mit einem Insurtech-Unternehmen entschieden. Solche Kooperationen dürften aber künftig stark zunehmen, so die einhellige Meinung der Experten. Derzeit hat beispielsweise der in Gründung befindliche Versicherer Element bereits mit der Signal-Iduna Gruppe eine strategische Partnerschaft vereinbart (VersicherungsJournal 8.6.2017).
„Die überwiegende Mehrheit der heutigen Insurtechs ist sich sicher, dass sie mit Assekuranzen eine Kooperation eingehen oder gekauft werden“, sagte Berater Trochimczuk. Streits wie derzeit zwischen der Huk-Coburg-Gruppe und der unter der Marke Wefox auftretenden Finance App AG, zu der der Online-Versicherungsmakler Finance Fox Germany GmbH gehört (VersicherungsJournal 20.9.2017), würden künftig eher Seltenheitswert haben.
Denn künftig würden Insurtechs regelmäßig von der Versicherungswirtschaft absorbiert werden oder zu reinen Produktlieferanten. Hier sieht sich Element-Vorstand Graulich derzeit gegenüber den klassischen Versicherern im Vorteil. „Es gibt mittlerweile tolle digitale Vertriebsmodelle. Was fehlt, sind aber Versicherer, die hinten dranbauen können.“
Nur kaufmännisch digitalisieren
Nach Einschätzung von Sollers sind die Versicherungsprodukte in Deutschland für einen digitalen Vertrieb immer noch viel zu komplex. Trochimczuk: „Zwei Wochen bis zur Police oder 50 Fragen in der Autoversicherung sind für die Kundenbedürfnisse zu lange und zu kompliziert.“ Prozessverschlankungen seien somit das Gebot der Stunde. Sie müssten aber immer wirtschaftlich sein.
Daher warnte Graulich ausdrücklich vor der Dunkelverarbeitung, die in Deutschland als der Maßstab für digitalen Erfolg gehandelt werde. Zwar sei medienbruchfreier Service künftig unerlässlich, doch man müsse die Technik überprüfen können. „Es muss jederzeit die Möglichkeit geben, die Dunkelverarbeitung so hell zu machen, dass beispielsweise Schäden analysiert werden können.“
Wer etwa automatisch Fernsehgeräte versichert, müsse etwa zur nächsten Weltmeisterschaft genau wissen, wie viele plötzlich runtergefallen sind. Digitalisierung müsse somit immer kaufmännisch gebaut werden.




