Versorgungswerke für Ärzte reichen meist nicht aus

15.5.2018 – Die Redaktion von Finanztest hat sich jüngst mit den Versorgungswerken für Mediziner beschäftigt. Dabei wurden bei der Rentenhöhe große Unterschiede festgestellt, vergleichbar seien die Systeme zudem nicht. Experten für die Versicherung von Berufsangehörigen des Heilwesenstandes haben einige Lücken im Testbericht beanstandet, schreibt Heiko Beckert in seinem Gastbeitrag.

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In Ausgabe 5/2018 ihrer Zeitschrift Finanztest hat sich die Stiftung Warentest mit den 18 Versorgungswerken für Ärzte beschäftigt. Der Bericht macht vor allem eins klar: Bei den Ruhestandsgeldern ist Arzt nicht gleich Arzt. Ganz im Gegenteil: Die Unterschiede beispielsweise beim Renteneintrittsalter sind beachtlich.

Differenzen in den Bundesländern

Heiko Beckert (Bild: privat)
Heiko Beckert
(Bild: privat)

Glücklich darf sich schätzen, wer als Mediziner in Hessen arbeitet. In dem Bundesland erhalten Ärzte vom Versorgungswerk der Landesärztekammer Hessen ab 65 Jahren eine Rente ohne Abschläge.

Das ist in Deutschland einmalig. Bei allen anderen Versorgungswerken müssen Mediziner länger arbeiten. Wer kurz vor dem Ruhestand steht, vielleicht nur ein paar Monate; jüngere Ärzte erhalten dagegen ihre volle Rente vom Versorgungswerk erst zwei Jahre später als ihre hessischen Kollegen.

Laut der Zeitschrift gibt es auch große Differenzen beim spätestens möglichen Renteneintritt und bei den Teilrenten. Die bieten nämlich nur sechs Versorgungswerke – Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen und Koblenz. 2019 will als siebte die Versorgungseinrichtung der Bezirksärztekammer Trier nachziehen. Bei allen anderen sind Teilrenten nicht vorgesehen.

Kapitalanlagerisiken bei Versorgungswerken

Experten des Heilwesennetzwerks RM eG warnen davor, dem Bericht uneingeschränkt zu vertrauen. Denn sie machen einige blinde Stellen aus. „Der Bericht geht mit den Kapitalanlagerisiken der Versorgungswerke sehr nachsichtig um“, kritisiert etwa Robert Dürnhöfer, Geschäftsführer der Athene Versicherungsmakler GmbH und auf Ärzte der Human- und Zahnmedizin spezialisiertes Mitglied des Netzwerks.

Tatsächlich heißt es in dem Artikel nur, dass Versorgungswerke bei der Finanzierung auf „eine Mischung aus Umlage und Kapitaldeckung“ setzen. Die Gewichtung der beiden Finanzierungswege könne von jeder Einrichtung eigenständig gewählt werden. Bisher scheine die Mischung zu stimmen, schließt Finanztest. Das ist Dürnhöfer zu dünn.

Niedrigzins belastet

Gestützt wird diese Einschätzung durch einen Bericht der Süddeutschen Zeitung. Im November 2016 hieß es dort in einem Beitrag: „Eine neue Studie zeigt nun: Auch bei den Versorgungswerken geht es mit den Renditen wegen der niedrigen Zinsen bergab.“

Dem Blatt zufolge erzielte die Baden-Württembergische Versorgungsanstalt für Ärzte im Jahr 2014 mit 4,32 Prozent die höchste Nettorendite unter den größten Zehn. Die Ärzteversorgung in Niedersachsen kam hingegen nur auf eine Bruttorendite von 1,78 Prozent. „Das zeigt deutlich, dass das Management der Versorgungswerke hier im Markt uneinheitlich agiert, und die Kapitalanlageerfolge der Versorgungswerke nicht in Stein gemeißelt sind“, findet Dürnhöfer.

Alarm geschlagen hat auch die Informationsplattform Apotheke Adhoc. Einem ihrer Onlinebeiträge zufolge hält die Bundesregierung weitere Kürzungen bei den Versorgungswerken für erforderlich, wenn die niedrigen Zinsen fortdauern. Einschnitte bei den Leistungsauszahlungen seien kein Tabu. Dürnhöfer empfiehlt hier: „Im Sinne der Streuung des Kapitalanlagerisikos sollte die Ergänzung durch Basisrenten durchaus in Betracht gezogen werden.“

Anlagestrategie geändert

Es gibt aber noch eine weitere Befürchtung: Da Versorgungswerke ihre Anlagestrategie nach 2008 geändert haben, könnte eine Zinswende die Einrichtungen auf dem falschen Fuß erwischen, warnen einige Experten.

Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hervorgeht, sank der Anteil der festverzinslichen Anlagen von 71 Prozent (2007) auf 56 Prozent (2015). Gestiegen sind dagegen die Anteile an Aktien, Immobilien und Grundstücken sowie Beteiligungen (zum Beispiel Private Equity).

Infektionsklausel bei Berufsunfähigkeit

Eine ganz andere Leerstelle in dem Finanztest-Artikel moniert der Versicherungsmakler Peter Grimm von der Priass Prisma Assekuranzmakler GmbH & Co. KG, der ebenfalls auf Heilberufe spezialisiert ist. „Mir ist das Thema Berufsunfähigkeit in dem Artikel etwas zu kurz gekommen, da dies für Medizinberufe ein hohes Risiko ist.“

Versorgungswerke böten in erster Linie eine Altersversorgung, dazu gebe es Absicherungen für Hinterbliebene und bei Verlust der Arbeitskraft. „Die Absicherung bei Berufsunfähigkeit ist jedoch oft nicht umfassend und muss durch eine eigene Vorsorge ergänzt werden“, sagt Grimm.

Beispiel Infektionskrankheit: Ärzte und Zahnärzte laufen bei einer Infektion Gefahr, keine Patienten behandeln zu dürfen. Einige Versicherer haben deshalb eine Infektionsklausel in die Berufsunfähigkeits-Versicherung aufgenommen, so dass die Versicherung zahlt, wenn der Arzt wegen einer ansteckenden Krankheit nicht arbeiten kann.

Beratungsbedarf bei Krankentagegeld

Um längere Ausfallzeiten zu überbrücken, empfiehlt Finanztest den Abschluss einer Krankentagegeld-Versicherung. Das könne er unterschreiben, findet Benjamin Buhle, Barmenia-Agenturleiter in Fuldatal. „Bei längeren Ausfallzeiten von niedergelassenen Ärzten steht allerdings nicht nur das Einkommen des Arztes auf dem Spiel, sondern die gesamte Arztpraxis.“

Deshalb, so Buhle, sollten sich Ärzte bei der Wahl der Höhe des Krankentagegeldes und der möglichen Karenzzeiten intensiv beraten lassen. Er habe einen krankgeschrieben Arzt im Bestand, der monatlich knapp 20.000 Euro Krankentagegeld erhält. Das reiche gerade aus, um die laufenden Praxiskosten zu decken.

Lesetipp: Zielgruppenanalysen
Zielgruppenanalyse Zahnärzte Cover (Bild: VersicherungsJournal)

Spezialwissen zu Versorgungslage, besonderen Risiken und Beratungsbedarf einzelner Berufsgruppen des Heilwesens bieten zwei Zielgruppenanalysen aus dem VersicherungsJournal-Verlag.

Sie beschäftigen sich zum einen mit Apothekern als Zielgruppe von Vermittlern (VersicherungsJournal 28.4.2017), zum anderen mit der Beratung und Absicherung von Zahnärzten und deren Praxen (VersicherungsJournal 20.1.2017).

Ebenfalls erschienen ist die Zielgruppenanalyse Rechtsanwälte. Hier gestaltet sich die Beratung rund um die Thematik berufständische Versorgung, eventuelle Lücken und passende Lösungen ähnlich komplex (VersicherungsJournal 12.9.2017).

Heiko Beckert

Der Autor ist freier Journalist und Redakteur für PR- und Maklerthemen in der Versicherungsbranche bei der Kommunikate GmbH.

 
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