24.4.2020 (€) – Die demografische Entwicklung wird das Neukundengeschäft treffen. Digitale Wettbewerber ändern in Zukunft das Vertriebsmodell der Versicherer. Und politische Reformen greifen zum Nachteil der Assekuranz in Vorsorgesysteme ein. Diese drei Thesen stellen die Berater von Oliver Wyman in einer aktuellen Analyse auf. Sie geben Empfehlungen, wie die Gesellschaften damit umgehen könnten.
Auch neben der aktuellen Coronakrise sieht die Oliver Wyman GmbH die Versicherungsbranche in den kommenden Jahren vor grundlegenden Herausforderungen. Die Analyse und Perspektive stellen die Berater in einer aktuellen Studie „Vorwärts bei Gegenwind – mit klarem Kurs Richtung Versicherung 2030“ (PDF, 885 KB) vor.
„Versicherungs-Unternehmen werden Antworten auf nahezu unausweichlich eintretende Entwicklungen und auch auf weitreichendere Bedrohungsszenarien als die aktuelle Coronakrise finden müssen“, heißt es in den Studienunterlagen.
Die Betrachtung hebt drei Faktoren hervor, die die Branche künftig verändern werden: die demografische Entwicklung, digitale Wettbewerber und Regulierungen in der betrieblichen Altersversorgung (bAV).
Demografische Entwicklung wird unterschätzt
Seit der Vorgängerstudie „Versicherung 2025“ aus dem Jahr 2016 (VersicherungsJournal 21.6.2016) hätten sich viele neue Entwicklungen ergeben. Die Rahmenbedingungen würden sich zudem auch in den kommenden zehn Jahren deutlich verändern, so die Berater in einer Mitteilung.
Während kurzfristig vieles von der Coronakrise überschattet werde, gebe es weiterhin fundamentale Herausforderungen. So werde „die Wucht der Demografiewelle“ von vielen Anbietern noch unterschätzt.
„Bis 2030 wird es mehr als vier Millionen weniger Menschen in den klassischen Kernzielgruppen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren geben, dagegen mehr als drei Millionen Kunden in der Altersgruppe über 60. Nie zuvor ist innerhalb eines Jahrzehnts eine derart große Verschiebung erfolgt“, schreiben die Berater in ihrer Auswertung.
Für junge Zielgruppe richtig positionieren
Einerseits sollten die etablierten Versicherer darauf mit der flexiblen Risikoabsicherung ihrer Kunden bis ins hohe Alter reagieren, um bisher ungenutzte Neugeschäftschancen im Alterssegment 60 plus zu realisieren. Andererseits werde sich der Bedarf der jüngeren Generationen deutlich ändern.
Um die jüngere Zielgruppe als Neukunden zu gewinnen, müssten Versicherer mit anderen Werten punkten als heute. Die Berater nennen hier zum Beispiel „passgenaue und digitale Angebots-Innovationen, integriert auf relevanten Plattformen und mit erlebbaren Mehrwerten in Service- und Schadenprozessen“.

- (Bild: Oliver Wyman)
Eine Umfrage des Technologie-Beratungsunternehmens Bearingpoint GmbH kommt zu ähnlichen Ergebnissen, was digitale Ansprache der sogenannten „Generation Z“ angeht. Versicherer, die sich modernisieren, ihren Schwerpunkt auf digitale Kommunikationswege legen und die Social-Media-Kanäle bespielen, könnten die Jüngeren als Neukunden gewinnen (22.4.2020).
Vertrieb im Wandel – Plattformen werden wichtiger
Wie Wyman in den Studienunterlagen unterstreicht, würden Onlineplattformen, die mehr Service offerieren, in Zukunft für die Versicherungsbranche immer wichtiger.
„Bis 2030 werden Plattformen über 60 Prozent des gesamten Neugeschäfts im ungebundenen Vertrieb kontrollieren und den Versicherern neben Kundenkontakten auch originäres Geschäft entziehen“, erklären die Autoren in den Studienunterlagen. Versicherer mit starken Eigenvertrieben würden zu kämpfen haben, um auch zukünftig als Risikopartner des Kunden erste Wahl zu bleiben.
Die Empfehlung von Wyman: Versicherer sollten frühzeitig in neue Fähigkeiten investieren und erfolgreiche Ansätze aus anderen plattformdominierten Märkten adaptieren. Insurtechs, die sich heute schon erfolgreich über Plattformen positionieren, könnten etablierten Unternehmen dabei helfen.
Altersvorsorge und PKV: Geschäftsmodell wankt
Eine weitere Bedrohung sehen die Berater von Oliver Wyman für die Branche in einer ungewissen Zukunft des deutschen Altersvorsorgesystems. Sie gehen davon aus, dass der Staat mit weiteren Reformen noch stärker auf eine geförderte betriebliche Altersversorgung setzen wird. Im Extremfall könnten 70 bis 80 Prozent der gesamten Neuanlagen nicht mehr direkt über Versicherer, sondern über Versorgungswerke und Pensionsfonds erfolgen.
Auch die Krankenvollversicherung sehen die Berater in Zukunft nicht als Wachstumsmarkt. „Wer nicht nur abwarten will, steuert sein Geschäft um in Zusatzversicherungen und die betriebliche Krankenversicherung (bKV)“, empfehlen die Berater. Denn die Bedeutung der bKV werde gemeinsam mit dem betrieblichen Gesundheitsmanagement zunehmen und für alle Wirtschaftszweige ein immer wichtigeres Mittel zur Rekrutierung und Mitarbeiterbindung.
Einen Positivtrend in Sachen bKV hatte der Verband der Privaten Krankenversicherung e.V. (PKV-Verband) schon Anfang des Jahres vermeldet. 2019 sei die Zahl der bKV-versicherten Unternehmen im Vergleich zu 2018 um ein Drittel gestiegen. Innerhalb von vier Jahren habe sich ihre Zahl fast verdreifacht (10.1.2020).
Welche bKV-Gesellschaften von Kunden als besonders fair bewertet werden, hat aktuell die Servicevalue GmbH ermittelt. Dabei erhielten fünf von 16 Anbietern ein „sehr gut“ (24.4.2020).




