Was in der Assekuranz verkehrt läuft

17.4.2013 (€) – Der frisch gebackene BdV-Vorstandsvorsitzende Tobias E. Weissflog kritisierte auf einer MCC-Konferenz die Komplexität der Versicherungsprodukte und sprach sich für mehr Transparenz aus. Sein Plädoyer für einen Umstieg auf die Honorarberatung stieß bei Versicherern und Vermittlern auf starke Ablehnung.

Tobias E. Weissflog (Bild: Krieger)
Tobias E. Weissflog (Bild: Krieger)

Der neue Vorstandsvorsitzende des Bundes der Versicherten e.V. Tobias E. Weissflog plädierte auf der MCC-Konferenz „Versicherungsvertrieb der Zukunft“ in Köln für einfachere Versicherungsprodukte.

Die Verträge würden immer komplexer und damit nicht nur für die Kunden immer unverständlicher, sondern auch für die Vermittler. „Die Produktentwicklung darf den Vermittler nicht in eine Situation bringen, dass er etwas verkaufen muss, dass er selbst nicht versteht“, erklärte Weissflog.

Er war Ende März 2013 in den BdV-Vorstand berufen worden, nachdem der Aufsichtsrat überraschend den bisherigen Chef Axel Kleinlein und das Vorstandsmitglied Thorsten Rudnik entlassen hatte (VersicherungsJournal 25.3.2013, 26.3.2013, 9.4.2013).

Er sei kein Freund der Fundamentalkritik an Versicherern, so Weissflog. „Ich glaube nicht, dass Versicherungsprodukte grundsätzlich böse sind“, sagte er. Aber die Komplexität vieler Policen habe inzwischen einen so hohen Grad erreicht, dass sie durch Vermittler nicht mehr vermittelbar seien.

Schwer durchschaubare Mehrtopfhybride

Als Beispiel nannte er fondsgebundene Mehrtopfhybride, bei denen die Beiträge des Kunden über lange Zeiträume ständig umgeschichtet werden. „Wie will man so einen Vertragsverlauf über 30 Jahre dem Kunden erklären?“, fragte Weissflog.

Ich glaube nicht, dass Versicherungsprodukte grundsätzlich böse sind.

Tobias E. Weissflog, Vorstandschef des Bundes der Versicherten e.V.

Auch von Variable Annuities hält er wegen der Komplexität und den hohen Kosten für die Garantien nicht viel. Und auch neue klassische Lebensversicherungs-Produkte mit Abschnittsgarantien brächten die Vermittler in zusätzliche Erklärungsnöte.

Die Produkte müssten transparenter werden. Dazu zähle unter anderem die Offenlegung der Rechnungsgrundlagen und der Kosten der Verträge in Euro und Cent. „Es sollte auch nur ein Bedingungswerk für einen Vertrag geben und nicht noch Querverweise auf andere“, erklärte er.

Zudem plädierte Weissflog für eine Abschaffung der Provisionen. „Wir wollen eine Honorarberatung mit extrem hohen Standards“, sagte er. Honorarberatung sei nicht per se besser als Beratung auf Provisionsbasis, so Weissflog. „Man muss die Einstiegshürden so hoch hängen, dass die Beratung den höheren Ansprüchen der Produkte gerecht wird“, erklärte er.

Institut für Honorarberatung

Ihm schwebt ein unabhängiges Institut vor, das unter anderem Mindeststandards für die Beratung und die Qualifikation der Vermittler festlegt. „Selbst der Versicherungsfachwirt kann hier nur der Einstieg sein“, sagte Weissflog. Der BdV arbeite derzeit an einem Konzept zur Verbreitung der Honorarberatung.

Hanns-Wilhelm Zeidler (Bild: Krieger)
Hanns-Wilhelm Zeidler (Bild: Krieger)

Professor Dr. Hanns-Wilhelm Zeidler, Vorstand Vertrieb Leben bei der Zurich Deutscher Herold Lebensversicherung AG bezweifelt, dass Honorarberatung von allen Kunden gleich gut angenommen wird. „Damit spricht man die Menschen an, die Honorare gewohnt sind“, erklärte er. Dass seien in erster Linie die Besserverdiener, die in Sachen Altersvorsorge ohnehin oft schon gut ausgestattet sind.

Geringverdiener, die eine zusätzliche Absicherung besonders nötig haben, seien dagegen eher abgeneigt, ein Honorar zu zahlen. Ein Zwang zur Honorarberatung trage somit eher zur Altersarmut bei, als das sie gelindert werde, glaubt Zeidler.

Von Weissflogs Vorschlag, eine Institution zu schaffen, die ähnlich der Prozesskostenhilfe auch weniger gut Betuchten den Gang zum Honorarberater ermöglicht, hält der Zurich-Manager nicht viel. Stattdessen plädierte er für ein Nebeneinander von beiden Vergütungsformen. So könne jeder Kunde das in Anspruch nehmen, was er wolle, so Zeidler.

Konzentration in der Vermittlerschaft

Michael H. Heinz (Bild: Krieger)
Michael H. Heinz (Bild: Krieger)

Dem stimmte auch Michael Heinz zu, Präsident der Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute e.V. (BVK) „Die Verbraucher sollen selbst den Weg wählen, den sie mögen“, sagte er. Ein Verbot der Provisionsberatung würde vielen klassischen Vermittlern den Garaus machen.

„Eine Konzentration auf einige wenige marktbeherrschende Vermittler kann nicht im Sinne der Verbraucher sein“, so Heinz. Ebenso wenig die Tatsache, dass der Kunde am Ende eines Honorarberatungsgespräch immer noch keine Police habe.

Wenn der BdV ernst genommen werden wolle, sollte er die Ausgestaltung der Versicherungsprodukte kritisch begleiten, anstatt die Vermittler anzugreifen, so Heinz.

Die konstante Kritik an dem Berufsstand zerstöre das Vertrauensverhältnis zwischen Vermittler und Kunden. „Das Ergebnis ist eine Unterversorgung“, sagte er. Die Kunden seien derart verunsichert, dass sie noch nicht mal mehr trauten, eine Hausratversicherung abzuschließen.

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