WERBUNG

Schwachstellen im Vertriebsrecht: Aufsicht greift Kritik auf

12.1.2022 – Über die Auswirkungen der IDD hat die europäische Versicherungsaufsicht eine Bestandsaufnahme versucht. Die Analyse beruht auch auf Stellungnahmen von nationalen Behörden und Interessenverbänden und kommt zu einem gemischten Ergebnis. Thematisiert werden unter anderem ein Informationsüberfluss, Defizite beim Wünsche-und-Bedürfnis-Test und fehlende Handlungsanleitungen für den Vertrieb. Die Eiopa hält auch gesetzliche Änderungen für nötig, um sich überlappenden Vorschriften entgegenzuwirken.

WERBUNG

Die Versicherungsvertriebs-Richtlinie (IDD) beschäftigt die Branche bereits seit etlichen Jahren – nicht zuletzt aufgrund ihrer langen Vorlaufzeit und der Verzögerungen bei ihrer Umsetzung. Tatsächlich in Anwendung ist sie dagegen erst seit vergleichsweise kurzer Zeit (VersicherungsJournal 14.11.2018). Eine Überprüfung („Review“) steht dennoch bereits im Raum, die Richtlinie selbst sieht das so vor.

Allerdings ist es eigentlich noch zu früh, aus der bisherigen Anwendung belastbare Schlussfolgerungen zu ziehen – das sagt jedenfalls die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (Eiopa) in ihrem neuen „Bericht über die Anwendung der Versicherungsvertriebs-Richtlinie“.

EU-Versicherungsmarkt bleibt fragmentiert

Trotz der bislang beschränkten Erfahrungswerte – und mit der Verschiedenheit der nationalen Märkte und Rahmenbedingungen „im Hinterkopf“ – soll der Bericht aber ein vorläufiges Bild von den Auswirkungen der Richtlinie vermitteln.

Vorweg merkt die Eiopa an, dass die IDD eine Angleichung des Versicherungsvertriebs bezweckt habe. Trotzdem sei der EU-Markt nach wie vor von einer weitreichenden Fragmentierung geprägt, mit unterschiedlichen Vertriebskanälen, Eintragungs-Erfordernissen und Berichtsreglements.

Dies erschwere es zu bewerten, ob für die Konsumenten beim Versicherungsvertrieb einheitliche Ergebnisse im Binnenmarkt erreicht werden. Nichtsdestoweniger seien einige Trends zu beobachten.

Weniger registrierte Versicherungsvermittler

Einer davon sei eine gesunkene Anzahl eingetragener Vermittler in der Periode 2016 bis 2020. Dafür sieht die Eiopa mehrere mögliche Gründe: Konsolidierung, Alterung der Vermittler, Reorganisation von Vertriebsmodellen, strengere nationale Berufsanforderungen, Streichung inaktiver Vermittler aus den Registern.

Der Bericht spricht für diesen Zeitraum von einer starken Verringerung der Anzahl von Vermittlern, die als natürliche Personen registriert sind, bei gleichzeitig leichter Zunahme der Anzahl der juristischen Personen. Auch hier seien verschiedene Ursachen denkbar, etwa weitere Professionalisierung und Digitalisierung.

Trotz Verkleinerung des Vermittlerkreises sei die Anzahl jener Vermittler, die für eine Tätigkeit in einem anderen Mitgliedsstaat eingetragen sind, in den meisten Staaten gestiegen. Darüber, wie viel Prämie grenzüberschreitend erwirtschaftet wird, liegen allerdings keine Daten vor.

Der „durchschnittliche europäische Versicherungsvermittler“ war laut Bericht übrigens eine natürliche Person, die im Auftrag eines Versicherers oder mehrerer Versicherer tätig war, ausschließlich Versicherungen verkaufte und mittels Provision bezahlt wurde.

Vermittlerarten in Deutschland

In Deutschland reduzierte sich die Anzahl der eingetragenen Versicherungsvermittler von 230.528 im Jahr 2016 auf 196.914 im Jahr 2020, wobei hier nicht zwischen natürlichen und juristischen Personen unterschieden wird. Der Eiopa-Bericht bezieht sich auf Daten des Deutschen Industrie- und Handelskammertags e.V. (DIHK).

Schlüsselt man nach Art des Vermittlers auf, so waren 59,8 Prozent im Jahr 2020 für einen einzigen Versicherer tätig, 16,6 Prozent waren Mehrfachvertreter, 23,6 Prozent Versicherungsmakler oder -berater.

Versicherungsvermittler Anzahl (Bild: Lampert)

Der Bericht enthält auch Daten darüber, welche Vertriebswege in Deutschland welchen Anteil am Neugeschäft haben. Sie beziehen sich auf die Jahre 2019 und 2018. Allerdings liegen seitens des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) bereits aktuellere Zahlen für 2020 vor (VersicherungsJournal 29.9.2021).

Auswirkungen werden gemischt beurteilt

Welche Auswirkungen hatte die IDD auf den Vertrieb? Dem Bericht zufolge gaben manche Wirtschaftsverbände an, sie habe im Allgemeinen positiv auf die Art und Weise des Vertriebs gewirkt. Verbraucherverbände hätten indes insbesondere etwa in Bezug auf den Verkauf fondsgebundener Lebensversicherungen „problematische Praktiken“ kritisiert.

Die nationalen Aufsichtsbehörden zeichnen laut Eiopa ein gemischtes Bild. Demnach hätte sich auf der einen Seite der Vertrieb in den meisten Staaten verbessert.

Auf der anderen Seite stünden in manchen Ländern Bedenken, dass der Wünsche-und-Bedürfnis-Test „manchmal zu formalistisch“ oder gar „nicht-existent“ sei; manchmal würden Kunden – besonders im Onlinevertrieb – auch dazu „angestoßen“, ein Kästchen anzukreuzen, das bestätigt, dass ein Vertrag den Wünschen und Bedürfnissen entspreche.

Rechtsrahmen ist nicht ausreichend digitalfit

Apropos digital: Versicherungsvertreiber waren bei der Anwendung und Aufseher bei der Überwachung der IDD-Regeln mit mancher Herausforderung konfrontiert, wenn es um Form und Zeitpunkt der Offenlegung von Informationen in einem digitalen Kontext geht. Das gehe aus Angaben nationaler Behörden und anderer Akteure hervor.

Der Grund dafür: fehlende rechtliche Leitlinien. Beispielsweise sei das IDD-Reglement hinsichtlich der Kundeninformation nicht in der Lage gewesen, digitale Entwicklungen adäquat zu adressieren.

Zudem seien einige „Herausforderungen“ identifiziert worden, was die Anwendung der IDD in Bezug auf digitale Plattformen und künstliche Intelligenz angeht. Ein Beispiel: die Definition, was in einem Online-Umfeld unter den Begriff „Versicherungsvertrieb“ fällt.

Informationsüberlastung und Kundenverwirrung

Die Eiopa-eigene Analyse der europäischen Gesetzesbestands und Stellungnahmen verschiedener Wirtschaftsverbände haben sich auch mit der Frage der Kundeninformation befasst.

Dabei sei klar geworden, dass die Gesetzgebung zwar versucht habe, „gute Ergebnisse“ für die Konsumenten zu fördern. Damit sei aber auch die Menge und Breite der Kundeninformation im Verkaufsprozess angewachsen. Dies könne zu einer Überlastung des Informationsflusses und zur Verwirrung der Kunden führen.

Sich überschneidende Informations-Erfordernisse in den EU-Regelwerken „haben den Bedarf aufgezeigt, größere Kohärenz zu erzielen“ und das Verständnis der Konsumenten von Informations-Offenlegungen zu verbessern, heißt es im Bericht.

Dies, so die Eiopa, könne nur mit „koordinierten Änderungen“ in verschiedenen Teilbereichen des EU-Rechts erreicht werden, meint die Aufsichtsbehörde.

Handlungsanleitungen für mehr Klarheit in der Anwendung nötig

Die Anhaltspunkte, die die Eiopa von nationalen Behörden und anderen Akteure erfasst hat, haben, so die Eiopa, „Herausforderungen“ deutlich gemacht: für die Industrie in der Anwendung mancher Aspekte der IDD und für die Behörden in deren Überwachung.

Die Eiopa schließt daraus auf einen Bedarf, „weitere Klärungen zur richtigen Auslegung der IDD“ bereitzustellen, um die aufsichtliche Konvergenz zu erleichtern und Versicherungs-Vertreibern „Klarheit“ zu bieten.

Zum Herunterladen

Der 64-seitige Bericht „Report on the application oft the Insurance Distribution Directive (IDD)“ und die Länderberichte, darunter jener für Deutschland, können als PDF-Dokumente von der Eiopa-Website heruntergeladen werden.

Die Behörde hat kürzlich auch berichtet über Sanktionen, mit denen Verstöße gegen die IDD geahndet wurden. Dazu gehörte für hunderte Vermittler der Entzug der Gewerbeerlaubnis (11.1.2022).

Lesetipp: Dossier „Die IDD-Umsetzung im Vertrieb“
VersicherungsJournal-Dossier

Ausführliche Zusammenfassungen der Lage nach dem IDD-Umsetzungsgesetz bietet das Dossier „Die IDD-Umsetzung im Vertrieb“ (VersicherungsJournal 15.3.2018). Hier ist insbesondere der § 34d GewO mit zahlreichen Änderungen maßgeblich (VersicherungsJournal 9.3.2018).

Das Gesetz normiert erstmals die gesamte Vertriebskette, also alle Sparten und Vertriebswege. Versicherer wie auch Vermittler müssen neue Regeln befolgen. Das Dossier zeigt unter anderem auch, was sich im Bereich Weiterbildung ändert.

Nähere Informationen und Bestellmöglichkeit finden sich unter diesem Link.

Die Publikation steht Premium-Abonnenten des VersicherungsJournals zur persönlichen Nutzung kostenlos zur Verfügung. Sie können das Dossier unter diesem Link herunterladen.

 
WERBUNG
Neue Chancen im Versicherungsvertrieb

Die Corona-Pandemie hat sich spürbar auf die Geschäfts-
ausübung in den Vermittler-
betrieben ausgewirkt. In der neuen BVK-Studie 2020/2021 erfahren Sie, wie sich bestimmte Arbeitsweisen verändert haben und welche positiven Aspekte die Vermittler ihr abgewinnen können. Mehr erfahren Sie hier...

VersicherungsJournal in Social Media

Besuchen Sie das VersicherungsJournal auch in den sozialen Medien:

  • Facebook – Ausgewähltes für den Vertrieb
  • Twitter – alle Nachrichten von VersicherungsJournal.de
  • Xing – über den Verlag
  • Xing News – Ausgewähltes zu Karriere und Unternehmen
WERBUNG
Inserieren im Anzeigenmarkt

Das VersicherungsJournal ist eines der meistgelesenen Medien in der Branche, siehe Mediadaten.

So finden Sie zielsicher Ihre neuen Mitarbeiter, Arbeitgeber oder Geschäftspartner. Nutzen Sie die schnelle und direkte Zielgruppenansprache zu günstigen Konditionen. Gesuche werden kostenlos veröffentlicht.

Erteilen Sie hier Ihren Anzeigenauftrag für Angebote und Verschiedenes oder Gesuche, oder lassen sich persönlich beraten!

Beachten Sie auch die Seite Aktuelles für Stellenanbieter.

Ihr Wissen und Ihre Meinung sind gefragt

Ihre Leserbriefe können für andere Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein. Bitte schreiben Sie Ihre Kommentare unter den Artikel in das dafür vorgesehene Eingabefeld.

Die Redaktion freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt ist. Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu. Schreiben Sie bitte an redaktion@versicherungsjournal.de.

Allgemeine Pressemitteilungen erbitten wir an meldungen@versicherungsjournal.de.

WERBUNG
Einmaleins des Wettbewerbsrechts

WettbewerbsrechtEs gibt viele rechtliche Fallstricke, über die ein Vermittler bei seinen Werbeaktionen stolpern kann. Ein Praktikerhandbuch zeigt, wie sie zu vermeiden sind.

Interessiert? Dann klicken Sie auf diesen Link!

Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
16.12.2015 – Die EU-Versicherungsaufseher identifizieren in einem Bericht aktuelle Trends aus Verbrauchersicht. Das Themenspektrum ist ebenso breit, wie die Schlussfolgerungen mitunter ambivalent sind. (Bild: Eiopa) mehr ...
 
18.11.2014 – Die neue Versicherungs-Vermittlungsrichtlinie geht in die Zielgerade. Warum das Thema trotzdem noch nicht „gegessen“ ist und wo „heiße Eisen“ liegen – zwei EU-Parlamentarier und ein leitender Vertreter der EU-Kommission haben in Brüssel ihre Sicht der Dinge dargelegt. (Bild: Fachverband Versicherungsmakler in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ)) mehr ...
 
21.4.2011 – Insgesamt deutlich über 600 Makler und Vertreter beantworteten die Fragen des VersicherungsJournals zu Abschluss- und Bestandsvergütungen und sonstigen Anreizen. Wie viele „Provisionsexzesse“ es danach gibt. mehr ...
 
2.3.2018 – Bis zum 21. Februar konnten die Verbände Stellung nehmen. BVK und AfW begrüßen den Entwurf im Großen und Ganzen – und haben trotzdem viele Änderungswünsche. Ebenso wie die Verbraucherschützer. (Bild: Hinz) mehr ...
 
21.6.2016 – Oliver Wyman hat eine Prognose für den Versicherungsmarkt 2025 vorgelegt. Demnach werden die Vermittler deutlich Federn lassen müssen. Auch in der Lebensversicherung könnte es zu einem kräftigen Schrumpfungsprozess kommen. (Bild: Oliver Wyman) mehr ...
 
5.2.2021 – Die Versicherungsvertriebs-Richtlinie steht 2021 zu ihrer „Überprüfung und Bewertung“ an. Für den Fall einer Änderung hat sich der Dachverband Insurance Europe nun in Position gebracht. (Bild: Pixabay, CC0) mehr ...
 
22.1.2020 – Die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa identifiziert in einem aktuellen Bericht Risiken für Konsumenten im Versicherungsmarkt. Sie hebt dabei drei Felder hervor, darunter den Vertrieb von Fondspolicen und Handyversicherungen. (Bild: Eiopa) mehr ...
 
12.12.2019 – Die Versicherungsaufsicht hat die in 2018 gezahlten Vertriebsvergütungen der Lebensversicherer veröffentlicht. Die Daten offenbaren die durchschnittlichen Provisionssätze und wie sich beim Verhältnis von einmaliger und laufender Zahlungen der Trend umgekehrt hat. Ein erster Vermittlerband hat kritisch Stellung bezogen. (Bild: Bafin) mehr ...
WERBUNG