Vernetzte Welt: Alle Regeln sind geändert

11.1.2018 – Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle von Grund her digital denken. Das ist die Botschaft, die der Wirtschaftshistoriker Professor Dr. Klemens Skibicki anlässlich der Verabschiedung des ehemaligen Vorstandvorsitzenden der Provinzial Rheinland, Dr. Walter Tesarczyk, einem Publikum aus der Assekuranzbranche vermittelte. Genüsslich und prägnant las der Wissenschaftler den teilweise erschrockenen Versicherungsmanagern die Leviten.

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Die Versicherungsbranche bewegt sich nach Einschätzung von Wirtschaftshistoriker Professor Dr. Klemens Skibicki digital deutlich zu wenig. Das ist die Kernaussage des Redners bei der Verabschiedungs-Veranstaltung für Dr. Walter Tesarczyk, der Ende 2017 seinen Vorstandsvorsitz bei den Provinzial Rheinland Versicherungen abgab (VersicherungsJournal 20.12.2017).

Manager müssen den Wandel akzeptieren

Klemens Skibicki (Bild: Schmidt-Kasparek)
Klemens Skibicki (Bild: Schmidt-Kasparek)

Bei der Digitalisierung machte der Wissenschaftler besonders viel Abwehrhaltung gegen den historischen Paradigmenwechsel aus. Jedes Unternehmen müsse sich heute im Kern vollkommen digital neu aufstellen, meint er.

„Externe Laboratorien oder die Beteiligung an einem Insurtech-Fonds sind keine Lösungsstrategie“, findet Skibicki. Nach Meinung des Professors für Economics, Marketing und Marktforschung an der Cologne Business School in Köln müssen Manager erst einmal selbst bereit sein, den digitalen Strukturwandel zu erkennen und zu akzeptieren.

Geschickt führte der Rhetoriker sein Publikum vor. So kam es bei der Aufzählung Dampfmaschine, Eisenbahn und Facebook am Ende zu Gelächter. Skibicki: „Früher haben die Menschen über die Dampfmaschine oder das Automobil gelacht, wie Sie heute über Facebook.“

Facebook-System überall

Tatsächlich sei die digitale Welt aber längst durchdrungen vom Facebook-System. Das Internet habe sich von einer Art gedruckter Website zu einem Kommunikationsmittel entwickelt, in dem jeder seine Informationen selbständig filtere und Inhalte erstelle. „Das haben Leute wie Mark Zuckerberg frühzeitig erkannt“, erörtert der Historiker.

Seither funktioniere die Welt nach gänzlich anderen Regeln. Dies würde vielfach in den Führungsetagen von Unternehmen nicht wahrgenommen. Der digitale Strukturwandel ist nach Einschätzung des Wissenschaftlers mehr Kopfsache als Technik. So würde ein Kleinkind, dem man eine Zeitung und ein IPad hinlege, lediglich eine Zeit lang mit dem Finger über die Zeitung streichen, um dann festzustellen, dass diese kaputt sei.

Die Zeitung sei ein vollkommen unterlegenes und veraltetes System, weil sie nicht interaktiv sei und schon beim Druck veraltet. Nach Einschätzung Skibickis wird in der vernetzten Community nur die Kommunikation realisiert, die es schon seit vielen 1.000 Jahren gab. „Wir haben immer miteinander gesprochen. Lediglich in einem Zeitraum von rund 80 Jahren wurden uns die Informationen einseitig von Zeitungen und Fernsehen vorgesetzt.“

Geisterfahrer der Kommunikation

Daher wären ältere Menschen, die an diesem System festhielten, in Wirklichkeit die „Geisterfahrer der Kommunikation.“ Junge Menschen würden überwiegend überhaupt kein Fernsehen mehr schauen. Und auf die Frage „welchen Sender würden Sie bevorzugen, wenn es nur ein Programm gäbe“ mit „Netflix“ antworten.

Die junge Generation würde in einer gänzlich anderen Welt leben und beispielweise im Schnitt 19-mal am Tag über Facebook kommunizieren. Die neuen Netzstrukturen gingen nicht einfach wieder weg und könnten weder mit Verboten oder Datenschutz erfolgreich bekämpft werden.

Aussagen, dass Städte durch den Community-Marktplatz Airbnb veröden würden oder Autos des Fahrgastdienstes Uber gefährlich seien, würden in wenigen Jahren nach Ansicht des Wissenschaftlers belächelt werden.

Was total einfach ist, wird gemacht.

Professor Dr. Klemens Skibicki

Sprachassistenten: Die Öllampen der Moderne

Maximale Einfachheit und absolut geringe Transaktionskosten wären die Treiber der neuen Welt. So seien beispielweise frühere telefonisch organisierte Mitfahrzentralen eigentlich der Vorläufer vom erwähnten Dienst Uber. „Der hohe Aufwand der Organisation lohnte sich aber erst ab einer Strecke von 600 Kilometern. Für fünf Kilometer waren die Transaktionskosten zu hoch“, so Skibicki.

Nun wären diese Kosten über Apps so niedrig, das auch Kurzstreckenfahrten kollektiv organisiert werden können. „Was total einfach ist, wird gemacht“, erläuterte Skibicki und behauptete, dass jeder, der einmal einen Sprachassistent, wie Amazons Alexa genutzt habe, diesen niemals mehr missen wolle. Auch hier zog der Wissenschaftler einen historischen Vergleich.

So sei Rockefeller, der reichste Mann des Industriezeitalters dadurch erfolgreich gewesen, dass er Öllampen verschenkt habe. Das Öl hätten die Kunden dann kaufen müssen. Die Öllampen des Internetzeitalters seien Googles Home oder Amazons Alexa, das Öl die Informationen. Die Zeit der einseitigen Medienkommunikation, des Fernsehens und der Marktschreier sei vorbei.

Jedes Unternehmen braucht einen Digitalisierungs-Vorstand

Wer heute erfolgreich sein wolle, müsse sich in den sozialen Netzwerken bewegen. Um das zu begreifen, müsste jedes Unternehmen zumindest ein Vorstandsressort für Digitalisierung einrichten. Die Teilnehmer moderner Netzwerk-Community seien keine Idioten, die vor allem Katzenvideos tauschen würden, sondern kommunizierten über alle Themen, sogar Versicherungen.

Mit diesen Netzwerken sei eine Marktmachtverschiebung entstanden, die Unternehmen aber nutzen könnten, wenn sie zuhörten und darauf reagieren würden, was Likes erzielt. Viele Unternehmen wären aber noch zu 80 Prozent in der klassischen Welt verhaftet. Das Totschlag-Argument dafür sei, das man derzeit keine Zeit für Digitalisierung habe.

Digitalisierung bewegt uns alle.

Patric Fedlmeier, Vorstandsvorsitzender der Provinzial Rheinland

Öffentliche Versicherer arbeiten an übergreifender Strategie

Mit diesem sehr kritisch ausgewählten Vortrag hat der neue Vorstandsvorsitzende der Provinzial Rheinland, Patric Fedlmeier (VersicherungsJournal 20.12.2017), auch ein Zeichen gesetzt, das nun möglicherweise noch mehr alte Zöpfe abgeschnitten werden. „Digitalisierung bewegt uns alle“, so sein Fazit. Wie am Rande der Veranstaltung zu hören war, arbeitet die Gruppe der Öffentlichen Versicherer an einer neuen, übergreifenden Digitalstrategie.

Bisher gibt es mit der Bavaria-Direkt, die von der Versicherungskammer Bayern geführt wird, und der S-Direkt, die aus dem Haus der Provinzial Rheinland stammt, erst zwei Online-Anbieter. Aktuell will die Düsseldorfer Provinzial eine App für das digitale Kundenkonto starten.

Damit ist sie vielleicht schon etwas auf der Spur, die der Wissenschaftlers Skibicki vorgezeichnet hat: Dorthin gehen wo sich die Menschen digital bewegen.

 
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