Deckungslücken bei grenzüberschreitendem Versicherungsschutz

28.11.2018 – Auf einer Fachkonferenz vergangene Woche in München wurden verschiedene Aspekte von internationalen Versicherungsprogrammen debattiert. Hürden ergeben sich beim Zusammenspiel von lokalen Niederlassungen und der Zentrale des Versicherers. Die Deckung des Risikos erfolgt über verschiedene Policen. Betreuende Makler müssen dies beachten wie auch dabei entstehende unversicherte Gefahren oder einen möglichen Wertverlust der Muttergesellschaft im Schadenfall. Hier sollen spezielle Bilanzschutzklauseln greifen.

Spätestens mit der Gründung oder Kauf einer Niederlassung im Ausland stellt sich auch für Mittelständler und Gewerbekunden die Frage nach dem optimalen grenzüberschreitenden Versicherungsschutz. Meist wird dann ein kontrolliertes Masterprogramm aufgesetzt. Es besteht aus einer Masterpolice mit weltweiter Deckung und lokalen Policen, die von Niederlassungen des Hauptversicherers aus dem Ursprungsland ausgestellt werden.

Versagt die lokale Police zum Beispiel bei vor Ort üblichen Ausschlüssen, greift die Masterpolice. Sie gewährt dann die von der Muttergesellschaft gewünschte Deckung. Doch in der Praxis hat dieses Konzept Fallstricke.

Expertenkonferenz zu Lücken im Absicherungskonzept

Die Herausforderungen in der Vermittlung multinationaler Versicherungsprogramme waren ein Thema der Euroforum-Konferenz „Internationale Versicherungsprogramme“ (IVP) in München. Vergangene Woche diskutierten dort Vertreter von Industrieversicherern, Vermittlern und Maklern verschiedene Aspekte der internationalen Absicherungskonzepte.

Hier kollidieren nach Ansicht der Experten nicht selten Ansprüche der Muttergesellschaft mit den Möglichkeiten der Niederlassungen vor Ort. Um Lücken zu schließen, hat sich eine besondere Vertragsklausel etabliert – die ihre Tücken hat.

Bilanzschutzklauseln sollen Abhilfe schaffen

Mit den sogenannten Bilanzschutzklauseln versuchen Industrieversicherer zu decken, was unter Lokal- und Masterpolicen nicht direkt versicherbar ist. Lokale Policen sind oft teuer – vor allem in Ländern, in denen der Industrieversicherer nicht präsent ist und einen Fronting-Partner benötigt. Auch wenn eine Lokalpolice ausgestellt wird, bietet diese oft nicht den von der Zentrale gewünschten umfassenden Schutz.

Ein Problem, das hier auftritt: Der vollständige oder teilweise Einschluss der örtlich unversicherten Gefahr in die Masterpolice (die sogenannte Non-admitted-Deckung) ist in „Verbotsländern“ nicht gestattet. Dort erlauben Aufsichtsbehörden in der Regel keine Aktivitäten ausländischer Versicherer ohne örtliche Lizenz.

Sogenannte „Difference in Conditions / Difference in Limits“-Deckungen wiederum können die Lücken im Versicherungsschutz zwischen Master und lokaler Police schließen. Wenn sie aufsichtsrechtlich erlaubt sind, unterliegen sie der Versicherungssteuer des Landes, in dem das versicherte Risiko gelegen ist. Das bedeutet eine Meldepflicht für den Versicherungsnehmer oder seinen Sachwalter, den Makler.

Bilanzschutz statt Feuerversicherung

Mit einer Bilanzschutzklausel in der Masterpolice versuchen Versicherer und Kunden solche Kalamitäten zu vermeiden. Versichert wird der Wertverlust bei einer Beteiligung der Muttergesellschaft an ihrer Tochter, der durch einen örtlichen Versicherungsschaden verursacht ist.

Erleidet die Muttergesellschaft mangels einer ausreichend umfassenden Lokalpolice einen unversicherten Schaden, entsteht ein Verlust in der Gewinn- und Verlustrechnung, der über das Eigenkapital in der Bilanz abgerechnet wird. Diesen kompensiert der Aussteller der Masterpolice.

Verschiedene Begriffe

Den Schaden einfach an die geschädigte Tochter überweisen, kann die Muttergesellschaft allerdings nicht. Mangels Versicherungspolice vor Ort würde eine solche Zahlung als Kapitaleinlage gewertet werden, was Steuern nach sich zöge.

Als rechtssicher kann die Klausel-Konstruktion in den meisten Ländern nicht gelten, da sie noch weitgehend ungetestet ist. Die ganze Welt einfach über eine Bilanzschutzklausel zu versichern, ist also nicht praktikabel.

Diese Klauseln sind unter verschiedenen Begriffen im Markt bekannt. Sie heißen Financial Interest Clause (beim Versicherer Zurich), Business Continuity Interest Clause (HDI Global SE ) oder Foreign Entity Loss (beim Anbieter Chubb). Die Allianz Global Corporate & Specialty SE (AGCS) spricht von einer Konsolidierungsdeckung, die Aon-Gruppe von einer Wertverlustklausel.

Das Plenum während des Vortrags von Oliver Sieg, Partner der Kanzlei Noerr LLP, auf der IVP-Fachkonferenz (Bild: Winkel)
Auf der IVP-Fachkonferenz Ende November in München sprach unter Anderen auch Oliver Sieg, Partner der Kanzlei Noerr LLP, vor dem Plenum (Bild: Winkel)

Weltweite Netzwerke als Voraussetzung

Makler müssen in internationalen Programmen einerseits das Interesse der Zentrale in einer Masterpolice abbilden und andererseits unzählige unterschiedliche Aufsichtsregeln, Steuern, lokale Anforderungen und Gesetze für lokale Policen berücksichtigen.

Der Platzierungsprozess folgt im Wesentlichen vier Hauptschritten, erklärte Sandra Dammalacks, Head of Liability and Financial Lines der Deas Deutsche Assekuranz-Makler GmbH auf der IVP-Tagung. Sie nannte die Aspekte Risikoanalyse, Marktausschreibung, Auswertung der Angebote sowie Platzierung mit Implementierung.

Zur Analyse gehörten Informationen zum Risiko wie Umsatz, zu bisherigen Policen und die Betrachtung des historischen Schadenverlaufs. Die Ausschreibung spezifiziere die vom Kunden erwartete Struktur, erklärt Dammalacks.

Oft fielen Programme in zwei Teile auseinander, USA und „Rest of the World“. Denn US-amerikanische Risiken sind häufig separat versichert und nicht in die Masterdeckung eingeschlossen. Für jedes Land muss der Makler zudem die notwendigen Höchstversicherungs-Summen und Deckungseinschlüsse ermitteln.

Mehrere Versicherer beteiligt

Internationale Versicherungsprogramme sind meist auf mehrere Versicherer verteilt, um Ausfallrisiken zu minimieren. Der „führende“ Versicherer übernimmt die Programmkoordination und Schadenregulierung für die anderen Mitversicherer. Bei „gelayerten“, das heißt in Haftstrecken gegliederten Programmen, übernehmen Exzedentenversicherer die Regulierung ihres Anteils an Großschäden.

Nach Auswahl des Führenden und der „Follower-Märkte“ begleitet das Maklerunternehmen die Implementierung des Programms und gibt Deckungsaufträge an seine lokalen Niederlassungen und Versicherer.

Bei „Cash before cover“-Ländern muss es schnell gehen: Versichert ist erst, wenn die Prämie bezahlt wurde. „Um Deckungslücken zu vermeiden, muss noch vor Beginn der Versicherungsperiode eine Rechnung ausgestellt und bezahlt worden sein“, erklärte Dammalacks.

Interesse bei Rückversicherern

Die zuletzt steigenden Prämien in der Industrieversicherung haben auch Rückversicherer bewogen, in dieses Segment einzusteigen. (VersicherungsJournal 6.9.2018, 20.2.2018, Medienspiegel 12.3.2018) Der Rückversicherer Swiss Re kündigte kürzlich an, mit „Swiss Re Corporate Solutions“ direkt Erstversicherungs-Programme anbieten zu wollen.

Dr. Oliver Sieg, Partner der Kanzlei Noerr LLP, warnte davor, angesichts sich verteuernder Industrieprämien internationale Versicherungsprogramme generell in Frage zu stellen und nur noch opportunistisch lokalen Versicherungsschutz einzukaufen. „Spätestens im Schadenfall wird der Wert Ihres IVPs offensichtlich werden“, ist Sieg überzeugt.

Heterogene Erwartungen der Beteiligten

Während Makler einen Großteil der Programmimplementierung übernehmen, wird ihre Rolle im Falle eines Schadens unterschiedlich wahrgenommen. So konstatierte Petra Frey, Global Head of Claims Portfolio Excellence bei der AGSC, bei der Schadenregulierung einen abnehmenden Bedarf für Maklerintervention. „Wir arbeiten bei Schadenfällen partnerschaftlich direkt mit dem Versicherungsnehmer zusammen.“

Christian Kuhrt, Geschäftsführer der DMK Versicherungskontor GmbH, gab zu bedenken, dass im Mittelstand meist nur wenige ausländische Standorte versichert werden müssten. Großmakler würden oft „mit den Kanonen ihrer geballten weltweiten Kompetenz auf Spatzen schießen“.

Umplatzierungen sind aufwendig

Der weltweite Industrieversicherungs-Markt wird auf der Vermittlerseite von den Großmaklern Aon, Marsh LLC und Willis Towers Watson dominiert. Marsh kündigte im September an, die bisherige Nummer vier, die Jardine Lloyd Thompson Group plc (JLT), übernehmen zu wollen. In Deutschland sind daneben noch die Funk Gruppe und Deas für Industriekunden aktiv.

Aufgrund ihrer Komplexität bleiben Programme häufig über Jahre hinweg beim selben Versicherer und Makler. Umplatzierungen sind aufwendig und bergen Risiken eigener Art, zum Beispiel bei der Abgrenzung von Serienschäden oder beim Wechsel vom Anspruchsprinzip in der Haftpflicht, also vom Anspruchserhebungs- zum Schadeneintrittsprinzip oder umgekehrt.

 
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