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Open-Finance: Wie Daten zum Öl für Versicherer werden

12.4.2021 – Initiativen wie Open-Finance oder PSD2 sollen es ermöglichen, dass Kundendaten der Versicherer und Finanzdienstleister Dritten frei zugänglich gemacht werden (vorausgesetzt, der Kunde stimmt zu). Diese Öffnung kann Versicherern, Vertrieben wie auch Verbrauchern Vorteile bringen, schreiben Julius Kretz (Alte Leipziger – Hallesche) und Sascha Kwasniok (DHBW Mannheim) in ihrem Gastbeitrag. Dazu gehören zum Beispiel passgenaue Produktlösungen, mehr Transparenz in Finanzdingen und neue Service-Angebote in Zusammenarbeit mit versicherungsfremden Anbietern.

„Daten sind das neue Öl des Internets und die neue Währung einer digitalen Welt“. Diese Aussage über eine Entwicklung, die in anderen Branchen längst eingesetzt hat, gilt nunmehr verstärkt auch für die Versicherungswirtschaft. Hat sich in der Vergangenheit die Verwendung von Daten in Versicherungs-Unternehmen zumeist auf die Preiskalkulation begrenzt, werden zunehmend auch externe Datenquellen genutzt, um neue Produkte und innovativen Service anzubieten.

Julius Kretz (Bild: privat)
Julius Kretz (Bild: privat)

Ein Beispiel sind Smart-Home-Bausteine in der Wohngebäudeversicherung, über die automatisch ein Handwerkerservice zur Schadenminimierung alarmiert wird, wenn Sensoren den Austritt von Leitungswasser erkennen.

Um solche Produktbausteine anbieten zu können, arbeiten Versicherer zumeist mit externen Kooperationspartnern zusammen, die die Sensorik-Hardware zur Datenerhebung bereitstellen. Versicherer „öffnen“ damit mehr und mehr ihre Wertschöpfungsketten, um Daten mit externen Partnern auszutauschen und zu teilen.

Europäische Initiative treibt Datenöffnung voran

Eine solche Datenöffnung wird nun auch regulatorisch vorangetrieben. Die Europäische Kommission hat erst im September 2020 im Rahmen ihrer „Digital Finance Strategy for Europe“ das Ziel ausgegeben, für alle Finanzdienstleister in der EU bis 2022 einen regulatorischen Rahmen für einen offenen Austausch von Finanzdaten („Open-Finance“) zu schaffen.

Im Januar dieses Jahres hat die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (Eiopa) nachgelegt und ein Diskussionspapier zum Thema „Open-Insurance“ veröffentlicht.

Versicherer wie auch Kunden können profitieren

Kernelemente von Open-Insurance und Open-Finance sind, dass Versicherer und Finanzdienstleister ihre Kundendaten Dritten frei zugänglich machen, wenn ein entsprechender Kundenauftrag vorliegt. Für Banken gelten solche Regelungen seit der Umsetzung der PSD2-Richtlinie bereits seit dem Jahr 2019. Ziel ist, Innovationen und den Wettbewerb auf dem Finanzdienstleistungs-Markt zu fördern.

Sascha Kwasniok (Bild: privat)

Die regulatorisch verpflichtende Öffnung ihrer Kundendaten mag für Versicherer auf den ersten Blick bedrohlich wirken. Tatsächlich lassen sich aber vielversprechende Anwendungsbeispiele finden, bei denen Versicherungs-Unternehmen genau wie ihre Kunden profitieren können. Denkbar sind die nachfolgend geschilderten drei Ansätze.

Erstens: Individualisierung

Im Rahmen von Open-Finance-Ansätzen ist es möglich, Bankdaten (zum Beispiel Girokonto- und Kreditkartenumsätze, Wertpapierdepots) und Informationen zu bestehenden Versicherungen bei verschiedenen Gesellschaften in einer Online-Anwendung oder App zu bündeln („Financial Home“).

Neben der gesamthaften Darstellung der Finanzsituation lassen sich Bank- und Versicherungsdaten auch intelligent verknüpfen, um Kunden individualisierte und für ihre Lebenssituation passgenaue Produkte anzubieten. So können aus den Zahlungsströmen eines Girokontos zum Beispiel Gehaltserhöhungen erkannt werden.

Diese Informationen können in Verbindung mit den zur Verfügung stehenden Versicherungsdaten für das Angebot oder die Anpassung einer passenden Berufsunfähigkeits-Absicherung genutzt werden. Die Angebotsunterbreitung muss dabei nicht zwingend vollautomatisiert erfolgen. Vor allem bei erklärungsbedürftigen Produkten dürfte auch in Zukunft die persönliche Beratung eine wichtige Rolle spielen. Eine datenbasierte Risikoanalyse kann dann den Vertrieb dabei unterstützen, Kunden mit individualisierten und passgenauen Angeboten anzusprechen.

Zweitens: Transparenz

Neben der Individualisierung kann die Zusammenführung von Versicherungs- und Finanzdaten auch die Transparenz über die finanzielle Situation des Kunden erhöhen.

Dieses Ziel verfolgt auch das geplante Renten Cockpit von Deutsche Renten Information e.V. und Goethe Universität Frankfurt. Hier soll jedem Bürger leicht verständlich online bereitgestellt werden, welche Ansprüche aus der gesetzlichen, privaten und betrieblichen Vorsorge zusammen mit erwartetem Einkommen aus Immobilien und Bankkonten bestehen.

„Für neutrale Plattformen wie den Renten Cockpit hat Open-Finance eine hohe Bedeutung: Individuelle Versorgungslücken lassen sich verlässlicher aufdecken und im Gegenzug auch passgenauer schließen“, erläutert hierzu Professor Dr. Andreas Hackethal von der Goethe Universität Frankfurt.

Vor allem zur Schließung der Versorgungslücken können Versicherungsvertriebe eine wichtige Rolle einnehmen. So ist angesichts der Komplexität der Altersvorsorge davon auszugehen, dass sich nicht alle Kunden zutrauen werden, die über eine Datenzusammenführung aufgezeigten Versorgungslücken eigenständig zu schließen.

Drittens: Erweiterung von Self-Service und Prozessautomatisierung

Versicherer können Open-Finance auch für die Erweiterung ihrer Self-Services verwenden, indem sie mit versicherungsfremden Plattformanbietern zusammenarbeiten („beyond insurance“). Ein Beispiel ist der Verkauf eines Autos über Online-Gebrauchtwagen-Marktplätze durch einen Kunden.

Für die Erstellung ihrer Inserate können Kunden mittels Open-Finance auf die Daten zugreifen, die bei ihren Kfz-Versicherern liegen. Neben Fahrzeugdaten (zum Beispiel Marke, Modell, Fahrgestellnummer) sind dabei auch Informationen zu gemeldeten Unfällen oder Vorschäden denkbar.

Solche Self-Services reduzieren telefonische oder schriftliche Rückfragen beim Versicherer und tragen zur Erhöhung der Convenience und damit zur Kundenzufriedenheit bei. Umgekehrt profitiert die Assekuranz von Open-Finance, wenn über den Gebrauchtwagen-Marktplatz Daten zu einem neu zu versichernden Auto geliefert werden. Diese können dann automatisch in Angebots- und Bestandsverwaltungs-Systeme fließen und dort dunkel verarbeitet werden.

Aus Sicht eines zukünftigen Anwenders beschreibt Marcel Neumann, Chief Market Officer der OCC Assekuradeur GmbH, die Vorteile wie folgt: „Wir können somit für alle Beteiligten wirkliche Mehrwerte schaffen: Den Autokäufern und -käuferinnen durch einfache Abfragen benötigter Informationen und schlanke Abwicklung, der Plattform mit einer prozessorientierten Erweiterung des Angebots. Und letztendlich dem Versicherer Ressourcen sichern, die sonst durch etwaige Rückfragen wie auch Bestandsarbeiten entfallen.“

Über die Grenzen der Versicherungsbranche hinaus denken

Neben diesen Beispielen ist eine Vielzahl weiterer Anwendungsbeispiele denkbar, wie Versicherer und Versicherungsvertriebe Open-Finance-Ansätze zu ihrem Vorteil nutzen können. Besonders wichtig für eine erfolgreiche Umsetzung ist die Bereitschaft, über die Grenzen der Versicherungsbranche hinaus zu denken und neue Wege in der Kooperation mit versicherungsfremden Partnern einzuschlagen.

Aus technischer Sicht bedarf es innerhalb der Versicherungsbranche einheitliche Datenschnittstellen, über die Kunden den Datenhahn selbstständig nach Bedarf auf- und zudrehen können. Entsprechende Initiativen innerhalb der Versicherungsbranche entstehen aktuell, etwa die „Free Insurance Data Initiative“ (Frida).

Hinter der Initiative Frida stehen neben der Alten Leipziger – Hallesche weitere Branchenvertreter als Partner wie der HDI-Konzern, die unter der Marke Friendsurance auftretende Alecto GmbH und Insurlab Germany e.V. Ziel ist, Schnittstellenstandards für die Versicherungsbranche zu entwickeln.

„Frida fördert und etabliert offene Standards im digitalen Versicherungswesen und zu verbundenen Geschäftsbereichen. Dabei setzt Frida auf die strukturierte Zusammenarbeit zwischen Versicherern und Versicherten sowie weiteren Playern in digitalen Ökosystemen“, erläutert dazu Sebastian Langrehr, CSO bei Friendsurance.

Julius Kretz, Professor Dr. Sascha Kwasniok

Julius Kretz arbeitet als „Bereichsleiter Marketing – Systeme & Plattformen“ bei der  Alten Leipziger – Hallesche. Sascha Kwasniok ist Professor und Studiengangsleiter BWL-Versicherung an der DHBW Mannheim.

 
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