Aktuare fordern Änderungen in Leben und in der PKV

27.4.2018 – Die lang diskutierte Umgestaltung der Formel für die Zinszusatzreserve scheint greifbar nahe. Die Deutsche Aktuarvereinigung will die Methode ändern und die Zuführung zeitlich strecken. Damit würde die ZZR-Notwendigkeit 2018 um ein Drittel sinken. Handlungsbedarf für die Politik sehen die Aktuare aber auch in anderen Feldern.

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Käme die von der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. in enger Abstimmung mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin) gestaltete Korridormethode zum Zuge, müssten die Lebensversicherer 2018 der Zinszusatzreserve (ZZR) nur rund ein Drittel dessen zuführen, was ohne Änderung der Formel gefordert wäre.

Denn nach den Berechnungen der Aktuare würde der Referenzzins 2018 nur auf 2,1 (2,21) Prozent sinken und nicht auf 1,85 bis 1,95 Prozent. Damit wären dann wahrscheinlich auch nur sieben bis acht Milliarden Euro ZZR-Zuführung fällig und nicht 20 Milliarden (VersicherungsJournal 3.8.2017). 2017 hatten die Lebensversicherer die ZZR um rund 15,4 Milliarden Euro auf 59,5 Milliarden Euro aufgestockt (VersicherungsJournal 27.9.2017).

Unnötiges Verscherbeln von Tafelsilber

„Der Aufbau der Zinszusatzreserve in der aktuellen Form geht zu schnell, denn er bedeutet eine massive Realisierung von Kapitalanlagenreserven und die Wiederanlage in festverzinsliche Wertpapiere mit dauerhaft niedrigem Kupon“, sagte Dr. Guido Baader, Vorstand der Stuttgarter Versicherungen, in seiner Eigenschaft als DAV-Vorstand.

Selbst Unternehmen, die rein wirtschaftlich betrachtet mittel- und auch langfristig im Niedrigzinsumfeld ihre Garantien erfüllen können, könnten so kurzfristig in Schwierigkeiten geraten.

Guido Baader (Bild: Lier)
Guido Baader (Bild: Lier)

Die Aktuare fordern von der Politik, die Neukalibrierung zeitnah umzusetzen und dies auch schnell zu kommunizieren. Dann könnte die Änderung bereits im Jahresabschluss 2018 angewendet und die Reservepolitik entsprechend ausgerichtet werden (VersicherungsJournal 26.4.2018). Andernfalls werde weiteres „Tafelsilber verscherbelt“, sagte DAV-Vorstandsvorsitzender Roland Weber (Vorstand der Debeka-Gruppe).

Nichts für die Ewigkeit

Mit der ZZR wird die Lücke zwischen dem zugesagten Garantiezins und dem am Kapitalmarkt beobachtbaren Zins – gemessen an zehnjährigen Euro-Zinsswap-Sätzen – sukzessive geschlossen. „Die alte Berechnungslogik, die man 2011 auf dem damaligen Zinsumfeld aufgebaut hat, passt nicht mehr“, so Baader.

Aber auch die neue Formel ist kein Allheilmittel für alle Fälle. „Bei scharfem Zinsanstieg oder -senkung müsste man wieder mit der Politik diskutieren“, sagte er.

Was die Aufsicht dem Bundesfinanzministerium nun tatsächlich vorgeschlagen hat, wissen die Aktuare nicht. Man hofft, dass das Thema ZZR spätestens im Mai im Finanzausschuss diskutiert werde, so dass dann die Verordnung geändert wird.

Höchstrechnungszins soll Solvency ll nicht weichen

Auch im regelbasierten System von Solvency ll wollen die Aktuare an einer festen Größe für den höchstzulässigen Zinssatz, mit dem die Deckungsrückstellung in der Handelsbilanz berechnet werden darf, festhalten. „Solvency ll alleine kann den Höchstrechnungszins nicht ersetzen“, sagte DAV-Vorstand Dr. Wilhelm Schneemeier.

Wilhelm Schneemeier (Bild: Lier)
Wilhelm Schneemeier (Bild: Lier)

Allerdings soll der Höchstrechnungszins modernisiert werden: Denn ein fixer Zinssatz über die ganze Laufzeit mache keinen Sinn mehr. Die Festlegung des Höchstrechnungszinses sollte regelbasiert und planbar gestaltet werden und sollte sich am aktuellen Kapitalmarkt und den künftig erzielbaren Zinsen orientieren.

Produkte, bei denen die Zinsgarantien vollständig über den Kapitalmarkt abgesichert würden, sollten nicht notwendigerweise unter den Höchstrechnungszins fallen. Damit müsste für diese auch keine ZZR mehr gestellt werden.

Modell-Wirklichkeit

Baader wiederholte seine am Vortag auf einer Konferenz geäußerte Sorge über die Bestrebungen der Eiopa, das Solvency-ll-Modell viel zu früh und ohne Wirkungskontrolle durch Feldstudien zu ändern (VersicherungsJournal 26.4.2018). „Das deutsche Lebensversicherungs-Geschäft ist massiv von jeglichen Änderungen der Zinsstrukturkurve betroffen“, so Baader.

Allein die Absenkung der Ultimate Forward Rate um jährlich 15 Basispunkte verschlechtere die Solvenzquote. Während sich die Lage der Lebensversicherer aktuell durch eine leichte Zinserhöhung entspanne, zeigten die Modelle jedoch eine Verschlechterung.

PKV-Beiträge verstetigen sich

Vorschläge zur Verstetigung der Beitragsverläufe für privat Versicherte hat der DAV-Ausschuss Krankenversicherung erarbeitet (VersicherungsJournal 27.3.2018). Unter anderem sollen die beiden auslösenden Faktoren „Kosten“ und „Sterblichkeit“ um den Faktor „Zins“ ergänzt werden.

Beim Wechsel in einen leistungsschwächeren Tarif sollen die für den Beitragsnachlass zur Verfügung stehenden Mittel nicht unmittelbar zur Prämienreduktion eingesetzt werden, sondern teils für Alterungsrückstellungen.

Zudem wollen die Aktuare den gesetzlichen Zuschlag von zehn Prozent flexibler gestalten und ihn bereits vor Vollendung des 65. Lebensjahres einsetzen. Der Standardtarif soll darüber hinaus auch für Versicherte, die erst nach dem 1. Januar 2009 in die private Krankenversicherung eingetreten sind, geöffnet werden. Diesen „jungen“ Versicherten steht bisher nur der Basistarif offen.

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