Die häufigsten Behandlungsfehler

17.5.2019 – Die Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) haben jetzt ihre Bilanz gutachterlich aufgedeckter Behandlungspannen für das Jahr 2018 in Deutschland vorgestellt. Insgesamt gingen sie über 14.100 Vorwürfen nach. In etwa jedem vierten Fall hat sich dieser Verdacht bestätigt. Die Ergebnisse sind den Angaben zufolge aber nicht repräsentativ, da diese Fehler hierzulande nicht systematisch statistisch erfasst werden.

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Die Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) und der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS) haben am Donnerstag ihre „Jahresstatistik 2018: Behandlungsfehler-Begutachtung der MDK-Gemeinschaft“ vorgelegt.

Behandlungsfehler

Die Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) unterstützen die Patienten bei der Klärung eines Behandlungsfehler-Verdachtes mit einem medizinischen Sachverständigen-Gutachten. Die Begutachtung erfolgt im Auftrag der gesetzlichen Krankenkasse des Betroffenen, ist interessenneutral und für ihn nicht mit zusätzlichen Kosten verbunden.

Bei ihrer sektorenübergreifenden Arbeit nimmt sich die MDK-Gemeinschaft aller Behandlungsfehler-Vorwürfe an: stationär, ambulant, Humanmedizin, Zahnmedizin und Pflege.

Hintergrund

„Patientinnen und Patienten haben Anspruch auf eine medizinische Behandlung, die dem jeweils aktuellen Stand der Medizin nach gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht“, teilen die MDK zum Hintergrund mit.

Ein Behandlungsfehler liege beispielsweise vor, wenn eine gebotene medizinische Behandlung unterlassen oder mit mangelnder Sorgfalt ausgeführt wird. Ebenfalls liege ein Behandlungsfehler vor, wenn etwa „ein Eingriff vorgenommen wird, der individuell nicht indiziert war.

Alle Bereiche der medizinischen und pflegerischen Versorgung, von der Untersuchung, Diagnosestellung, Aufklärung bis zur Therapie und auch die Dokumentation können von einem Behandlungsfehler betroffen sein“, wird weiter mitgeteilt.

Nicht repräsentativ

Die Studienautoren heben hervor, dass die vorgelegten Zahlen den umfangreichsten Datensatz zu Kunstfehlern darstellten, „der in Deutschland aus einem aktuellen Einjahreszeitraum veröffentlicht wird.

Die Ergebnisse aus der Begutachtung der MDK-Gemeinschaft können dennoch weder für die in Deutschland insgesamt erhobenen Behandlungsfehler-Vorwürfe noch für alle tatsächlich auftretenden Missgriffe beziehungsweise ‚vermeidbaren unerwünschten Ereignisse‘ in der Medizin repräsentativ sein.

Jegliche Interpretationen sind vor dieser Einschränkung zu sehen und mit entsprechender Vorsicht vorzunehmen.“

Reklamationen auch bei den Leistungserbringern und Ärztekammern

Weiter wird erläutert, dass in Deutschland weitere Vorwürfe über die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern (VersicherungsJournal 4.4.2019) bearbeitet, direkt zwischen Patientenseite und Leistungserbringern (etwa Krankenhäuser, Arztpraxen) oder Haftpflicht-Versicherungen reguliert oder vor Gerichten verhandelt werden.

Es sei davon auszugehen, dass sich die Fallzahlen von Ärztekammern und MDK nur in geringem Maße überschneiden würden.

In der privaten Krankenversicherung (PKV) kümmern sich die Unternehmen um Beschwerden über vermutete ärztliche Kunstfehler, hatte ein Sprecher des Verbands der Privaten Krankenversicherung e.V. (PKV-Verband) vor einiger Zeit gegenüber dem VersicherungsJournal erläutert (VersicherungsJournal 13.5.2016).

Eine entsprechende Statistik gebe es für den PKV-Bereich nicht.

MDK-Statistik zählt 4.006 Behandlungsfehler

Insgesamt haben die MDK im vergangenen Jahr 14.133 Sachverständigen-Gutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern erstellt. Das entspricht einem Zuwachs um fast fünf Prozent beziehungsweise absolut um gut 600 Gutachten im Vergleich zum Jahr zuvor (VersicherungsJournal 6.6.2018).

2018 wurde annähernd jeder vierte Verdacht bestätigt. In knapp jedem fünften Fall wurde festgestellt, dass die Schädigung des Patienten durch den Fehler verursacht wurde. In konkreten Zahlen: Die MDK bestätigten 4.006 Pannen, bei denen Patientinnen und Patienten zu Schaden gekommen sind. In 2.799 Fällen konnte gutachterlich festgestellt werden, dass der Missgriff für die Folgen ursächlich war.

Aus der Jahresstatistik geht weiter hervor, dass gut jeder dritte Vorwurf Behandlungen durch einen niedergelassenen Arzt oder eine niedergelassene Ärztin betraf. Die verbleibenden knapp zwei Drittel bezogen sich auf Leistungen im Krankenhaus. Eine ähnliche Aufteilung war auch im Jahr zuvor zu beobachten.

Aus den Daten geht ferner hervor, dass in etwa jeder 26. bestätigte Behandlungsfehler tödliche Folgen hatte und in etwa jedem 70. Fall lebensrettende Maßnahmen ergriffen werden mussten. Knapp jeder dritte Missgriff führte zu einem Dauerschaden. Die verbleibenden knapp zwei Drittel der Pannen hatten nur vorübergehende Folgen.

Behandlungsfehler und Folgen (Bild: Wichert)

Problemfelder Zähne sowie Knie- und Hüftgelenksverschleiß

Die meisten dokumentierten Missgriffe betrafen Diagnosen (dreistellige ICD-10-Schlüssel) von Zahnkaries (K02) sowie Krankheiten des Zahnmarks und der Zahnwurzel (K04).

Dahinter folgen Kniegelenksverschleiß (M17), Oberschenkelbrüche (S72) und Hüftgelenksverschleiß (M16). Die drei letztgenannten landeten auch in der Erhebung der Ärztekammern oben in der Rangliste.

Behandlungsfehler nach Fachgebieten (Bild: Wichert)

Vor allem im Bereich „Orthopädie und Unfallchirurgie“

Schlüsselt man die Reklamationen auf medizinische Fachgebiete auf, dann entfällt unverändert fast ein Drittel auf den Bereich „Orthopädie und Unfallchirurgie“. Gut jeder achte Fall ist dem Segment „Innere Medizin und Allgemeinmedizin“ zuzuordnen.

Dahinter folgen die Bereiche „Allgemein- und Viszeralchirurgie“, „Frauenheilkunde und Geburtshilfe“ sowie „Zahnmedizin“ mit Anteilen zwischen einem Elftel und einem Zwölftel.

Behandlungsfehler nach Fachgebieten (Bild: Wichert)

Im Segment „Orthopädie und Unfallchirurgie“ wurden auch die mit großem Abstand meisten Behandlungsfehler (fast 1.200) festgestellt. Dahinter folgen die Bereiche „Pflege“, „Zahnmedizin“ sowie „Frauenheilkunde und Geburtshilfe“.

Hohe Fehlerquoten

Auffällig hoch ist der Beschwerdeanteil in den Bereichen „Radiologie“ (57,3 Prozent bei 150 Verdachtsfällen) und „Pflege“ (50,5 Prozent bei 794 Verdachtsfällen).

Überdurchschnittlich hoch waren die Quoten mit weit über 30 Prozent und zum Teil sogar über 40 Prozent in den Segmenten „Kinder und Jugendmedizin“, „Zahnmedizin“, „Innere Medizin und Nephrologie“ sowie „Oralchirurgie“.

Jahresstatistik 2018: Behandlungsfehler-Begutachtung der MDK-Gemeinschaft (Bild: MDS/MDK)
Jahresstatistik 2018: Behandlungsfehler-Begutachtung der MDK-Gemeinschaft (Bild: MDS/MDK)

Die hohen Anteile in „Pflege“ und „Zahnmedizin“ werden in der Statistik darauf zurückgeführt, „dass Pflegefehler und Fehler in der Zahnbehandlung leichter für den Patienten anhand der vorliegenden Beschwerden (Schäden) erkennbar sind. Auch die Höhe dieser Quote ist deshalb kein Hinweis auf eine besondere Gefährdung in einem Fachgebiet.“

Die häufigsten Fehlerarten

Die Jahresstatistik gibt auch Aufschluss über die Fehlerarten bei den festgestellten Behandlungsfehlern. Häufigste Ursache (in jeweils rund vier von zehn Fällen) war, dass eine indizierte Maßnahme entweder falsch beziehungsweise trotz Möglichkeit, Zumutbarkeit und Verfügbarkeit erst gar nicht durchgeführt wurde.

Jeder achte Fehler war, dass eine erforderliche Maßnahme zwar korrekt, aber zeitlich zu spät durchgeführt wurde. Bei jedem zwölften Missgriff wurde eine falsche medizinische Maßnahme oder Operation durchgeführt. Bei letzteren stellt sich die Frage, ob die Behandlung überhaupt erforderlich oder die primär angezeigte war.

Jahr für Jahr berichten wir über die gleichen, zum Teil schwerwiegenden, vermeidbaren Schadenereignisse.

Dr. Stefan Gronemeyer, Leitender Arzt und stellvertretender Geschäftsführer des MDS

„Ernüchterndes Fazit“

Das Fazit von Dr. Stefan Gronemeyer, Leitender Arzt und stellvertretender Geschäftsführer des MDS, zur mittlerweile siebten Auflage der Jahresstatistik fällt ernüchternd aus. „Jahr für Jahr berichten wir über die gleichen, zum Teil schwerwiegenden, vermeidbaren Schadenereignisse.

Dazu gehören Seitenverwechslungen, Medikationsfehler oder zurückgebliebene Fremdkörper nach Operationen. Vor allem für die Patientinnen und Patienten ist das nicht akzeptabel“, so Gronemeyer.

Die zuletzt angesprochenen Fälle – insgesamt 30 an der Zahl – werden unter dem Stichwort „Intraoperativ zurückgelassener Fremdkörper“ in der Tabelle der Besonderen Ereignisse („Never Events“) der Statistik aufgeführt. Dort sind auch elf Fälle von falschen Operationen (Verwechslungen der Person) sowie 13 Fälle von Operationen am falschen Körperteil des Patienten aufgelistet.

Informationen dazu, wie bei der Begutachtung von Behandlungsfehlern vorgegangen wird und wann Versicherte Anspruch auf Schadenersatz haben, haben die MDK in diesem vierseitigen PDF-Dokument (691 KB) zusammengestellt. Weitere Informationen für Patienten sind hier (PDF, 61 KB) nachzulesen.

 
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