Big Data lässt rechtliche Grauzonen entstehen

17.4.2018 – Auf seiner 28. Wissenschaftstagung hat der Bund der Versicherten Chancen, Risiken und Grenzen von personalisierten Versicherungstarifen beleuchtet. Aktuarielle Wissenschaft kommt dabei an ihre Grenzen, während neue rechtliche Probleme entstehen.

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Ende vergangener Woche hat der Bund der Versicherten e.V. (BdV) seine diesjährige, 28. Wissenschaftstagung in Berlin veranstaltet. Am ersten Tag ging es vor allem um wissenschaftliche Fragen rund um die Zukunft der Tarifierung von privaten Versicherungen.

Dabei setzten sich die ersten drei Redner insbesondere mit der Produktentwicklung von Telematiktarifen in der Kfz-Versicherung, der Risikoentmischung in der Berufsunfähigkeits-Versicherung und der Gerechtigkeit solcher Entwicklungen auseinander (VersicherungsJournal 13.4.2018).

Michael Ortmann (Bild: Pohl)
Michael Ortmann (Bild: Pohl)

Aktuarielle Aspekte

Auf aktuarielle Aspekte der personalisierten Tarifierung ging anschließend Professor Dr. Karl Ortmann von der Beuth Hochschule für Technik Berlin in seinem Vortrag ein. Der Aktuar und Mathematiker beschäftigte sich unter anderem mit den Herausforderungen der risikoadäquaten Tarifierung.

„Privatversicherung ist die Deckung eines im Einzelnen ungewissen insgesamt geschätzten Mittelbedarfs auf der Grundlage des Risikoausgleichs im Kollektiv und in der Zeit“, erinnerte er zu Beginn die Teilnehmer.

Es gelte ein individuelles Äquivalenzprinzip. Das führe tendenziell stets zu risikoadäquater Tarifierung. Es handele sich dabei „um kein vordergründiges Solidarprinzip“. Der Ausgleich im Kollektiv erfolge nach dem Gesetz der großen Zahlen, was im weitesten Sinne dann doch solidarisch anmute.

Antiselektion kann Versicherer in Schwierigkeiten bringen

Am Beispiel der Risikolebens-Versicherung erläuterte Ortmann, dass immer mehr Risikomerkmale zu selektieren zwar attraktiv für Kunden mit guten Risiken sei, aber letztlich zu Antiselektion führe und damit den Versicherer in finanzielle Schwierigkeiten bringen könne.

Der Gestaltungsspielraum für die Gesellschaften, die damit in ihrer Sparte beginnen, sei gut. Es werde beim „First Mover“ (dem Pionierunternehmen) Antiselektion vermieden. Generell müsse die Tarifierung erhöhte Sicherheits- und Gewinnmargen beinhalten. „Das Ausnutzen der Preissensitivität kann unter dem Deckmantel der risikogerechten Tarifierung vorangetrieben werden“, so der Wissenschaftler.

Selektionseffekte sind nicht vollständig bekannt und schwer zu modellieren, der Effekt der Selbstauswahl ist unklar.

Karl Ortmann, Beuth Hochschule für Technik

Big Data übernimmt Risikoselektion

Die bloße Verfügbarkeit von Big Data und der damit verbundenen Analysemöglichkeiten führe zwangsläufig dazu, dass die Tarifierung in der privaten Versicherung zunehmend segmentiert ist. In der Personenversicherung gehe es um solche Aktivitätsdaten wie Schritte, Schlaf und Puls sowie Gesundheitsdaten wie Temperatur, Blutdruck, Stimmung und Stress.

Anhand der Gesundheitsdaten könne eine Risikoselektion vorgenommen werden. „Selektionseffekte sind nicht vollständig bekannt und schwer zu modellieren, der Effekt der Selbstauswahl ist unklar“, schränkte Ortmann die Möglichkeiten des Aktuars ein.

Die bloße Existenz eines Fitness-Trackers mag vorrübergehend zu Verhaltensänderungen und somit zur Risikoreduktion führen. Er führe allenfalls zu einer eher extrinsischen Motivation. „Für eine dauerhafte Verhaltensänderung bedarf es einer intrinsischen Motivation“, so Ortmann.

Aktuarwissenschaft mehr Kunst als Wissenschaft

„Selbst, wenn ein aktuarielles Modell eine starke Korrelation zwischen einem Risikofaktor und der versicherten Gefahr aufweist, so ist der festgestellte Zusammenhang nicht unbedingt kausal und somit nicht wirklich erklärend“. Damit rüttelte der Wissenschaftler am weitverbreiteten Qualitätsglauben zur aktuariellen Tarifierung, den er für „unangemessen hoch“ hält.

Laut Ortmann beinhaltet jedes mathematisch-statistische Prognosemodell zahlreiche Ermessensentscheidungen, welche Parameterwerte auf welche Weise festgelegt werden. Zudem gebe es zahlreiche Fehlerquellen in der Modellierung.

Tarifierung ist zunehmend eine Black Box, deren Ergebnisse selbst Anwender nicht vollständig nachvollziehen können.

Karl Ortmann, Beuth Hochschule für Technik

„Nicht selten wird so lange herumgebastelt, bis das gewünschte Ergebnis herauskommt“, so Ortmann. Aktuarwissenschaft sei in diesem Sinne mehr Kunst als Wissenschaft. „Tatsächlich ist die Tarifierung zunehmend eine Black Box, deren Ergebnisse selbst Anwender nicht vollständig nachvollziehen können.“

Individualisierte Tarife haben Grenzen

„Rechtliche Grenzen personalisierter Tarife“ lotete Professor Dr. Christoph Brömmelmeyer, Lehrstuhl für Bürgerliches Recht und Europäisches Wirtschaftsrecht an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), in seinem Vortrag aus.

Christoph Brömmelmeyer (Bild: Pohl)
Christoph Brömmelmeyer (Bild: Pohl)

Unter anderem beleuchtete er die Spannungsfelder und zahlreichen offenen Rechtsfragen, die sich bei der personalisierten Tarifierung aufgrund der Rechtsvorschriften zu Datenschutz, Transparenz und Gleichbehandlung ergeben. Auch die Rahmenbedingungen zum Verbot versicherungsfremder Geschäfte sowie besondere Maßstäbe in der Lebens- und Krankenversicherung setzten seiner Ansicht nach rechtliche Grenzen.

Beispiel Generali Vitality

Zum Verbot versicherungsfremder Leistungen stellte Brömmelmeyer die Frage, ob darunter auch der Betrieb der Generali Vitality GmbH im unmittelbaren Zusammenhang mit der Lebens- und Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung falle. Diese Firma unterstützt aktives Gesundheitsmanagement (VersicherungsJournal 24.6.2016).

Das Produkt „Generali Vitality BU-Tarif SBUV 17“ der Generali Lebensversicherung AG war vom BdV in die engere Wahl des Negativpreises „Versicherungskäse des Jahres“ gezogen worden (VersicherungsJournal 11.4.2018). Den Preis „gewann“ letztlich aber die „Schülerversicherung“ der Württembergischen Gemeinde-Versicherung a.G.(WGV) und der BGV-Badischen Versicherung AG (VersicherungsJournal 16.4.2018).

Telematiktarife und das Transparenzgebot

Was das Transparenzgebot betrifft, so verwies der Rechtsexperte auf das Transparenzgebot nach § 307 Absatz 1 Satz 2 BGB. Danach könne sich eine unangemessene Benachteiligung des Verbrauchers auch daraus ergeben, dass die Bestimmung nicht klar und verständlich ist.

In diesem Zusammenhang erwähnte Brömmelmeyer als Beispiel den Telematiktarif „Bonus Drive“ der Allianz Versicherungs-AG (VersicherungsJournal 8.4.2016). Um das Fahrverhalten zu bewerten, misst und überträgt die Bonus-Drive-App pro Fahrt verschiedene Faktoren wie Beschleunigung, Bremsverhalten, Kurvenfahrverhalten, Geschwindigkeit, Tag und Zeit, Straßenart.

Auf einer Skala von null („sehr schlecht“) bis 100 („sehr gut“) wird ein Wert ermittelt, aus der Jahreswertung eine Bonusstufe. Die bestimmt die Höhe des Extrabonus.

Wir stehen noch am Anfang der personalisierten Tarifierung und es wird noch einiges zu klären geben.

Christoph Brömmelmeyer, Europa-Universität Viadrina

Klar darlegen, wie Daten bewertet werden

„Die Daten für sich sind rechtlich angreifbar, denn Beschleunigung und Bremsverhalten sind nicht per se schlecht“, erinnerte Brömmelmeyer an den Vortrag von Professor Dr. Günter Hirsch. Der Leiter der Schlichtungsstelle Versicherungsombudsmann e.V. hatte in seinem zuvor gehaltenen Referat die Telematiktarifanbieter aufgefordert, klar darzulegen, wie sie die Daten bewerten.

„Die reinen Daten lassen nicht immer den Schluss auf einen bestimmten Risikograd des Fahrverhaltens zu“, hatte Hirsch gesagt (VersicherungsJournal 13.4.2018).

„Wir stehen noch am Anfang der personalisierten Tarifierung und es wird noch einiges zu klären geben“, schloss Brömmelmeyer seinen Vortrag. Big Data hat massiven Einfluss auf den Versicherungsgedanken.

Gravierende Lücken bei der Datensicherheit

Ingrid Schneider (Bild: Universität Hamburg)
Ingrid Schneider
(Bild: Uni Hamburg)

Die Individualisierung impliziert Elemente der Entsolidarisierung, schloss Professor Dr. Ingrid Schneider vom Fachbereich Informatik der Universität Hamburg in ihrem Vortrag an. Sie befasst sich dort auch mit der Ethik in der Informationstechnologie.

Schneider sprach unter anderem an, wie Big Data, Smartwatches und Wearables das Machtgefüge im Verhältnis von Versicherer und Kunde verändern werden. Darüber hinaus zeigte sie Lücken bei der Datensicherheit und Möglichkeiten zur Manipulation bei der Nutzung solcher Geräte auf.

Beispiel Wearables: Solche Sensoren zur Vermessung des Körpers seien dabei, sich extrem zu verbreiten. Laut Schneider gibt es bereits über 200.000 Gesundheits-Apps für das Smartphone. Die Daten würden im Internet gespeichert. Es gebe schon Fälle, in denen Kunden ihre vertraulichen Aufzeichnungen über „Google Suche“ öffentlich zugänglich wiederfanden, darunter Aufzeichnungen über sexuelle Aktivitäten, berichtete Schneider.

Zudem machte Schneider auf bestehende Schwierigkeiten bei der Datenerhebung und -auswertung aufmerksam. Häufig werde „Korrelation“ fälschlicherweise mit „Kausalität“ gleichgesetzt. Big Data sollte daher nicht mit Objektivität oder Zuverlässigkeit gleichgesetzt werden. „Es braucht mehr Aufklärung und Transparenz über Nutzung und Weitergabe an Dritte und zur Datensicherheit“, so Schneider.

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