Von den Folgen eines Operationsfehlers

22.1.2019 – Ist wegen eines Fehlers des Personals bei einer Operation versehentlich eine Operationsnadel im Bauchraum eines Patienten zurückgeblieben, so hat dieser einen Anspruch auf Zahlung von Schadenersatz und Schmerzensgeld. Das hat das Oberlandesgericht Stuttgart mit Urteil vom 20. Dezember 2018 entschieden (1 U 145/17) und damit eine Entscheidung der Vorinstanz bestätigt.

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Die Klägerin hatte sich im März 2014 einer urologischen Operation in einem Bundeswehrkrankenhaus unterzogen. Dabei verblieb wegen eines Fehlers des Operationsteams eine knapp zwei Zentimeter lange Operationsnadel in ihrem Körper.

Kein Behandlungsfehler?

Obwohl der Fehler bereits bei einer einen Monat später durchgeführten Computertomographie festgestellt wurde, wurde die Patientin darüber erst rund vier Wochen später informiert. Sie muss sich seither zur Kontrolle des Verbleibs der Nadel regelmäßig röntgenologisch untersuchen lassen.

Da die Frau Folgeschäden sowie eine weitere Operation zum Entfernen der Nadel befürchtet, verlangte sie von der Trägerin der Klinik die Zahlung von Schadenersatz und Schmerzensgeld. Denn dass sich die Nadel noch in ihrem Körper befindet, hätte zwingend bei einer im Rahmen eines Eingriffs durchzuführenden sogenannten Zählkontrolle festgestellt werden müssen.

Eine derartige Kontrolle sei aber nachweislich nicht durchgeführt worden. Das Operationsteam habe sich daher eines Behandlungsfehlers schuldig gemacht.

Die Bundesrepublik Deutschland als Trägerin der Klinik hielt die Forderung für unbegründet. Denn eine unterbliebene Zählkontrolle stelle keinen Behandlungsfehler dar.

Handlungsempfehlung

Doch dem wollten sich weder die in erster Instanz mit dem Fall befassten Richter des Landgerichts Ulm noch die des Stuttgarter Oberlandesgerichts anschließen. Beide Gerichte hielten die Forderung der Klägerin für berechtigt.

Nach Meinung der Richter stellt das Zurücklassen einer Nadel im Bauchraum grundsätzlich einen schulhaften Behandlungsfehler dar, welcher der Klinik, in der die Operation durchgeführt wurde, zur Last fällt.

Denn nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs müssten Ärzte alle möglichen und zumutbaren Sicherungsvorkehrungen gegen das unbeabsichtigte Zurücklassen eines Fremdkörpers im Operationsgebiet treffen und sämtliche Instrumente nach einer Operation auf ihre Vollständigkeit überprüfen.

Eine Handlungsempfehlung zu einer Zählkontrolle zur Vermeidung unbeabsichtigt in einem Operationsgebiet zurückgelassener Fremdkörper habe das Aktionsbündnis Patientensicherheit bereits im Jahr 2010 veröffentlicht. Diese sei Grundlage eines Beschlusses des deutschen Bundestages gewesen und durch das Bundesministerium für Gesundheit gefördert worden.

Befremdlich

Die Richter hielten es daher für befremdlich, dass ausgerechnet die Bundesrepublik Deutschland als Trägerin des Bundeswehrkrankenhauses der Meinung war, dass das Operationsteam selbst vier Jahre nach der Veröffentlichung der Empfehlung nicht zu einer Zählkontrolle verpflichtet war.

Angesichts der Gesamtumstände wurde der Patientin ein Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Euro zugesprochen. Ihr steht außerdem der geltend gemachte Schadenersatz in Höhe von rund 2.000 Euro zu. Im Übrigen wurde die Beklagte dazu verpflichtet, der Frau alle weiteren materiellen und nicht vorhersehbaren immateriellen Schäden aus dem Behandlungsfehler zu ersetzen.

Die Richter sahen keine Veranlassung, eine Revision gegen ihre Entscheidung zuzulassen.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Gesundheitsreform · Schadenersatz · Schmerzensgeld
 
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