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„Den Stresstest Corona haben wir bisher gut überstanden“

29.10.2020 – Wie sich die Versicherungsbranche in der Pandemie geschlagen hat und welche Herausforderungen auf den Vertrieb noch zukommen, diskutierten Vorstände von Allianz, Axa, Ideal und Talanx auf der DKM. (Bild: Brüss)

Die sogenannte Elefantenrunde auf der DKM fand in diesem Jahr in den Studios des Fernsehsenders RTL statt. Das Thema lautete passend zur Veranstaltung: „Digitalisierung und Corona: Sind die Deutschen Versicherer den Herausforderungen gewachsen?“

Bei ihren Antworten waren sich die in der Gesprächsrunde vertretenden Vorstände, dass sie ihre Unternehmen angesichts der Pandemie sicher aufgestellt sehen.

Düstere Prognosen oder Szenarien blieben die Manager schuldig. Sie stellten die eigenen Leistungen gegenüber Vertrieb und Kunden heraus und gaben sich gegenüber den Zuschauern am Rechner sogar vorsichtig optimistisch.

Teilnehmer der Gesprächsrunde

Die Moderation der Runde übernahm Marc Surminski, Chefredakteur der „Zeitschrift für Versicherungswesen“. Als Teilnehmer waren in diesem Jahr mit von der Partie:

Die Entwicklung gestaltet sich unterschiedlich

Rainer M. Jacobus (Bild: Ideal)
Rainer M. Jacobus (Bild: Ideal)

Insgesamt konnte und kann die Versicherungsbranche 2020 mit den Schwierigkeiten durch die Ausnahmesituation umgehen.

Die Entwicklung im laufenden Geschäftsjahr müsse man allerdings differenziert nach Sparten und Zielgruppen betrachten.

So lauten zusammengefasst die Aussagen der Teilnehmer zur Geschäftsentwicklung.

Auf den Punkt brachte es Jacobus: „Die Versicherungsbranche ist besser als ihr Ruf. Den Stresstest Corona haben wir bisher gut überstanden. Natürlich wissen auch wir nicht, wie sich der weitere Verlauf der Pandemie gestaltet.“

Reich betonte, dass gerade im Firmenkundengeschäft „eine überraschend hohe Nachfrage nach Absicherung diverser Risiken bestehe“. Die Kaufbereitschaft der Privatkunden bleibe dagegen hinter den Erwartungen zurück.

Wir kommen aus einem Rekordjahr 2019. Aktuell entwickeln sich die Segmente in Leben unterschiedlich.

Andreas Wimmer, Vorstandschef der Allianz Lebensversicherungs-AG

Biometrie läuft bei der Allianz besser als die betriebliche Altersvorsorge

Andreas Wimmer (Archivbild: Brüss)
Andreas Wimmer (Archivbild: Brüss)

Das bestätigten auch Dahmer und Wimmer. „Wir kommen aus einem Rekordjahr 2019. Aktuell entwickeln sich die Segmente in Leben unterschiedlich. Das Geschäft in der betrieblichen Altersvorsorge gestaltet sich schwierig, da die Firmen andere Probleme haben. Biometrie steht dagegen gut da“, führte Wimmer aus.

Wie die Wettbewerber auf die Ansage des Marktführers in der Lebensversicherung reagieren werden, vollständige Garantien ab 2021 abzuschaffen (VersicherungsJournal 6.10.2020), war in der Gesprächsrunde kein Thema.

Trotz Lob für die eigenen Mitarbeiter (Umzug der Belegschaften ins Homeoffice) und Vermittler (Umstellung auf digitalen und telefonischen Vertrieb) gaben sich die Vorstände auch kritikfähig. Angesprochen auf die vieldiskutierten Streitfragen rund um das Thema Betriebsschließungs-Versicherung (BSV), zeigte man sich seiner Verantwortung bewusst.

Die Streitfragen, die jetzt vor Gerichten geklärt werden, schaden uns allen.

Rainer M. Jacobus, Vorstandschef der Ideal Versicherungen

Streit um Betriebsschließungs-Versicherung schadet der gesamten Branche

„Was die BSV angeht, steht die Reputation der ganzen Branche unter Druck. Denn unsere Firmenkunden müssen sich mit den Folgen einer schweren Rezession auseinandersetzten“, sagte Reich. Er sehe hier alle Sachversicherer gefordert, ihre Verpflichtungen zu erfüllen.

Das Thema interessiere nicht nur gewerbliche Klientel, merkte Jacobus an: „Politiker und Kunden unterscheiden nicht nach den Ressorts Leben und Sach. Die Streitfragen, die jetzt vor Gerichten geklärt werden, schaden uns allen.“

Wie die Diskussion um die BSV in der Branche und der Öffentlichkeit hochkocht, zeigt ein Blick ins Archiv des VersicherungsJournals. Nur zwei aktuelle Beispiele: Kurz vor der DKM hatte sich die Allianz Versicherungs-AG außergerichtlich mit Münchener Gastronomen geeinigt (22.10.2020).

Die Haftpflichtkasse VVaG (HK) muss dagegen eine Gaststätte in der bayerischen Landeshauptstadt wegen der Corona-Schließung mit 427.170 Euro entschädigen (23.10.2020). Kritik gab es dazu auch vom Gesamtverband der versicherungsnehmenden Wirtschaft e.V. (GVNW) (28.10.2020).

Auswirkungen der Coronakrise auf Leben

Auf die Lebensversicherung habe die Pandemie bereits vielfältige Auswirkungen. Auch, wenn das vierte Quartal noch laufe, sei die Zinssituation an den Kapitalmärkten für die Anbieter nach wie vor eine Herausforderung, sagte Wimmer.

Dahmen betonte dagegen, dass die Biometrie wie die Bedeutung der Absicherung der eigenen Arbeitskraft „gerade im Neugeschäft eine zentrale Rolle“ spiele. Auch in der Altersvorsorge sehe er „positive Perspektiven“.

Im Firmengeschäft wie zum Beispiel der bAV gebe es Hürden, denn dem direkten Kontakt mit den gewerblichen Kunden komme eine entscheidende Bedeutung zu, so Reich.

Versicherer und Vermittler, die digitale Prozesse nicht beherrschen, werden vom Markt verschwinden.

Rainer M. Jacobus, Vorstandschef der Ideal Versicherungen

Konsequenzen für den Vertrieb

Einigkeit herrschte bei den Vorständen über die Auswirkungen der Coronakrise auf ihre internen Prozesse und Vertriebsorganisationen.

Jacobus bezeichnete die Pandemie „als Brandbeschleuniger“ oder positiver ausgedrückt als „Innovationsschub“ für Vertrieb und Produktgeber. „Versicherer und Vermittler, die digitale Prozesse nicht beherrschen, werden vom Markt verschwinden“, so der Vorstandschef.

Die Aufstellung werde in der Lebensversicherung deutlich wichtiger. Die Produktlandschaft als auch der Vertrieb würden digitaler, gab sich Dahmen überzeugt. „Die Welt von Morgen“ sieht Wimmer allerdings nicht „zu 100 Prozent digital“, sondern hybrid. Das gelte insbesondere für die betriebliche Altersvorsorge, die nach wie vor vom persönlichen Kontakt lebe.

Entsprechend fürchtet man im Management der Versicherer auch nicht den Markteintritt von Amazon, Google & Co. Es sei zwar fahrlässig die großen Tech-Konzerne zu ignorieren, ihnen fehle aber die „persönliche Kompetenz im Kundenkontakt“, so Dahmen. „Und diese Schnittstelle zum Verbraucher stellen die Vermittler dar. Das sollten wir ausspielen“, erklärte Jacobus.

 
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