25.3.2013 (€) – In der Privathaftpflicht-Versicherung klagen Anbieter immer wieder über hohe Verluste durch Versicherungsbetrug. Statt erst im Schadenfall mit teuren Prüfungen gegenzusteuern, sieht ein an der Akad Hochschule in Stuttgart entwickeltes Modell vor, schon bei der Vertragsgestaltung mit einem Bonus-Malus-System anzusetzen. Das System ist auch auf andere Sparten übertragbar.
Die Versicherungskauffrau und -fachwirtin Katja Sombeck hat im Rahmen ihres berufsbegleitenden Fernstudiums der Betriebswirtschafts-Lehre an der Akad Hochschule in Stuttgart ein Bonus-Malus-System zur Eindämmung von Versicherungsbetrug in der Privathaftpflicht-Versicherung entwickelt.
Damit sollen Versicherer den in der Sparte weit verbreiteten Gelegenheitsdelikten wie fingierten oder frisierten Schäden im Bereich bis 500 Euro zu Leibe rücken können. Die Versicherungsbranche beklagt immer wieder hohe Schäden durch Betrug (VersicherungsJournal 13.7.2011).
Vor allem die Privathaftpflicht-Versicherung leidet besonders stark darunter. Die Branche schätzt, dass sich hinter jeder vierten Schadenmeldung ein Betrugsversuch verbirgt. Oft handelt es sich um Gefälligkeits-Betrügereien im Bekannten- oder Verwandtenkreis des Versicherungsnehmers.
Sombeck kam mit dem Phänomen das erste Mal während ihrer Ausbildung als Versicherungskauffrau in der Schadenabteilung eines Haftpflichtversicherers in Berührung. Vor allem das Fehlen effizienter Gegenmaßnahmen frustrierte die 30-Jährige.
Bis zu einer gewissen Grenze wird Versicherungsbetrug toleriert, weil die Prüfung des Falls teurer ist als die Erstattung der Schadensumme.
Versicherungskauffrau und -fachwirtin Katja Sombeck
Prüfung kleiner Betrugsfälle oft teuer
„Bis zu einer gewissen Grenze wird Versicherungsbetrug toleriert, weil die Prüfung des Falls teurer ist als die Erstattung der Schadensumme“, sagt Sombeck. Manch ein Versicherer schreckt auch aus Imagegründen vor einer konsequenten Antibetrugs-Strategie zurück.
Das Thema ließ Sombeck, die inzwischen in einem Beratungsunternehmen für betriebliche Altersversorgung tätig ist, nicht los und so widmete sie ihre Diplomarbeit der Vermeidung von Versicherungsbetrug. Statt erst im Schadenfall anzusetzen, hat sie ein Modell entwickelt, das den finanziellen Anreiz zu Betrügereien schon durch die Vertragsgestaltung minimieren soll.
Kern ist ein Bonus-Malus-System, das auf der Idee der Schadenfreiheitsklassen der Kfz-Versicherung fußt, aber an die Besonderheiten der Privathaftpflicht-Versicherung und das Ziel der Betrugsvermeidung angepasst wurde.
In Sombecks Modell gibt es 40 Prämienstufen, die mit verschiedenen Beitragssätzen korrespondieren. Bei einer Vertragsumstellung auf das neue System würde der Kunde auf Stufe 18 starten, was 100 Prozent der Prämie entspricht.
Hochstufung abhängig von der Schadenhöhe
Nach jedem schadenfreien Jahr klettert der Kunde abwärts in eine niedrigere, günstigere Prämienstufe. Auf der niedrigsten Beitragsstufe null bezahlt der Kunde nur noch 30 Prozent der Prämie. Bei Schäden wird er hingegen hochgestuft, sein Beitrag steigt.
Um die Finanzierbarkeit des Versicherungsschutzes nicht zu gefährden, sieht das System ab einem Beitragssatz von 400 Prozent (Stufe 31) keine weiteren Prämiensteigerungen mehr vor. Stattdessen wird bei weiteren Schäden ein einkommensabhängiger Selbstbehalt fällig.
In der Kfz-Versicherung besteht das Problem, dass die Höhe des Schadens bei der Hochstufung für den Versicherer keine Rolle spielt.
Versicherungskauffrau und -fachwirtin Katja Sombeck
Während in der Kfz-Versicherung die Hochstufung von Versicherer zu Versicherer nach unterschiedlichen Regeln und unabhängig von der Schadenhöhe erfolgt, hat Sombeck für die Privathaftpflicht ein festes System entwickelt. Es ist dem der Kfz-Schadenfreiheitsklassen überlegen, glaubt sie.
„In der Kfz-Versicherung besteht das Problem, dass die Höhe des Schadens bei der Hochstufung für den Versicherer keine Rolle spielt“, erklärt Sombeck. Hohe Schäden führen zu derselben Hochstufung wie kleinere Schäden. So kann es beispielsweise passieren, dass der Kunde an seinem Wagen mehr als nötig reparieren lässt, weil sich ein sogenannter Rückkauf nicht lohnt und er ohnehin hochgestuft wird.
Solche Schadenübertreibungen soll in Sombecks Modell ein Multiplikator verhindern. Er sorgt unter anderem dafür, dass höhere Schäden stärker bestraft werden als niedrigere Schäden. Eine Limitierung erfolgt ab einer Schadenhöhe von 10.000 Euro, dass heißt Schäden über 10.000 Euro werden genauso behandelt wie Schäden in Höhe von 10.000 Euro.
Belohnung von langen schadenfreien Zeiten
Der erste Prämienstufen-Multiplikator wird mit einem zweiten Multiplikator kombiniert. Letzterer belohnt lange schadenfreie Zeiten, indem der Versicherungsnehmer nach einem aktuellen Schaden nicht so stark hochgestuft wird.
Aus der Multiplikation des ersten und des zweiten Werts ergibt sich die Höherstufung, die durch Addition mit der aktuellen Prämienstufe zur neuen Stufe führt.
Meldet der Kunde einen Schaden, prüft der Versicherer, ob es für den Versicherungsnehmer günstiger ist, auf eine Regulierung zu verzichten und den Schaden selbst zu tragen oder die Police in Anspruch zu nehmen und eine Höherstufung und damit höhere Prämien in Kauf zu nehmen.
In dem aufgeführten Beispielfall würde sich eine Schadenregulierung vor allem bei kleineren Summen kaum lohnen. Bei einer Schadensumme von 500 Euro würde der Verlust aus der Höherstufung bei 471,87 Euro liegen. Ob ein Kunde unter diesen Umständen bereit ist, Versicherungsbetrug zu begehen und den eigentlich unversicherten Schaden eines Bekannten oder Verwandten über seine Haftpflichtversicherung abzuwickeln, erscheine zumindest fraglich, so Sombeck.
| Letzte Hauptfälligkeit des Vertrags: 01.01.2012 Alte Prämienstufe: 10 Aktuelles Schadendatum: 01.07.2012 Letztes Schadendatum: 01.09.2004 2. Prämienstufenmultiplikator: 2,9 (7 schadenfreie Jahre) | |||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Schadenhöhe in Euro | 1. Prämienstufen-multiplikator | Höherstufung | Neue Prämienstufe | Neuer Beitragssatz in % | Selbst-behalt in % des Einkommens | Verlust aus der Höherstufung in Euro* | Gesamt-gewinn oder –verlust** |
| *abdiskontiert mit Abzinsungszinssätzen; **Verlust aus Höherstufung + Schadenssumme; Quelle: Sombeck | |||||||
| 500 | 2,79508500 | 8 | 18 | 100 | 0 | -471,87 | 28,13 |
| 1.500 | 4,67298330 | 14 | 24 | 205 | 0 | -1.233,46 | 266,54 |
| 2.500 | 5,66666667 | 16 | 26 | 255 | 0 | -1.657,40 | 842,60 |
| 5.000 | 7,39255650 | 21 | 31 | 400 | 0 | -3.146,52 | 1.853,48 |
| 7.500 | 8,58589570 | 25 | 35 | 400 | 0 | -4.305,28 | 3.194,72 |
| 10.000 | 9,54285710 | 28 | 38 | 400 | 13 | -5.029,67 | 4.970,33 |
Alle Versicherer müssen mitmachen
Der Haken an dem Modell: Alle Versicherer müssen mitmachen und das System nicht nur für Neuverträge anwenden, sondern auch Bestandsverträge umstellen. Entzieht sich ein Versicherer komplett oder bietet er alternative Tarife ohne Bonus-Malus-System an, haben Versicherungsbetrüger Ausweichmöglichkeiten.
Zudem müssen die Versicherer ähnlich wie bei den Schadenfreiheitsklassen der Kfz-Versicherung die Schadendaten der Kunden austauschen, um zu verhindern, dass ein Versicherter der Höherstufung durch Versicherer-Wechsel entkommen will.
Sombeck hält eine Einführung eines solchen Modells durchaus für realistisch. „Es ist nur eine Zeitfrage“ meint sie.
Die Vorteile lägen klar auf der Hand: Neben Betrugsfälle würde es auch helfen, die Vielzahl von Bagatellschäden einzudämmen. Dadurch würden Kapazitäten für die verstärkte Kontrolle der übrigen, größeren Schadenfälle frei. Durch die Verminderungen der Schadenaufwendungen ergebe sich ein Prämiensenkungs-Potential zwischen 30 bis 40 Prozent.
Auch auf andere Sparten übertragbar
Das Modell könne auch modifiziert in anderen Sparten wie der privaten Krankenversicherung zum Einsatz kommen, glaubt Sombeck. Da ginge es weniger um Betrugsvermeidung als um die Belohnung von Kunden, die ausschließlich notwendige Leistungen in Anspruch nehmen. Das Bonus-Malus-System könnte zum Beispiel helfen, dass System der Beitragsrückerstattung zu verbessern.
Sombeck, die zwischenzeitlich auch bei einem Krankenversicherer gearbeitet hat, hatte dort beobachtet, dass viele Versicherte die Angewohnheit haben, ein Jahr möglichst keine Leistungen in Anspruch zu nehmen, um von der Rückerstattung zu profitieren.
Stattdessen gehen sie die Arztbesuche geballt in einem anderen Jahr an, auch wenn sie dann nicht unbedingt medizinisch notwendig sind, weil dann die Rückerstattung sowieso verloren ist. „Eine anteilige Beitragsrückerstattung abhängig von der Schadenhöhe könnte helfen“, so Sombeck.
Die Diplomarbeit „Die aktive Bekämpfung des Versicherungsbetrugs. Die Einführung eines Bonus-Malus-Systems in der Privathaftpflicht-Versicherung als wirksamer Schutz gegen Versicherungsbetrug“ ist bisher noch nicht publiziert worden. Eine Zusammenfassung der Arbeit kann per E-Mail über die Pressestelle der Akad Hochschule bestellt werden.




