Das „demografische Problem“ bremst ab

7.12.2018 – Rückläufige Sterblichkeitsraten, steigende Lebenserwartung – in manchen Ländern scheint sich dieser langjährige Trend zu verlangsamen, diagnostiziert ein neuer Bericht des Swiss Re Institute. Zwar lasse sich noch nicht abschließend beurteilen, ob sich diese Entwicklung verfestigt. Es gelte aber, aufmerksam zu beobachten, „was für Auswirkungen diese Unsicherheit in den kommenden Jahren auf Preisgestaltung, Reservierung und Policen hat“.

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Fortschritte in der Medizin, bessere Gesundheitsversorgung, höherer Lebensstandard: Über Jahrzehnte ist die Sterblichkeit gesunken und die Lebenserwartung gestiegen. Ist diese Entwicklung auf der einen Seite positiv, so ist sie auf der anderen auch der Grund für das „demografische Problem“ in der Altersvorsorge.

Es könnte nunmehr aber ein Punkt erreicht sein, an dem sich dieser Trend so nicht mehr fortsetzt. Das legt zumindest der diese Woche erschienene „Sigma“-Report des Swiss Re Institute nahe.

„Wir befinden uns vielleicht am Beginn einer neuen Ära, in der es keine Verbesserung der Lebenserwartung gibt“, sagt Paul Murray, Chief Pricing Officer, Life & Health Products Centre des Rückversicherers Swiss Re.

Verlangsamung in manchen Industrieländern

Mit Ausnahme von Kriegszeiten sei die Lebenserwartung weltweit seit mehr als einem Jahrhundert stetig gestiegen, seit einigen Jahren deute sich aber in manchen Industrieländern eine Verlangsamung dieser Entwicklung an, heißt es in dem Bericht.

Seit 1990 sind die Sterblichkeitsraten – also die Anzahl der Todesfälle in einer standardisierten Bevölkerung innerhalb eines bestimmten Zeitraums – in den Industrieländern mit ein bis zwei Prozent im Jahr „relativ schnell gesunken“, berichtet das Institut.

Die altersstandardisierte Sterblichkeitsrate sei in den USA, Großbritannien und Deutschland seit 2011 zwar weiter zurückgegangen, dies aber langsamer als in vorhergehenden Jahrzehnten. So sei die Verbesserung der Sterblichkeitsrate etwa in Deutschland gegen null gesunken.

Statistiken zufolge könne die Ursache in einem Mangel weiterer Fortschritte in der Behandlung verbreiteter Krankheiten zu suchen sein. „Die negative Entwicklung der Kreislauferkrankungen ist hier ein wichtiger Faktor.“

Ungewiss, ob kurz- oder langfristige Entwicklung

Allzu voreilige Schlüsse sollten dennoch nicht gezogen werden. Statistisch betrachtet, sei es nämlich schwierig festzustellen, ob der verlangsamte Sterblichkeitsrückgang Zeichen eines Strukturwandels ist oder nur „die typische jährliche Volatilität“ der Sterbezahlen widerspiegelt. Je länger die Entwicklung anhalte, desto wahrscheinlicher handle es sich um eine Trendwende. „Belastbare Aussagen hierzu sind jedoch noch nicht möglich.“

Hinzu kommt, dass sich die insgesamt beobachtete Verlangsamung des Sterblichkeitsrückgangs noch nicht bis in die höheren sozioökonomischen Schichten durchgesetzt habe, deren Angehörige das Gros der Versicherten stellten.

Cover (Bild: Swiss Re)

Das Swiss Re Institute betont jedenfalls, dass für Regierungen und private Finanzinstitute, die die Langlebigkeitsrisiken von Einzelpersonen übernehmen, Trendwenden bei der Sterblichkeit „von eminenter Bedeutung“ seien. Schließlich lasse sich dieses Risiko nicht einfach „diversifizieren“.

Unsicherheit für Versicherer und Rententräger

Bei der Frage, wie zu reagieren ist, tut sich ein gewisses Dilemma auf. Einerseits würde eine „zu konservative“ Preisbildung, mit dem Ziel, sich gegen künftige Entwicklungen der Sterblichkeit abzusichern, Renten- und Lebensversicherungen unnötig verteuern, so das Swiss Re Institute.

Andererseits würde eine vorschnelle Korrektur der Annahmen zu Langzeit-Sterblichkeitstrends „fast unweigerlich zu einer starken Belastung der Bilanzen führen, sobald Verbindlichkeiten neu bewertet werden, um der revidierten Lebenserwartung Rechnung zu tragen“.

Murray: „Die Entscheidungsträger in der Versicherungsbranche müssen aufmerksam beobachten, was für Auswirkungen diese Unsicherheit in den kommenden Jahren auf Preisgestaltung, Reservierung und Policen hat.“

Der „Sigma“-Bericht 6/2018 „Verbesserung der Sterblichkeit: Vergangenheit verstehen und Zukunft antizipieren“ kann von einer Webseite des Swiss Re Institute heruntergeladen werden.

 
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