Aktuare gegen Produkte mit vollständiger Beitragsgarantie

26.4.2019 – Die Deutsche Aktuarvereinigung unterstützt den Vorstoß der Bundesregierung zur Einführung einer säulenübergreifenden Renteninformation. Am zweiten Tag der Jahrestagung des Vereins ging es um Transparenz in der Altersvorsorge.

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„Die Menschen haben kein gutes Zahlengefühl, was ihre Versorgung im Alter anbelangt. Wir Aktuare müssen ihnen das jetzt vermitteln. Denn mit dem Drei-Generationen-Vertrag wird es so nicht weitergehen. Es gibt keine Studien, die da irgendwie Hoffnung machen“, sagte Dr. Guido Bader, Mitglied des Vorstandes der DAV sowie der Stuttgarter Lebensversicherung a.G., gestern vor der Presse.

Die berufsständische Organisation hat ihn am Donnerstagnachmittag zu ihrem neuen Vorstandsvorsitzenden gewählt. Bader folgt auf Roland Weber, Vorstand bei der Debeka Krankenversicherung a.G., der vor zwei Jahren turnusgemäß die DAV-Spitze übernommen hatte (VersicherungsJournal 28.4.2017).

Die Zweihunderttausend-Euro-Frage

Die Aktuare haben verschiedene Szenarien durchgerechnet und Studien untersucht. Das Ergebnis: Der versicherungs-mathematische Wert der potenziellen Versorgungslücke einer heute 65-jährigen Frau beträgt monatlich 700 Euro. Unterstellt werden verschiedene Anwartschaften aus der ersten und/oder zweiten und dritten Säule.

Um die Versorgungslücke zu schließen, müssten zu Rentenbeginn abgezinst mit 0,9 Prozent 222.640 Euro angespart sein. Hätte sie bereits mit 20 Jahren mit dem Sparen begonnen, würde sie – je nach Zinssatz von drei, zwei oder ein Prozent – bis zum Renteneintritt monatlich zwischen 197 und 327 Euro sparen müssen.

Beginnt sie mit dem Sparen erst im Alter von 40 Jahren, sind bei einem Zinssatz von einem Prozent bereits monatlich 653 Euro zum Lückenschluss notwendig. Spart sie individuell mit einem Entsparplan, der nur Verzinsung und Kapitalverzehr vorsieht, sind die 222.640 Euro im Alter von 95 Jahren aufgebraucht. „Viele unterschätzen die Langlebigkeit, nur kollektives Entsparen sichert eine Rente auch lebenslang“, so Bader.

Am Anfang von mehr Transparenz

Um der Bevölkerung die Notwendigkeit zu mehr privater und betrieblicher Altersvorsorge zu vermitteln, aber auch um die gesetzliche Rente entsprechend zukunftssicher zu gestalten, unterstützt die DAV die säulenübergreifende Renteninformation. Dazu bringt sie sich mit einer eigenen Arbeitsgruppe ein.

Die Aktuare würden ihr Fachwissen und ihre langjährige Expertise im Umgang mit großen, sensiblen Datenmengen in den Aufbau der Renteninformation einbringen, um praktikable Lösungsansätze zu entwickeln, wurde mitgeteilt. Zudem soll dem Wunsch der Deutschen nach Planbarkeit Rechnung getragen werden.

Guido Bader (Bild: Lier)
Guido Bader (Bild: Lier)

„Die säulenübergreifende Renteninformation ist natürlich nur ein Einstieg in die ganze Thematik“, so Bader. Innerhalb der nächsten zwei Jahre ließen sich nicht alle Formen der Altersvorsorge per Knopfdruck für jeden Anwärter darstellen. In der ersten Phase aber lasse sich sicherlich schon klären, wer wo Ansprüche habe. Dies sei nach mehreren Arbeitgeberwechseln häufig ein Problem.

2060 statt 2030

Die Aktuare fordern die Politik, die dauerhafte Stabilität der umlagefinanzierten Rente in den Mittelpunkt der Rentenpolitik zu stellen und den Versicherungscharakter der wichtigsten Säule des Alterssicherungssystems unbedingt zu erhalten.

Es müssten alle Stellschrauben nachjustiert und analysiert werden. Dazu gehörten neben dem Beitragssatz, dem Rentenniveau oder dem Renteneintrittsalter auch die Anzahl von erwerbsfähigen Zuwanderern und das Lohnwachstum. Wichtig sei, dass der Prognosezeitraum bis 2060 verlängert wird. „Erst dann schlägt die Demografie zu – bis 2030 sieht noch vieles gut aus“, so Bader. Danach erreichen die sogenannten Babyboomer das Renteneintrittsalter.

Lohnabschlüsse für Zielrente nutzen

Im Hinblick auf die Niedrigzinsphase sprechen sich die Aktuare gegen Produkte mit vollständiger Beitragsgarantie aus. „80 bis 90 Prozent Garantie sind aktuariell bei einem Zins von Null bis 0,9 Prozent darstellbar“, so Bader. Moderne Produkte wie Indexpolicen oder der Neuen Klassik erlaubten dann, chancenorientierte Komponenten kollektiv beizumischen.

Dr. Friedemann Lucius, Vorstandsvorsitzender des Instituts der versicherungs-mathematischen Sachverständigen für Altersversorgung e.V. (IVS), berichtete, dass die Gewerkschaften beim Sozialpartnermodell große Vorbehalte hätten, weil es keine garantierten Renten gebe.

„Dabei kann nach menschlichem Ermessen keine Null bei der Zielrente herauskommen. Wenn sich dies einstellen würde, hätte die Wirtschaft andere Sorgen.“ Als Kollektivmodell sei die Zielrente erfolgversprechender, als wenn jeder einzelne selbst vorsorgt. Die aktuell hohen Tarifabschlüsse böten „tolle Hebel, um Lücken zu schließen“.

Leserbriefe zum Artikel:

Thomas Oelmann - Mit den Lösungen kann man nicht mitgehen. mehr ...

Schlagwörter zu diesem Artikel
Aktuar · Altersversorgung · Altersvorsorge · Demografie · Indexpolice · Lebensversicherung · Rente · Sozialpartnermodell · Sterbetafel
 
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