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Tiktok explodiert – die Assekuranz schläft

4.9.2020 – Die Versicherungsbranche entwickelt meist nur mit großer zeitlicher Verzögerung Konzepte für neue Medien und lässt sich zudem teure Präsenzen auf Plattformen von gestern verkaufen, meint Dr. Robin Kiera in seinem Gastkommentar. So werde auf viele Kontakte verzichtet, die erfolgreich für Personalmarketing und Vertrieb genutzt werden könnten. Die Nachfrage nach Ansprechpartnern und Beratung sei da. Sie wachse auf Tiktok dynamisch und könnte mit etwas Einsatz zu überproportionalem Wachstum führen.

„Social Media & Attention Hacking? Wir starten bald unseren Facebook-Kanal“, meinte der Marketing-Verantwortliche eines großen deutschen Versicherers jüngst im Gespräch.

Robin Kiera (Bild: privat)
Robin Kiera (Bild: privat)

Mit Mühe konnte ich mein erstes Entsetzen und den sich ankündigenden Lachkrampf verbergen. Heute noch in einen Kanal zu investieren, der seine beste Zeit hinter sich hat (dies gilt explizit nur für Facebook, nicht Instagram oder Whatsapp), ist Ausdruck eines Hauptproblems der deutschen Assekuranz.

Die Musik spielt längst woanders

Wir steigen viel zu spät in neue Medien ein, verpassen Trends und lassen uns auf „Rudis Resterampe“ Plattformen ohne organischen Traffic und mit hohen Werbekosten verkaufen. Denn auch nach 15 Jahren Erfolgsgeschichten kann der letzte Unbelehrbare nicht mehr leugnen, dass Unternehmen Social-Media-Kanäle wie diese erfolgreich zur Umsatzsteigerung genutzt haben. Aber dann ist die Party häufig vorbei und die Musik spielt woanders.

Dies ist jetzt wieder der Fall. Und der Fall heißt Tiktok. Ein Hollywoodstar nach dem anderen – wie Will Smith oder Reese Witherspoon – oder deutsche Prominenz wie Frank Thelen eröffnen Profile. Und auch Unternehmen wie McDonalds oder die Würth-Gruppe investieren dort.

Es gibt jedoch fast keine Vertreter der Assekuranz auf der Plattform – außer Vorreitern wie etwa die OCC Assekuradeur GmbH mit ihrem Account.

Über 3.000 neue Follower pro Tag

Digitalscouting hat seine ersten Tiktok-Schritte ab vergangenem November bis zum Corona-Ausbruch gemacht (VersicherungsJournal 11.2.2020). Seit sechs Wochen werden wieder Videos in diesem Kanal veröffentlicht – seit drei Wochen massiv, 30 Stück täglich (hier der Link).

Das Ergebnis: Unsere Follower haben sich verfünfzehnfacht – von 2.800 auf 33.000. Teilweise kommen über 3.000 neue pro Tag. Über 470.000 Menschen haben die Videos „geliked“. Wir erreichen zwischen 250.000 und 850.000 Besucher – pro Tag. Diese Woche lagen wir bei 4,5 Millionen organischen Views und über 110.000 Profilbesuchern. Ein Ende des exponentiellen Wachstums ist nicht absehbar.

Hunderttausende auf Tiktok sehnen sich nach Informationen zu Finanzfragen. Wissen wir als Assekuranz nicht ein, zwei Dinge hierüber?

Nur Tanzvideos und seichte Comedy für Teenager?

Zwar ist Tiktok für Tanzvideos und Comedy für Teenager bekannt geworden, aber dies hat sich in den letzten Monaten grundsätzlich gewandelt. Die Anzahl der Nutzer wächst nicht nur dramatisch, die Besucher der Plattform gehören auch zunehmend älteren Zielgruppen an.

Digitalscouting hat zu Beginn darauf abgezielt, Inhalte für Start-ups und zur Unternehmensberatung im Allgemeinen zu produzieren. Dann geschah jedoch dies:

Die Abrufzahlen für ein schnell gemachtes Video, wie Berufsanfänger finanzielle Fehler vermeiden können, explodierten. Dann folgten wir diesem Trend konsequent und beantworten vor allem Fragen der Zuschauer rund um die Themen Vermögen, Karriere und Immobilien – und zwar zielgruppengerecht.

Hunderttausende auf Tiktok sehnen sich nach Informationen zu Finanzfragen. Wissen wir als Assekuranz nicht ein, zwei Dinge hierüber?

Die Seitenaufrufzahlen der meisten Agentur- und Maklerseiten, aber auch der Versicherer sind dramatisch niedrig.

Was bringt das Engagement auf Tiktok?

Da wir als Unternehmensberatung kein B2C-Geschäftsmodell haben, können wir den millionenfachen Traffic gar nicht monetarisieren. Allerdings können wir uns vor Anfragen von Schülern, Studenten und jungen Berufsanfängern zu Praktika oder Jobs kaum retten.

Und da wir den Traffic von Tiktok auch auf andere Social-Media-Kanäle lenken, beginnen diese ebenfalls, überproportional zu wachsen. So erschließen wir uns neue demografische und fachliche Zielgruppen.

Versicherer könnten nicht nur deutlich günstiger auf Tiktok Personalmarketing betreiben – wie dies etwa vorbildlich die Volksbank Mittelhessen mit knapp 16.000 Followern und über 350.000 Likes tut. Sie könnten das Medium auch im Vertrieb nutzen, indem sie ihre Agenturisten und Makler befähigen, Tiktok zu nutzen und hunderttausende an Pageviews für ihre Agenturseiten zu generieren.

Das können diese auch gebrauchen, da die Seitenaufrufzahlen der meisten Agentur- und Maklerseiten, aber auch der Versicherer dramatisch niedrig sind. Dem viel zitierten Gesetz der großen Zahl im Vertrieb folgend, müssten dabei signifikante Umsatzsteigerungen die logische Konsequenz sein.

Es ist nicht zu verstehen, warum nicht viel mehr in Erwägung gezogen wird, die Rollläden der Agentur hochzuziehen […] und einen Teil der Menschen in unsere Vertriebseinheiten zu lenken.

Konsequente Nutzung kann überproportionales Wachstum bringen

Wenn Millionen an Kunden an der Agentur vorbei stürmen, ist nicht zu verstehen, warum nicht viel mehr in Erwägung gezogen wird, die Rollläden der Agentur hochzuziehen, die Tür aufzuschließen und einen Teil der Menschen in unsere Vertriebseinheiten zu lenken.

Dabei sind die ersten Schritte für Vermittler, Vertriebsmanager, Marketingexperten und Entscheider in der Versicherungswirtschaft recht einfach. Eröffnen Sie heute noch ein Profil und schauen Sie sich Tiktok an, um sich selber ein Urteil zu bilden. Sie werden sehen, es wird Sie nicht mehr loslassen – so wie Millionen vorher schon in Deutschland. Wenn Sie dann konsequent in diese Plattform investieren, kann überproportionales Wachstum die Folge sein.

Man kann natürlich auch einfach in eine ehemals hippe Geisterstadt ziehen und dort Kunden suchen. Aber statt Facebook schlage ich dann StudiVZ vor. Da ist wirklich keiner mehr.

Wie starten – als Entscheider oder Experte

  • Laden Sie sich selber Tiktok herunter.
  • Nehmen Sie sich 45 Minuten Zeit pro Tag und schauen Sie die Ihnen vorgeschlagenen Videos auf der sogenannten „For You Page“ oder Trends an.
  • Notieren Sie sich, warum Sie welche Videos gut fanden, oder Ihre Vermutungen, warum gewisse Videos bei anderen beliebt sind.
  • Fragen Sie in Ihrer Belegschaft, wer privat Tiktok konsumiert oder sogar Videos erstellt.
  • Starten Sie ein Projekt, bei dem Tiktok-begeisterte Mitarbeiter, die die Feinheiten kennen, beauftragt werden, Videos zu erstellen. Sollte der Mitarbeiter im Facility-Management mehr Follower oder Begeisterung haben als die Marketingabteilung, dann sollte diese zwar begleiten, aber die Kreation dem Kollegen überlassen.
  • Posten Sie täglich mindestens fünf Videos und steigern Sie dies. Ein Video kostet zwischen fünf Minuten und ein bis zwei Stunden Produktionszeit.
  • Halten Sie Abstand von Ihren derzeitigen Kommunikationsagenturen, die Ihnen noch Facebook verkaufen möchten und selber „keine Zeit“ für Tiktok haben.

Profitipps

  • Zielen Sie darauf, # bei Tiktok zu dominieren.
  • Nehmen Sie populäre Musik und Trends auf und adaptieren Sie diese auf Ihren Stil.
  • Besetzen Sie ein Thema, experimentieren Sie aber auch mit anderen Aspekten. Denn es kann sein, dass Ihre Videos zu wenig beachteten Themen Menschen anziehen.
  • Produzieren Sie zehn bis 50 Videos an einem Tag für mindestens acht Wochen.
  • Wenn Sie sich Hilfe holen, prüfen Sie vorher, ob Ihre Experten selber virale Videos auf Tiktok veröffentlicht oder nur darüber gelesen haben.

Dr. Robin Kiera

Der Autor ist Versicherungs- und Vertriebsexperte und Gründer der Plattform Digitalscouting.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Ausbildung · Coronavirus · Elementarschaden · Gewerbeordnung · Immobilie · Marketing · Mitarbeiter · Social Media · Verkauf · Zielgruppe
 
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