WERBUNG

Wie problematisch ist die Lage der Lebensversicherer?

15.7.2020 – In einer Untersuchung von Zielke Research im Auftrag des Bundes der Versicherten waren 16 Gesellschaften genannt worden, deren Netto-Solvenzquoten unter 100 Prozent liegen. Die Interpretation der Daten und die Berichterstattung darüber hat die betroffenen Gesellschaften und ihren Verband zu empörten Reaktionen veranlasst. Konkrete Differenzen zeigen sich bei der Bedeutung der „Gewinnerwartung“ und welches Eigenkapital werthaltig ist.

In der letzten Woche hatte der Bund der Versicherten e.V. (BdV) die Studie „Solvenzberichte auf dem Prüfstand – Die Branche driftet auseinander“ der Zielke Research Consult GmbH vorgestellt.

Darin heben die Analysten hervor, dass sich die Finanzstärke der Lebensversicherer insgesamt im vergangenen Jahr nur wenig verändert habe, jedoch bei 16 Versicherern die SCR-Quote ohne Übergangsmaßnahmen und Volatilitätsanpassung bei unter 100 Prozent liegt (VersicherungsJournal 9.7.2020).

Analysten sehen die Finanzstärke der Lebensversicherer im negativen Trend

Laut Dr. Carsten Zielke, dem Urheber die Studie, ist der Trend negativ: „Für 2020 rechnen wir bei 20 Prozent der Gesellschaften mit einem weiteren Solvenzquotenrückgang von wenigstens 45 Punkten, womit dann 20 unter Wasser wären.“

Auch der Ausschusses für Finanzstabilität des Bundesministeriums der Finanzen (AFS) hatte sich zur Lage der Branche kritisch geäußert: Blieben die Zinsen weiter so niedrig und würden die Versicherungs-Unternehmen gleichzeitig weder ihre Geschäftspolitik weitreichend neu ausrichten noch zusätzliche Eigenmittel aufnehmen, so könnten einige Unternehmen die aufsichtlichen Solvenzanforderungen gegebenenfalls nicht mehr erfüllen (9.7.2020).

Kritik an der Studie von GDV und Versicherern

Zu dem Bericht des AFS hat sich die Branche bislang nicht öffentlich geäußert. Kritisiert wurden dagegen der BdV und Zielke sowie die Berichterstattung über die Untersuchung in der Bild-Zeitung und bei Focus Money online.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) schreibt auf seiner Internetseite: „Die Solvenzlage deutscher Lebensversicherer ist nachweislich besser, als vom BdV dargestellt.“ Kein Unternehmen sei in Schwierigkeiten.

Die von den Verbraucherschützern vorgelegte Untersuchung sei „insgesamt nicht überzeugend“. Die ausgewerteten Berichte der Lebensversicherer seien teilweise falsch interpretiert worden. „Die BdV-Bewertung wird nicht ausreichend begründet und bleibt – wie im Vorjahr – intransparent“, schreibt der Verband.

Streit um die „Gewinnerwartung“

Konkret kritisiert der GDV: „Der BdV definiert eine eigene Kennzahl ‚Gewinnerwartung‘. Dieser Wert hat an sich kaum Aussagekraft. Die Bezeichnung ist zudem irreführend, da die Kennzahl keine Aussage zu künftigen Gewinnen der Gesellschaft erlaubt.

Die zugrunde gelegten Expected Profit included in Future Premiums (EPIFP; ‚Bei künftigen Prämien einkalkulierter Gewinn‘) sind eine technische Kennzahl aus dem Aufsichtssystem Solvency II. Sie gibt an, welcher Teil der in den Modellen ermittelten künftigen Gewinne den künftigen Prämienzahlungen zugeordnet werden kann. Der Wert ist bereits in den Eigenmitteln berücksichtigt.“

Zielke entgegnet der Kritik so: „Zu behaupten, […] dass diese Kenngröße keine Aussagekraft hat, bedeutet, die gesamte Modellierung im Standardmodell unter Solvency II infrage zu stellen, da inzwischen ein Großteil der Solvenz aus heutigen Annahmen für das zukünftige Geschäft besteht.“

Die Kennzahl alleine sei allerdings keine Grundlage für eine Entscheidung für oder gegen den Abschluss oder Stornierung bei einem Lebensversicherer.

Versicherer werfen Zielke handwerkliche Fehler vor

Einige Lebensversicherer haben sich in Versicherungswirtschaft Heute über die Zielke-Studie und die Berichterstattung in den Medien beklagt.

Darin wird die Huk-Coburg-Lebensversicherung AG mit der Aussage zitiert, sie halte die Studie für „fehlerhaft und intransparent“.

Es sei „nicht nachvollziehbar“, warum im Rating für einzelne Gesellschaften in der reinen Solvenzquote mehr oder weniger willkürlich Eigenmittel gekürzt werden, während bei anderen anscheinend die Quote ohne Übergangsmaßnahmen durch Anrechnung eben dieser Übergangsmaßnahmen erhöht wird.

Welches Eigenkapital zählt?

Zielke erläutert seine Methodik so: Bisher habe er ergänzendes Eigenkapital, zum Beispiel nicht eingezahltes Grundkapital und Versprechen, Nachrangdarlehen gewährt zu bekommen, voll anerkannt.

„Die zunehmende Beliebtheit bei gleichzeitiger angespannten Zinssituation aber auch der Umstand, dass es keine Gegenpositionen weder in den Solvenz- noch in den HGB-Bilanzen der Garantiegeber gibt, hat uns veranlasst, in diesem Jahr derartiges weiches Kapital nicht mehr zu berücksichtigen.“

Zudem sei fraglich, ob in einer Notsituation eine andere Sparte der Lebensversicherungs-Gesellschaft überhaupt Mittel zukommen lassen darf, ohne die eigenen Versicherungsnehmer zu schädigen.

Je nach Methode liegen 13 oder 16 Gesellschaften unter 100 Prozent

Die neue Berechnungsmethodik wirke sich insbesondere bei drei Gesellschaften aus. Bei der Concordia Oeco Lebensversicherungs-AG sinke dadurch die reine Solvenz von 110 auf 80 Prozent, bei der Huk-Coburg Leben von 125 auf 94 Prozent und bei der HDI Lebensversicherung AG von 103 auf 96 Prozent.

Dreizehn weitere Gesellschaften liegen auch nach deren eigenen Berechnungen unter 100 Prozent. Das zeigt die Übersicht der Policen Direkt Versicherungs-Vermittlung GmbH (23.4.2020).

Die Bayerische prüft rechtliche Schritte

Am Dienstag hat sich auch die Bayerische Beamten Lebensversicherung a.G. zu Wort gemeldet: „Die Behauptungen des BdV sind allerdings unwahr: Die Studie interpretiert grob fahrlässig Zahlen und zieht falsche Schlussfolgerungen.“ Welche Zahlen ihrer Ansicht nach fahrlässig interpretiert wurden und welche Schlussfolgerungen falsch sein sollen, wird jedoch nicht konkret benannt.

Der Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft, Dr. Herbert Schneidemann schreibt: „Durch diese fehlerhafte Studie sehen wir uns absurden Unterstellungen ausgesetzt, die unsere Kunden verunsichern und geschäftsschädigend sein können. Dagegen wehren wir uns entschieden und prüfen rechtliche Schritte.“

Zielke hatte festgestellt, dass die reine Solvenzquote des Unternehmens (von 65) auf 62 Prozent zurückgegangen war. Diese Zahl hatte auch Policen direkt gemeldet. Laut Solvenzbericht der Bayerischen (PDF, 671 KB) betrug die Netto-SCR dagegen 66 Prozent. Mit Übergangsmaßnahmen und Volatilitätsanpassung sind es 222 Prozent.

 
WERBUNG
WERBUNG
Mehr Umsatz durch professionelle Kundenpflege

Ob Kundenzeitung, Homepage oder Newsletter – durch regelmäßige Fachinformationen bieten Sie Ihren Kunden echten Nutzen.
Sie haben keine Zeit dafür? Die Autoren des VersicherungsJournals nehmen Ihnen das Schreiben ab.

Jetzt auch für Ihren Social Media Auftritt.

Eine Leseprobe und mehr Informationen finden Sie hier...

WERBUNG
VersicherungsJournal in Social Media

Besuchen Sie das VersicherungsJournal auch in den sozialen Medien:

  • Facebook – Ausgewähltes für den Vertrieb
  • Twitter – alle Nachrichten von VersicherungsJournal.de
  • Xing – über den Verlag
  • Xing News – Ausgewähltes zu Karriere und Unternehmen
WERBUNG
Werben im Extrablatt

Mit einer Anzeige im Extrablatt erreichen Sie mehr als 13.000 Menschen im Versicherungsvertrieb, überwiegend ungebundene Vermittler. Über die Konditionen informieren die Mediadaten.

Ihr Wissen und Ihre Meinung sind gefragt

Ihre Leserbriefe können für andere Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein. Bitte schreiben Sie Ihre Kommentare unter den Artikel in das dafür vorgesehene Eingabefeld.

Die Redaktion freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt ist. Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu. Schreiben Sie bitte an redaktion@versicherungsjournal.de.

Allgemeine Pressemitteilungen erbitten wir an meldungen@versicherungsjournal.de.

WERBUNG
Das Einmaleins des Fondsvertriebs

Zuhören statt vollquatschen:
Im Vertrieb von Fondsprodukten und Investments gilt es zunächst, die Bedürfnisse und Ängste des Kunden genau kennenzulernen. Wie man seinen Verkaufsprozess organisiert, erklärt ein aktuelles Praxisbuch.

Interessiert? Dann klicken Sie hier!

Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
19.6.2020 – Der aktuelle Map-Report gibt Aufschluss über die Höhe der neuen Solvenz-Bedeckungsquoten – mit und ohne Hilfsmaßnahmen. Wie sich die Marktgrößen in der Lebensversicherung geschlagen haben. (Bild: Wichert) mehr ...
 
4.6.2020 – Die Coronakrise könnte eine Kündigungslawine bei Lebensversicherungen auslösen. Verhindern kann man das über die oft sinnvolle Beleihung des Vertrags. Doch die Konditionen sind sehr unterschiedlich, wie eine Umfrage des VersicherungsJournals ergab. (Bild: Pixabay CC0) mehr ...
 
14.10.2019 – Untersucht wurden mit Daten von Franke und Bornberg die Finanzstärke, das Rating in der Rentenhöhe in verschiedenen Kategorien. Dabei erhielten Tarife von 18 Lebensversicherern die Note „sehr gut“. (Bild: pixa) mehr ...
 
25.9.2019 – Zielke Research Consult und der Bund der Versicherten haben ihre Analyse der Solvenz-Berichte von 2018 präsentiert. 21 der untersuchten Lebensversicherer erwirtschaften keine Gewinne mehr, nur neun Gesellschaften erhalten ein gutes Zeugnis. (Bild: BdV/Achenbach) mehr ...
 
29.4.2019 – Eine erste umfassende Übersicht der Beitragseinahmen 2018 zeigt im Vergleich zum Vorjahr insgesamt eine deutliche Trendwende der Branche. Teils enorme Zuwächse und Einbrüche bei den einzelnen Gesellschaften verändern das Ranking nach Marktanteilen an vielen Positionen. (Bild: Meyer) mehr ...
 
25.4.2019 – In der Marktübersicht von Policen Direkt werden die „Sorgenkinder“ der Branche sichtbar. Etliche Gesellschaften konnten sich deutlich verbessern, aber ein Drittel hat an Solvenz eingebüßt, teilweise sogar drastisch. Das wirkt sich bei manchen auf den Handlungsspielraum aus. (Bild: Policen Direkt) mehr ...
 
7.3.2019 – Beim Bestandsstorno geht die Schere der Leben-Anbieter auf dem deutschen Markt deutlich auseinander. Welche Gesellschaften auf Fünfjahressicht (2013 bis 2017) zu den Spitzenreitern beziehungsweise zu den Schlusslichtern gehören – und wie die Marktgrößen abschneiden. (Bild: Wichert) mehr ...
WERBUNG