Harte Zeiten für die Lebensversicherer

4.2.2015 (€) – Das Länder- und Branchenrisiko der deutschen Schaden- und Unfallversicherer schätzt die Rating-Agentur Standard & Poor‘s besser ein als das der Lebens- und Krankenversicherer. Der Handlungsspielraum der Lebensversicherer wird enger, sodass mit weiter sinkenden Gewinnbeteiligungen sowie anhaltenden Diskussionen um das Thema „Abschlussprovisionen“ zu rechnen ist. Gegenwärtig hat S&P die von ihr gerateteten deutschen Versicherungsgruppen mit durchschnittlich „A“ und ganz überwiegend mit stabilem Ausblick bewertet. In den Jahren 2015 und 2016 rechnet die Agentur nicht mit wesentlichen Ratingveränderungen.

„Das sich verschärfende Niedrigzinsumfeld ist der alles überlagernde Risikofaktor für deutsche Lebensversicherer“, fasste Christian Badorff, Associate Director und Sektoranalyst für deutsche Versicherer bei Standard & Poor‘s (S&P), die derzeitige Situation zusammen. „Die Wachstumsaussichten sind mager. Die Profitabilität leidet nachhaltig. Die Zinszusatzreserve bringt deutliche kurzfristige Belastungen.“

Weitere Verbesserung der Kosteneffizienz notwendig

Beim Mediengespräch „Ausblick auf die Finanzkraft deutscher Versicherer“ begründete Badorff, warum S&P das Branchenrisiko für deutsche Lebensversicherer um eine Stufe in Kategorie vier (moderate risk) schlechter einschätzt, das Gesamtrisiko aber unverändert in Kategorie drei (intermediate risk) verbleibt.

„Die der Branche zur Verfügung stehenden Hebel verlieren an Wirksamkeit“, so Badorff mit Blick auf die bereits erfolgte Reduzierung der Gewinnbeteiligungen (VersicherungsJournal 30.1.2015, 9.1.2015) und der Verwaltungskosten.

Wenig Spielraum bestehe auch bei Preiserhöhungen in Leben und Berufsunfähigkeit. Er hält deshalb geringere Abschlussprovisionen (VersicherungsJournal 3.2.2015, 6.8.2014) für sachgerecht und ein weiterhin ein großes Thema.

Im derzeitigen Basisszenario erwartet die Rating-Agentur in den Jahren 2015 und 2016 eine stagnierende Prämienentwicklung bei abnehmender Profitabilität und Kapitalisierung. Die Anforderungen an die Zinszusatzreserve könnten bei steigenden Zinsen bereits im laufenden Jahr herausfordernd werden, spätestens jedoch in den Jahren 2017 bis 2019.

Ausblick Krankenversicherungs-Sektor: relativ stabil

Das Länder- und Branchenrisiko für deutsche Krankenversicherer belässt S&P gleichfalls unverändert in der Kategorie drei. Bei Wachstum und Kapitalisierung wird von einer relativ stabilen Entwicklung ausgegangen, bei der Profitabilität von einer Verschlechterung in den Jahren 2015 und 2016.

„Das Wachstum ist insbesondere durch Beitragsanpassungen getrieben“, führten die Experten Ralf Bender und Christian Badorff aus. Bei Zusatzversicherungen habe sich das Wachstum abgeschwächt. Imageprobleme und regulatorische beziehungsweise gesetzgeberische Änderungen belasteten das Neugeschäft. Der Niedrigzins wirke sich vor allem auf die relative Wettbewerbsstärke aus.

Ralf Bender, Christian Badorff (Bild: Ullrich)
Ralf Bender, Christian Badorff (Bild: Ullrich)

Ein tolles Jahr 2014 für die Schaden- und Unfallversicherer

„2014 war versicherungstechnisch ein tolles Jahr für die deutschen Schaden- und Unfallversicherer“, so die Expertenmeinung. „Hier ist die Finanzstärke deutlich besser ausgeprägt als in den beiden anderen Sparten“. Länder- und Branchenrisiken werden deshalb unverändert in der Kategorie zwei (low risk) bewertet.

Dabei erwartet S&P – nach einem Jahr mit nur zwei bedeutenden regionalen Großschadenereignissen –, dass sich die Combined Ratio der 50 größten deutschen Schaden- und Unfallversicherer in 2015 und 2016 wieder moderat verschlechtert auf 97 bis 99 Prozent. Prognostiziert wird eine insgesamt verschlechterte Ertragskraft bei gleich bleibenden Kosten und sinkendem Kapitalanlageergebnis.

Dabei wünschen sich die Analysten, dass die Sachversicherer ihre Zeichnungsdisziplin beibehalten. Hinsichtlich Prämienerhöhungen gehen sie im laufenden Jahr und in 2016 von einer Abschwächung dieses Trends aus.

Weitgehend stabile Ratingentwicklung erwartet

Gegenwärtig hat S&P fast alle von ihr gerateteten deutschen Versicherungsgruppen mit stabilem Ausblick bewertet – ein Indikator dafür, dass auch in den nächsten ein bis zwei Jahren stabile Ratings erwartet werden. Das durchschnittliche Rating liegt weiterhin im „A“-Bereich.

Der Handlungsspielraum der Lebensversicherer werde jedoch zunehmend enger. Schon jetzt profitierten einige Lebens- und Krankenversicherer davon, dass sie Kernbestandteile diversifizierter Gruppen seien. Allerdings könnten die vertraglichen Verpflichtungen in den nächsten Jahren von den von S&P gerateteten Versicherern erfüllt werden, betonten die Experten.

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