Stille Cyberrisiken: Schadenszenarien sind völlig unterschätzt

25.3.2019 – Im VersicherungsJournal Extrablatt 1|2019 geht es dieses Mal um Chancen und Gefahren aus dem Internet. Ein Thema: Silent Cyber. Worum es geht, erklärt Renate Kerpen von der DEVK im Interview. Mehr zu diesem Risiko findet sich zudem im aktuellen Heft „www – Vertriebsturbo Internet“.

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Silent-Cyber-Risiken

Das Angebot an Cyberpolicen und -Ergänzungsbausteinen für Private und Firmenkunden wächst. Doch auch im klassischen Geschäft muss sich die Assekuranz mit den Gefahren aus dem Netz & Co. auseinandersetzen. Denn die klassischen Policen decken das Cyberrisiko zu einem Teil bereits ab – und dies oft unkalkuliert.

Dieses Problem heißt „Silent“ oder „non-affirmative“ Cyberrisiken. Renate Kerpen, Cyberspezialistin der DEVK Rückversicherungs- und Beteiligungs-AG, riet schon im letzten Herbst Erstversicherern, die klassischen SHUK-Sparten auf potenzielle Silent-Cyber-Risiken zu untersuchen (VersicherungsJournal 24.9.2018).

VersicherungsJournal: Handelt es sich bei Silent Cyber wirklich um ein Risiko für Versicherer?

Renate Kerpen: Ja, Versicherer werden davon mitunter überrascht, mit negativen Auswirkungen auf ihre Ergebnisse. Dabei sind vor allem steigende Frequenzen ein Problem, weil Cyber als zusätzlicher Schadenauslöser hinzukommt oder auch Kumulschäden, wenn beispielsweise reihenweise Haussteuerungen gehackt werden.

VersicherungsJournal: Es geht also um viele kleine zusätzliche Schäden – oder auch um die Problematik von Großschäden?

Renate Kerpen (Bild: DEVK Rück)
Renate Kerpen (Bild: DEVK Rück)

Kerpen: Großschäden im Versicherungssinn gibt es in der Privatversicherung eher nicht – lassen wir Ausnahmen aus dem Kfz-Bereich einmal außen vor – wie im Jahr 2004 die Beschädigung der Wiehltalbrücke.

Bei den Cyberpolicen für Firmenkunden sehe ich die Gefahr, dass die Schadenszenarien völlig unterschätzt werden. Reicht das vereinbarte Policenlimit für den Schaden nicht aus, können die Versicherungsnehmer versucht sein, ihren Schaden im klassischen Versicherungsschutz geltend zu machen.

In diesem Zusammenhang ist meiner Meinung nach auch das Vorgehen des US-Konzern Merck zu sehen, der nach der Cyberattacke „Notpetya“ seine Impfstoffproduktion stoppen musste und für einen derart großen Produktionsausfall sowie Folgekosten nicht versichert war.

VersicherungsJournal: Geben die Erstversicherer eine höhere Schadenbelastung durch Silent Cyber nicht an ihre Rückversicherer weiter?

Kerpen: Das Privatkundengeschäft ist in der Regel proportional rückversichert. Das heißt, das Risiko wird auf Basis der Versicherungssumme entweder quotal mit einem festen Prozentsatz oder mit absoluten Beträgen als Summenexzedent aufgeteilt. Das entlastet den Erstversicherer bei gestiegenen Schadenquoten durch eine höhere Frequenz oder Kumule aber nur absolut, nicht relativ. Die Schadenquote des Erstversicherers bleibt auf vergleichbarer Höhe.

VersicherungsJournal: Beim Summenexedenten sprechen Sie von „vergleichbarer“ Höhe, also nicht gleicher Höhe. Können Sie das näher erklären?

Kerpen: Wie sich das Ergebnis von Summenexzedent und Selbstbehalt (SB) zueinander verhalten, hängt davon ab, ob eher große oder eher kleine Risiken einen Schaden erleiden. Sehr kleine Risiken sind gar nicht unter dem Summenexzedenten gedeckt; solche Schäden berühren diesen nicht.

Bei großen Risiken werden Schäden genau in Relation zur Prämienteilung für dieses Risiko aufgeteilt; da aber in der Quote die Gesamtmenge Prämie deutlich größer ist, wird die Schadenquote weniger stark beeinflusst als der Summenexzedent. Er ist im Gegensatz zur Quote daher schwankungsanfälliger, hier wird deshalb in der Regel eine niedrigere Provision gezahlt.

VersicherungsJournal: Die Erstversicherer können das Risiko aber doch auch nichtproportional rückversichern, oder?

Kerpen: Wo es zusätzlich nichtproportional rückversichert ist, gibt es in der Rückversicherung grundsätzlich spezifische Cyber-Rückversicherungs-Klauseln. Bei nichtproportionalen CAT-Verträgen ist dies eigentlich immer die Rückversicherungs-Klausel NMA 2912 (Non Marine Association, Londoner Markt), die die Aggregation von durch einen Cybervorfall ausgelösten Schäden zu einem Ereignis verbietet.

Cover Extrablatt (Bild: VersicherungsJournal)

Eine weitere Schwierigkeit des Marktes ist zudem die Definition des Schadenereignisses. In der Cyberrückversicherung experimentiert man bislang weitgehend erfolglos mit cyberspezifischen Ereignisdefinitionen, denn hier stellen sich etwa bei Schadsoftware Fragen wie: Wann ist ein Virus ein neuer Virus? Welche zeitlichen Begrenzungen gibt es? Wie sieht es mit Reinfektionen et cetera aus?

Als Folge gibt es oft auch nur proportionale Rückversicherung. Großer Kapazitätsbedarf auf der Erstversicherungsseite wird meist durch gelayerte Policen gedeckt. Mögliche Kumule gehen dann zulasten des Erstversicherers, mögliche Großschäden aufgrund zu niedriger Policenlimits auf Kosten des Versicherungsnehmers.

So kommt das Extrablatt zu Ihnen

Weitere Details zu diesem Thema und einiges mehr rund um das Thema Cyber findet sich im VersicherungsJournal Extrablatt 1|2019, das seit dem 25. März im Internet unter diesem Link einsehbar ist.

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Cyberversicherung · Provision · Rückversicherung
 
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