Versicherer mutieren vom Schadenmanager zum „Beaufsichtiger“

13.4.2018 – Auf seiner 28. Wissenschaftstagung hat der Bund der Versicherten in Berlin zahlreiche aktuelle Aspekte der Entwicklung und Ausprägung von personalisierten Versicherungstarifen thematisiert – auch die Risiken für Kollektivbindung und Prämiengestaltung.

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Am Donnerstag und am Freitag hat der Bund der Versicherten e.V. (BdV) seine diesjährige Wissenschaftstagung in Berlin veranstaltet. Auf dem Programm standen am ersten Tag vor allem wissenschaftliche Fragen rund um die Zukunft der Tarifierung von privaten Versicherungen.

Am zweiten Tag geht es traditionell um Streitgespräche – diesmal zum Thema „Run-Off – Ende oder Neubeginn der Lebensversicherung? – und um die Verleihung des 2015 ins Leben gerufenen Negativpreises „Versicherungskäse des Jahres“. Nominiert sind diesmal der Schutzbrief „Ergo Smart Home“, der „Generali Vitality BU-Tarif SBUV 17“ sowie die von WGV und BGV angebotene „Schülerversicherung“ (VersicherungsJournal 11.4.2018).

Hat die Solidarität ausgedient?

Hat das Solidaritätsprinzip in der Versicherung ausgedient? Die Frage warf eingangs Professor Dr. Günter Hirsch, Leiter der Schlichtungsstelle Versicherungsombudsmann e.V., auf. Die Antwort gab er anhand der Entwicklung von Telematiktarifen in der Kfz-Versicherung selbst. Im Prinzip ein klares Jein.

Einerseits böten in Deutschland derzeit zwölf von 100 Kfz-Versicherern einen Telematiktarif an, der von rund 80.000 Kunden verwendet werde. Der Tarif beruhe auf Verhaltensprofilen der Fahrer und deren Auswertung im Hinblick auf ihre Risikorelevanz.

Andererseits würden die erhobenen Daten jeweils an einen Dienstleister des Versicherers übertragen, der hieraus einen Punktestand ermittelt. „Je besser dieser Score, desto höher die Ersparnis gegenüber dem Normaltarif“, betonte Hirsch. Das werfe die Frage auf, welche Daten wirklich aussagekräftig sind in Bezug auf die Bewertung des versicherten Risikos. Im Einzelfall könne abruptes Gas geben durchaus sinnvoll sein, dürfte aber vom Versicherer eher negativ ausgelegt werden.

Die reinen Daten lassen nicht immer den Schluss auf einen bestimmten Risikograd des Fahrverhaltens zu.

Günter Hirsch, Versicherungsombudsmann

Daher forderte der Ombudsmann die Versicherer, die Telematiktarife in der Kfz-Versicherung verwenden, auf, klar darzulegen, wie sie die Daten bewerten. „Die reinen Daten lassen nicht immer den Schluss auf einen bestimmten Risikograd des Fahrverhaltens zu“, sagte Hirsch in der Diskussion. Es brauche wohl eine Pauschalierung, um verhaltensbezogene Elemente in der Tarifierung zu erfassen.

Risikoausgleich im Kollektiv gefährdet

„Ein besonderes Problem wirft die Individualisierung des Versicherungsrisikos im Hinblick darauf auf, dass dem Versicherungsgedanken das gegenläufige Prinzip der Solidarität inhärent ist“, so Hirsch. Der Assekuranz liege die Idee zugrunde, einen im Einzelnen ungewissen, insgesamt geschätzten Mittelbedarf auf der Grundlage des Risikoausgleichs im Kollektiv und in der Zeit zu decken.

„Grundlage der Prämienberechnung ist folglich ein gemischtes Kollektiv von guten und schlechten Risiken“, so der Ombudsmann weiter.

„Telematik-Tarife nehmen aus diesem Kollektiv tendenziell die heraus, bei denen aufgrund ihres persönlichen Verhaltens oder ihrer individuellen Situation das Risiko des Versicherungsfalles niedriger ist als bei den übrigen“, verdeutlichte Hirsch das Problem der Antiselektion. Im Verbund blieben dann nur noch überwiegend schlechtere Risiken, deren Absicherung entsprechend höhere Beiträge der übrigen Risiken erfordern.

Günter Hirsch (Bild: Pohl)
Günter Hirsch (Bild: Pohl)

„Tendenz der Entsolidarisierung“

Andererseits bestünden für den Versicherer umso größere Unsicherheiten bei der Prämienkalkulation, je weniger die Prämien am individuellen Risiko orientiert sind. „Denn dadurch erhöht sich der Aufwand für das Risikomanagement und verteuert den Versicherungsschutz.“ Dieser Aufwand verringert sich dagegen mit der stärkeren Orientierung der Prämien an dem personalisierten Risiko.

Wie auch immer man die Sache drehe: „Wenn Telematiktarife zu Einbußen beim Gesamt-Prämienaufkommen führen, müssen diese zulasten der anderen Versicherungsnehmer ausgeglichen werden.“ Letztlich trügen sie dem Gedanken Rechnung, dass das Interesse des Versichertenkollektivs nicht nur darin besteht, Risiken zu teilen, sondern auch darin, Risiken zu vermeiden.

Wenn das individuelle Risikoverhalten zur Tarifierung herangezogen wird, gebe es aber auch eine „Tendenz der Entsolidarisierung“. Diese könne gerade im Versicherungsbereich zu existenziellen Problemen des Einzelnen führen.

Durch Big Data wird eine neue Spirale der Risikoauslese in Gang gesetzt.

Constantin Papaspyratos, Bund der Versicherten

Risikoentmischung und Paralleltarife

Anschließend ging es um das Thema „Risikoentmischung und Paralleltarife“. Am Beispiel von Personenversicherungen kam Constantin Papaspyratos zu dem Schluss: Eine Risikoauslese bis ins Detail ist künftig unausweichlich. Der Leiter der Stabsstelle Rechts- und Fachberatung beim BdV machte dies an der Berufsunfähigkeits-Versicherung deutlich.

Dort sei „die Problematik der adversen Selektion zwischen Neukunden und Bestand gegeben“. Die Versicherer wollten dies zwar vermeiden, weil die Gefahr des schleichenden Verlustes an Kunden besteht. „Doch durch Big Data wird eine neue Spirale der Risikoauslese ein Gang gesetzt“, so der BdV-Experte.

Die Folge in der BU-Versicherung zum Beispiel sei die Einführung immer neuer Risikoklassen und Tarife samt Prämienspreizungen und verbesserten Bedingungen. Das führe mitunter zu der absurden Folge, dass allein wegen der Berufsbezeichnung unterschiedliche Beitragshöhen verlangt werden.

Constantin Papaspyratos (Bild: Pohl)
Constantin Papaspyratos (Bild: Pohl)

Eine gewisse Willkür bei der Tarifkalkulation

„So verlangt ein Versicherer für den Berufsabschluss „Hochbautechniker“ 39 Prozent mehr Beitrag als beim „Techniker Hochbau“, obwohl beide Berufsbilder inhaltlich nicht zu unterscheiden sind“, sagte Papaspyratos. Bei einem Einzelhändler könne der Beitrag, je nach Einsatzgebiet, um über 100 Prozent schwanken.

Dies spreche für eine gewisse Willkür in der Kalkulation. Heute bekäme ein dauergestresster Akademiker deutlich preiswerteren BU-Schutz als ein Gerüstbauer. Letzterer sei vielfach unversicherbar, obwohl die BU-Beiträge insgesamt in den letzten zehn Jahren deutlich gefallen sind.

Papaspyratos hält es für denkbar, dass der Gesetzgeber früher oder später über Kriterien oder Standards zur Risikoklassifizierung nachdenken wird. Im Moment sei am Markt nicht ein Umdenken dahingehend zu spüren, die einmal gewählte Strategie der verstärkten Risikoauslese aufzugeben.

Bewertung von personalisierten Tarifen

Sind personalisierte Tarife gerecht? Antworten versuchte Horst Müller-Peters, BWL-Professor am Institut für Versicherungswesen (IVW) und Leiter der Forschungsstelle Versicherungsmarkt der Technischen Hochschule Köln. Müller-Peters hatte dazu bereits eine Studie unter dem Titel „Geschäft oder Gewissen? Die Wahrnehmung und Bewertung von telematikbasierten Versicherungstarifen“ veröffentlicht (VersicherungsJournal 23.3.2017).

Darin wurde festgestellt, dass die Teilnehmer Kfz-Tarife nach Fahrstil weitestgehend für gerecht halten (VersicherungsJournal 30.1.2017). Erhoben wurde auch die Akzeptanz von Telematik- und verhaltensbasierten Tarifen im Bereich der Krankenversicherung.

Was als gerecht empfunden wird

Welche Merkmale bei der Beitragsberechnung mit einbezogen werden dürften und welche nicht, hat Müller-Peters ebenfalls erfragt. Daraus ergibt sich, dass Merkmale, die die Teilnehmer selbst beeinflussen können, als gerechter empfunden werden, als Merkmale zur Lebenssituation (wie Wohnort oder Beruf) oder schicksalsbedingte Merkmale (wie Geschlecht oder Alter).

Am gerechtesten fänden es die Befragten, wenn in die Berechnung der Beiträge folgende Merkmale einbezogen würden: Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen (69 Prozent), Raucherverhalten (64 Prozent), Häufigkeit von Alkoholkonsum (60 Prozent) und gesunde Ernährung (54 Prozent).

Horst Müller-Peters (Bild: Pohl)
Horst Müller-Peters (Bild: Pohl)

Was Gerechtigkeit im wirtschaftlichen Kontext bedeutet

„Die Telematik ermöglicht es den Versicherern inzwischen, vom Gleichheitsprinzip ins Risikoprinzip zu wechseln“, sagte Müller-Peters in seinem Vortrag auf der BdV-Tagung. Damit flössen auch solche Merkmale wie Verhalten, Lebenssituation und Schicksal in die Risikobewertung mit ein.

Das werde im wirtschaftlichen Kontext vielfach nicht als fair empfunden. Dort gelte das Gleichheitsprinzip als Standard. Niemandem dürfe Schaden zugefügt werden, zumindest der Ist-Zustand müsse erhalten bleiben. Zu beobachten sei auch eine „Eigennutz-Verzerrung“: „Als fair wird empfunden, was persönlich nutzt.“

Vom Entschädiger zum Schadenverhüter

Laut Studie würde ein Drittel der Befragten einen telematischen Tarif erwägen, wenn man ihnen 30 Prozent Preisvorteil bietet. In diesem Zusammenhang verwies Müller-Peters auf einen „Überoptimismus in der Selbsteinschätzung“ hin: 48 Prozent der Befragten erwarten bei Beibehaltung ihres Fahrstils eine Prämiensenkung im Telematiktarif, nur vier Prozent einen Prämienanstieg.

Wichtig sei den Kunden eine Art Gerechtigkeit. Dabei gebe es vier Schwellen:

  • Sind die Tarifierungskriterien und deren Erfassung nachvollziehbar? (Verfahrensgerechtigkeit)
  • Erscheinen die Kriterien durch den Einzelnen beeinflussbar? (Ergebnisgerechtigkeit).
  • Ist ein persönlicher Vorteil zu erwarten? (Eigennutz)
  • Ist die Datenerfassung sicher und entspricht sie dem Wunsch nach Privatsphäre und Autonomie? (Datenschutz)

Das Fazit von Müller-Peters: Die Rolle des Versicherers wächst durch Telematik weiter vom Entschädiger und Schadenmanager zum Schadenverhüter, aber womöglich auch zum „Beaufsichtiger“.

 
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