Risikomanagement vor neuen Herausforderungen

15.4.2013 (€) – Nach Meinung von Achim Hillgraf, Hauptbevollmächtigter der FM Global, haben die Globalisierung der Unternehmen und deren Lieferketten sowie die Gefahren infolge von Naturkatastrophen viele vorhandene Risikomanagement-Systeme geradezu überrollt. Versicherer sollten sich deshalb genau mit den Risiken und Gefahrenquellen auseinandersetzen. Ein ausführliches Interview mit Hillgraf kann in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Versicherungswirtschaft nachgelesen werden.

VersicherungsJournal: Stichwort „Naturkatastrophen und Globalisierung“: Waren und sind dies die zentralen Faktoren, die das Risikomanagement beziehungsweise das Industrieversicherungs-Geschäft beeinflussen?

Achim Hillgraf (Bild: Ullrich)
Achim Hillgraf (Bild: Ullrich)

Hillgraf: In zunehmendem Maße. Bei Frequenz- und Großschäden oder auch hinsichtlich der wesentlichen Schadenursachen – Feuer weiterhin an der Spitze – stellen wir historisch keine großen Veränderungen fest. Dagegen haben die Globalisierung der Unternehmen und deren Lieferketten sowie die Gefahren infolge von Naturkatastrophen viele vorhandene Risikomanagement-Systeme geradezu überrollt.

Letztlich ist es für ein Unternehmen vielfach unwesentlich, ob eine Lagerhalle abbrennt oder ein mit Produkten beladenes Schiff untergeht. Viel bedrohlicher wird es, wenn Produkte nicht mehr zeitnah ausgeliefert werden können. Damit werden „Lieferketten“ zum Schlüsselfaktor. Unternehmen, die den damit verbundenen Herausforderungen proaktiv und erfolgreich begegnen, sichern ihren langfristigen Unternehmenserfolg. Denn die daraus folgende Resilienz verschafft ihnen Wettbewerbsvorteile.

VersicherungsJournal: Lieferketten stehen doch oft im Zusammenhang mit Naturereignissen wie Hurrikans und Überschwemmungen. Welche Rolle spielt in solchen Szenarien überhaupt noch menschliches Versagen im Vergleich zu technischem Versagen?

Hillgraf: Das lässt sich kaum quantifizieren und kaum trennen. Bei Feuer zeigt unsere Schadenerfahrung, dass mehr als die Hälfte aller Schadenfälle von Menschen in irgendeiner Form beeinflusst werden.

Passieren kann überall etwas. Entscheidend aus unserer Sicht ist, dass der Mensch einen zumeist positiven Einfluss auf den weiteren Verlauf hat. Er kann durch richtiges Handeln den Schaden gänzlich vermeiden, begrenzen oder mindern. Gutes Training ist deshalb unerlässlich.

VersicherungsJournal: Differenzieren Sie nach Branchen? Einige Anbieter sehen zum Beispiel bei Pharmaunternehmen erhöhte Risiken.

Hillgraf: Nein. Dem kann ich mich nicht anschließen. Ich kann sehr wohl Nitroglyzerin herstellen, ohne dass die Schadeneintritts-Wahrscheinlichkeit automatisch steigt. Maßgeblich sind nach unseren Erkenntnissen weniger die speziellen Branchenrisiken als vielmehr alle individuellen risikorelevanten Faktoren – in zunehmendem Maße diejenigen, die Lieferketten sowie die Dauer einer resultierenden Betriebsunterbrechung beeinflussen. Vorhersehbare Schäden vermeiden, lautet unser Credo, egal, bei wem und wo.

VersicherungsJournal: Vertreten Ihre Kunden dieselbe Philosophie?

Hillgraf: Unsere Kunden müssen eine gewisse Affinität zum Risikomanagement haben.

VersicherungsJournal: Was bedeutet das konkret? Erwarten Sie von Ihren potenziellen Kunden, dass sie in Schadenverhütungs-Maßnahmen investieren?

Hillgraf: Wir gehen davon aus, dass sich solche Investitionen mittel- und langfristig rechnen. Ein gut identifiziertes und geschütztes Risiko hat immer positive Wirkungen. Das Einzelrisiko ist fairer zu tarifieren und die Fluktuation der jeweiligen Prämienhöhe fällt tendenziell niedriger aus. Nicht nur bei uns. Wenn FM Global mit im Boot ist – so unser Eindruck – honorieren dies auch andere Versicherer.

VersicherungsJournal: Lassen Sie uns zum Schluss noch in die Zukunft blicken. Wie wird sich das Industrieversicherungs-Geschäft entwickeln hinsichtlich Prämienniveau, Wettbewerb und Deckungsumfang?

Hillgraf: Was das Prämienniveau betrifft, war der Markt durch den starken Wettbewerb in den letzten Jahren Käufer-freundlich. Im Augenblick sehen wir Tendenzen, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Ich erwarte mittelfristig ein stabiles bis leicht steigendes Prämienniveau.

Hinsichtlich der Wettbewerbssituation hat sich durch das historisch niedrige Zinsniveau der Fokus vieler Mitbewerber auf Erträge aus dem Versicherungsgeschäft verschoben. Inwieweit die Marktteilnehmer in der Lage sein werden, das industrielle Sachversicherungs-Geschäft nachhaltig profitabel zu betreiben, um diesem Trend erfolgreich zu begegnen, bleibt abzuwarten. Jedenfalls kann schwerlich davon ausgegangen werden, dass diese Trendwende hin zum ertragsorientierten Underwriting von allen Versicherern in gleichem Maße erfolgreich vollzogen wird. Inwieweit dies zu gänzlichen oder teilweisen Rückzügen einzelner Versicherer aus dem industriellen Sachversicherungs-Geschäft führen wird, ist eine der spannenden Fragestellungen der mittelfristigen Zukunft.

Was den Bereich Deckungsumfang angeht, suchen viele Industrieversicherer infolge der Naturkatastrophen in Thailand, Japan und den USA nach Wegen, ihre Deckungen einzuschränken und Kapazitäten zu reduzieren. FM Global stellt sich gegen diesen Branchentrend. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, unseren Kunden die umfangreichste Deckung zu bieten, die derzeit auf dem Markt erhältlich ist. Unsere neue FM Global Advantage Police, seit Juni letzten Jahres am Markt, beinhaltet umfangreiche Leistungserweiterungen für alle Versicherungsnehmer. Zudem sehen wir uns in der Pflicht, auch weiterhin – und insbesondere nachhaltig – die von unseren Kunden benötigten und nachgefragten Kapazitäten für Naturkatastrophen-Deckungen zur Verfügung zu stellen.

VersicherungsJournal: Vielen Dank für das Gespräch.

Achim Hillgraf ist seit dem 1. Juli 2002 Hauptbevollmächtigter der FM Global in Deutschland und in dieser Position insbesondere für die strategische Geschäftsentwicklung des Industrieversicherers verantwortlich. Das Unternehmen mit Sitz in Frankfurt am Main setzt traditionell auf Schadenverhütung und technisches Know-how. In den Bereichen Feuer, Sach und Betriebsunterbrechung kommt FM Global nach eigenen Angaben auf einen Weltmarktanteil von rund 27 Prozent.

Das vollständige Interview kann in der Ausgabe 8/2013 der Zeitschrift Versicherungswirtschaft nachgelesen werden, die heute erschienen ist.

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