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Neun Risiken, die uns künftig bevorstehen können

9.6.2021 – Höhere Unfallgefahr nach coronabedingter Betriebspause, ein plötzlicher Anstieg der Insolvenzzahlen, wenn die Hilfsmaßnahmen auslaufen, verschärfte Einkommensungleichheit, neue Risiken durch neue „Mikromobilität“ im Verkehr oder durch „Wearables“ in Gesundheitsdingen. Diese potenziellen Risiken der nahen und weiteren Zukunft benennt das Swiss Re Institute in einer aktuellen Analyse.

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Alljährlich widmet sich das Swiss Re Institute (SRI) in einer Publikation der Frage, welche Risiken auf uns zukommen oder sich künftig verstärken könnten. Die neueste Ausgabe des „Swiss Re Sonar“ ist am Dienstag erschienen.

Sonar-Studie cover (Bild: Swiss Re)

„Sonar“ steht übrigens für „Systematic Observation of Notions Associated with Risk“. Experten des Schweizer Rückversicherers sammeln frühe Anzeichen für neuartige Risiken, die dann von einem speziellen Team beurteilt und priorisiert werden.

Die 2021er-Analyse identifiziert neun solche Risiken. Wie gewohnt, sind sie in zweierlei Hinsicht sortiert: zum einen nach dem Zeithorizont ihres Auftretens, zum anderen nach der Schwere ihrer Auswirkungen.

Höheres Schadenrisiko nach Betriebspausen

Zwei Risiken wird ein besonders großes Auswirkungspotenzial zugeschrieben. Und beide haben mit jenem Thema zu tun, das die Welt seit eineinhalb Jahren vorrangig beschäftigt.

„Als Covid-19 Ende 2019 auftauchte, erahnte kaum jemand das Ausmaß der Folgen“, sagt Patrick Raaflaub, Group Chief Risk Officer von Swiss Re. „Viele Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben selbst neue Risiken geschaffen, von zunehmender Ungleichheit bis hin zu den Gefahren der Wiederinbetriebnahme nicht ausreichend gewarteter Industrieanlagen.“

Als Risiko mit hohem potenziellen „Impact“, das innerhalb der nahen Zukunft, also innerhalb von drei Jahren, auftreten kann, führt der Bericht denn auch den „Neustart“ pandemiebedingt ausgesetzter Tätigkeiten und „eingemotteter“ Betriebsanlagen an. So könnte es aufgrund mangelnder Wartung oder Überwachung vermehrt zu Schäden und Unfällen kommen.

„Zombiefirmen“: problematischer Ausstieg aus Staatshilfen

Das andere Problem mit potenziell großen Auswirkungen betrifft, auf etwas längere Sicht, die Konsequenzen, die ein Ende staatlicher Corona-Unterstützung für Unternehmen haben könnte. Die Hilfsmaßnahmen hätten zwar vielen gesunden Unternehmen bei der Weiterführung des Geschäfts geholfen, „aber auch unrentable Betriebe gestützt – die sogenannten ‚Zombiefirmen‘“, führt Swiss Re aus.

Tiefe Zinsen seien ein Anreiz, Kredite aufzunehmen. Sobald die staatliche Unterstützung versiege und Zombiefirmen insolvent würden, bestehe die Gefahr umfangreicher Ausfälle. Um einen plötzlichen Anstieg bei Zahlungsausfällen und Insolvenzen zu vermeiden, „müssen die Regierungen genau überlegen, wie und wann sie Konjunkturpakete auslaufen lassen“.

Schlussfolgerung: Die Politik sollte „im Interesse einer nachhaltigen wirtschaftlichen Erholung langfristig lebensfähige Unternehmen unterstützen und bei unrentablen Betrieben eine geordnete Umstrukturierung erleichtern“.

Verschärfte Einkommensungleichheit

Auch zwei der als „mittel“ eingestuften Risiken hängen mit Corona zusammen. Eines davon bezieht sich auf Einkommens-Ungleichheiten. „Die Covid-19-Lockdowns haben die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert“, stellt Swiss Re fest. Und das gelte nicht nur für die Industrieländer.

„Laut dem Pew Research Center blieb das Wachstum der globalen Mittelschicht im Jahr 2020 um 54 Millionen Menschen hinter den Prognosen zurück, wobei 60 Prozent dieser Zahl allein auf Indien entfielen“, so Swiss Re.

Besonders bedenklich seien überproportional starke Auswirkungen auf die jüngeren Generationen, die bereits mit einem angespannten Arbeitsmarkt und mangelnden Berufsaussichten konfrontiert seien.

Der „Rückgang der Einkommen in vielen Teilen der Weltgemeinschaft“ bedrohe „die gestiegene Nachfrage nach Versicherungen“, die zuletzt in vielen Märkten zu beobachten gewesen sei. „Umso wichtiger wird die Entwicklung erschwinglicher privater Versicherungslösungen, um die Deckungslücke für mittlere und untere Einkommensschichten zu schließen.“

Langfristige gesundheitliche Folgen der Pandemie

Zweites „mittleres“ Corona-Risiko: die langfristige Belastung, die Covid-19 für die Gesundheit bedeuten könnte.

Der Bericht würdigt das Tempo, mit dem Impfstoffe entwickelt wurden. Der Erfolg der Impfprogramme hänge aber von vielen Faktoren wie etwa Mutationen oder dem Grad der Impfbereitschaft ab. Zudem gebe es Unbekannte im Zusammenhang mit Long Covid.

Der Umstand, dass die Pandemie zu Verschiebungen anderer nötiger Behandlungen führte, könne sich ebenfalls negativ auf das Gesundheitsniveau insgesamt auswirken. Dazu kämen noch Nebeneffekte der Pandemie, zum Beispiel psychische Probleme, weniger Bewegung, mehr Alkoholkonsum.

Neuartige Risiken durch neue Mobilitätsformen

Auch wenn Corona ein dominantes Thema ist, das „Sonar“ schneidet auch andere an, darunter die Dekarbonisierung im Verkehrssektor.

In vielen Städten gebe es bereits ausgeklügelte Mikromobilitätssysteme wie mietbare E-Scooter. „Für die Zukunft wäre es denkbar, selbstfahrende Lieferfahrzeuge oder sogar Optionen für den städtischen Luftverkehr, etwa Flugtaxis mit sauberem Antrieb, zu entwickeln.“

Potenzielle Quelle neuer Haftungsansprüche

Auch hier gebe es neuartige Risiken. „Stadtplaner stehen vor der Herausforderung, ein sicheres Nebeneinander neuer Elektrofahrzeuge mit dem traditionellen Verkehr und der Infrastruktur zu ermöglichen.“ Verletzungen durch E-Scooter und E-Bikes seien eine potenzielle Quelle neuer Haftungsansprüche.

Das Mietmodell vieler neuer städtischer Verkehrsangebote erfordere außerdem die Weitergabe persönlicher Informationen. Damit tue sich ein Datendiebstahlrisiko auf. „Auch Gesetzgebung und Regulierung müssen daher aktualisiert werden, um diese Risiken zu mindern.“

Mögliche kommende Risikofelder und ihre potenziellen kurz- und langfristigen Auswirkungen

Zeit-horizont

Potenzielle Auswirkungen

hoch

Mittel

niedrig

0 bis 3 Jahre

Wiederaufnahme ausgesetzter Betriebstätigkeiten – Drohen größere Unfälle in Folge unzureichender Wartung oder Überwachung?

Geräte für Gesundheitstracking: Risiken durch „Wearables“, wenn sie zu falschen Gesundheitstipps führen oder der Datenschutz unzureichend ist?

„Moderne Sklaverei“ – Druck auf Lieferketten zur Einhaltung von ESG-Kriterien; Haftungsfragen, besonders mit Blick auf D&O werden aufgeworfen.

Die „Beirut-Explosion“ 2020 – Risiken durch Lagerung, Produktion und Transport gefährlicher Materialien.

Elektrische Scooter & Co.: Risiken der „Mikromobilität“ – Unsicherheit für Versicherer wegen fehlender Schadendaten; (Produkt-) Haftungsrisiken für Hersteller nach Unfällen, Datenschutzrisiken …

mehr als 3 Jahre

„Zombieunternehmen“ – Ausfallrisiken, wenn Corona-Hilfen auslaufen.

Ungleiche Einkommen – die Pandemie trifft die Mittelschicht.

Langfristige Gesundheitsbelastung durch Covid-19.

Mangelnde Diversität bei Produkttests – inwieweit sind bei Produkttests oder medizinischen Studien Faktoren wie Geschlecht und Alter zu berücksichtigen?

Der „Sonar“-Report „New emerging risk insights“, Juni 2021 (englisch) kann von einer Webseite der Swiss Re heruntergeladen werden.

 
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