Baby-Boomer erwartet kein goldener Herbst

13.9.2018 – Auf die heute 55- bis 64-Jährigen kommen erhebliche finanzielle Einbußen zu. Die kommenden Ruheständler werden ihren Lebensstandard im Alter nicht halten können. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des DIW. Schutz vor Versorgungslücken bieten Betriebsrenten und privates Vermögen. Riester- und Rürup-Verträge reduzieren diese Kluft kaum. Der GDV widerspricht diesen Aussagen zur privaten Vorsorge vehement.

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Die kommende Rentner-Generation wird im Ruhestand mit großen finanziellen Einbußen rechnen müssen. Die Hälfte der heute 55- bis 64-Jährigen wird im Alter nicht genug Mittel haben, um ihren aktuellen Lebensstandard inklusive Wohnen zu finanzieren. Im Schnitt fehlt dieser Altersgruppe dann zwischen 700 und 650 Euro im Monat.

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin), die von der Hans-Böckler-Stiftung finanziert wurde (Studie im DIW Wochenbericht 37/2018 | PDF, 322 KB, zum Download).

Leistungen aus Betriebsrenten und private Vermögen könnten die Versorgungslücke deutlich reduzieren. Private Versicherungen mildern die Einbußen im Alter dagegen nur geringfügig, so die Autoren der Studie.

DIW-Studie Rentenversorgung (Bild: DIW)
DIW-Studie Rentenversorgung (Bild: DIW Berlin). Zum Vergrößern Bild klicken.

Fragestellung und Ausrichtung der Studie

Die Ökonomen gingen für die Studie der Frage nach, inwieweit die drei Säulen der Alterssicherung, bestehend aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge, ausreichen, den zukünftigen Konsum der Erwerbstätigen aus rentennahen Jahrgängen zu decken. Die Annahme war dabei, dass diese Altersgruppe jetzt in den Ruhestand geht.

Dazu werteten die Autoren der Studie Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 2012 zu Rentenanwartschaften, Vermögen und Konsum der Geburtsjahrgänge 1948 bis 1957 aus.

In den SOEP-Daten werden neben Fragen zur Höhe der bereits erworbenen individuellen Anwartschaften an Alterssicherungs-Systemen auch Informationen über das persönliche Vermögen erhoben. Zudem werde die Höhe des privaten Konsums berechnet, so das DIW.

Somit sei es möglich, eine potenzielle Lücke zwischen dem aktuellen Konsum und den bereits erworbenen Rentenansprüchen aus den Alterssicherungs-Systemen abzuschätzen. Vernachlässigt werde dabei, dass bei einem Rentenbeginn vor der offiziellen Regelaltersgrenze Abschläge anfielen, erklären die Autoren zur Methodik.

Das Versorgungsniveau der Pensionen ist überdurchschnittlich.

Anita Tiefensee, Mit-Autorin der DIW-Studie, zur Altersversorgung von Beamten.

Nächste Rentner-Generation kann Lebensstandard nicht halten

Eine potenzielle Versorgungslücke sehen die Ökonomen des DIW vor allem bei Menschen, die ausschließlich auf Leistungen der Gesetzlichen Rentenversicherung angewiesen sind. „Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) wären nicht in der Lage, ihren aktuellen Konsum vollständig zu decken. Bestehen auch Ansprüche aus Betriebsrenten, so sinkt dieser Anteil auf 50 Prozent“, erklärt Studienautorin Anita Tiefensee.

Besonders hart trifft die berechnete Versorgungslücke nach Auswertung der Studie: Frauen, Singles, un- und angelernte Erwerbstätige sowie Solo-Selbstständige.

Erst wenn die angehenden Rentner auf ihr gesamtes Vermögen zurückgreifen, ergibt sich ein anderes Szenario. Zehn Prozent der Bestverdiener besitzen laut DIW-Auswertung 400.000 Euro, die ärmere Hälfte maximal 100.000 Euro. Selbst wenn die kommende Rentner-Generation ihre Ersparnisse ausgibt, kann jeder Vierte seinen aktuellen Lebensstandard im Alter nicht mal fünf Jahre halten, fassen die Ökonomen zusammen.

Bei Beamten falle der Anteil mit weniger als einem Fünftel deutlich geringer aus. „Das Versorgungsniveau der Pensionen ist überdurchschnittlich“, erläutert Tiefensee weiter.

DIW-Studie: Private Vorsorge nicht nennenswert

Die durchschnittliche Höhe der bisher akkumulierten monatlichen Bruttoanwartschaften beziffern die Studienautoren für die Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen auf insgesamt 1.230 Euro. Davon entfielen rund zwei Drittel auf Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung, wie die Daten des Sozio-oekonomischen Panels von 2012 zeigten.

Bei 58 Prozent der rentennahen Jahrgänge sei der aktuelle Konsum größer als die erworbenen Rentenanwartschaften. Private Versicherungen wie Lebens- und Rentenversicherungen reduzierten diesen Anteil nur geringfügig, schreiben die Autoren in ihrer Auswertung: Die geschätzte Versorgungslücke reduziere sich mit der privaten Vorsorge von 700 auf 650 Euro.

Der Anteil der Personen mit einer potentiellen Versorgungslücke könne aber durch diese privaten Versicherungen nur geringfügig von 58 auf 56 Prozent gesenkt werden, so die DIW-Studie. Zu den privaten Policen zählten die Forscher auch die staatlich geförderten Riester- und Rürup-Verträge.

„Die quantitative Relevanz dieser Versicherungen ist also nicht nennenswert. Und die untersuchten Jahrgänge haben häufig ihre Versicherungen noch zu Zeiten mit einer hohen Verzinsung abgeschlossen. Für die späteren Kohorten sind die Aussichten schlechter“, gibt Studienautor Timm Bönke zu bedenken.

Die Kritik an der Wirksamkeit der privaten Altersvorsorge ist nicht haltbar.

Peter Schwark, Mitglied der GDV-Geschäftsführung, zu den Ergebnissen der DIW-Studie.

GDV bezieht Stellung zu Riester-Kritik

Die Schlussfolgerungen der Studienautoren zur privaten Vorsorge der untersuchten Altersgruppe teilt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) nicht. „Die Kritik an der Wirksamkeit der privaten Altersvorsorge ist nicht haltbar. So wurde die Riester-Rente eingeführt, um die durch die Rentenreform entstandene Absenkung des Rentenniveaus zu kompensieren. Diese Aufgabe erfüllt die Riester-Rente“, erklärt Peter Schwark, Mitglied der GDV-Geschäftsführung, in einer offiziellen Mitteilung zur DIW-Studie.

Schwark verweist hier auf die Ergebnisse einer Prognos-Studie von 2016 (VersicherungsJournal 11.11.2016), nach der die staatlich geförderte Altersvorsorge die durch das sinkende Rentenniveau entstandene Rentenlücke auch beseitigen könne.

Für einen Erfolg des Riester-Modells müsse die Förderung aber an die seit 2001 gestiegenen Einkommensverhältnisse angepasst werden.

Betriebsrente leistet positiven Beitrag

Wie Schwark betont, hebt die Studie zurecht hervor, „dass die gesetzliche Rente allein nicht zur Absicherung des Lebensstandards im Alter ausreicht und gleichzeitig die Betriebsrente einen signifikant positiven Beitrag leistet“.

Nach Auswertung der Studienautoren stellen die Bezüge aus der gesetzlichen Rentenversicherung die wichtigste Säule der Alterssicherung dar. Bei Personen, die auch Ansprüche aus der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) hätten, reduziere sich der Anteil mit einer persönlichen Versorgungslücke deutlich um zwölf Prozentpunkte.

Allerdings sei die Verbreitung der bAV vor allem bei Geringverdienern ausbaufähig und je nach Branche wie im Gastgewerbe und vielen Dienstleistungs-Bereichen sowie auch je nach Betriebsgrößen unterschiedlich stark verbreitet, schreiben die Studien-Autoren in ihrer Auswertung.

Hier will das Betriebsrenten-Stärkungsgesetz (BRSG) der Bundesregierung ansetzen. Das Sozialpartner-Modell und die Abschaffung der Arbeitgeber-Haftung soll eine stärkere Verbreitung bei Geringverdienern ermöglichen. Auch kleinere Betriebe sollen einen besseren Einstieg in das Betriebsrenten-Angebot schaffen (VersicherungsJournal 27.7.2018, 20.3.2018, 1.11.2016).

DIW-Studie Rentenversorgung (Bild: DIW)
In Privathaushalten nach Pro-Kopf-Haushaltseinkommen, ohne Inaktive, laut SOEP/DIW-Berechnungen
(Bild: DIW Berlin)

Rentner müssen für Krankheit und Pflege zahlen

Die Ökonomen weisen die Annahme zurück, dass Rentner im Ruhestand weniger Geld bräuchten, weil beispielsweise Ausgaben für den Arbeitsweg wegfielen. Sie halten dagegen, dass ältere Menschen höhere Kosten wegen Krankheit und Pflege hätten.

Die Studien-Ergebnisse könnten die aktuelle politische Diskussion um die Rentenreform weiter befeuern (VersicherungsJournal Medienspiegel 7.9.2018, 31.8.2018, 30.8.2018).

DIW-Empfehlung an Politiker

Im Fazit der DIW-Studie heißt es, die Ergebnisse legten nahe, dass „das System der Alterssicherung weiter reformiert werden müsste, damit mehr Menschen ihren Lebensstandard im Alter halten könnten“.

Die Studienautoren empfehlen den politischen Entscheidungsträgern folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  • Um das Sinken des Rentenniveaus zu begrenzen, sollte die Politik verstärkt auf die gesetzliche Rentenversicherung setzen, ähnlich wie das in Österreich der Fall sei.
  • Daneben empfehlen sie, die Aufweichung des strikten Äquivalenzprinzips in Erwägung zu ziehen: Hierbei wäre die Höhe der Rentenleistungen nicht mehr eins zu eins an die Einzahlungsbeiträge gekoppelt. Geringverdiener würden von höheren Leistungen profitieren, während die Beitragsbemessungs-Grenze für höhere Einkommen aufgehoben werden sollte.
  • Besserer Aufbau privaten Vermögens: Zum Beispiel durch eine Umleitung der staatlichen Zuschüsse für Riester-Renten in Richtung einer kapitalgedeckten Zusatzrente nach dem schwedischen Fondsmodell.

GDV lehnt schwedisches Modell ab

Das Modell der sogenannten „Deutschlandrente“ lehnt der GDV erwartungsgemäß ab, steht mit seiner Kritik daran aber nicht allein (VersicherungsJournal 3.5.2018, 30.4.2018).

„Zum einen wollen die Deutschen in der Regel nicht, dass ihre Altersvorsorge alleine am Aktienmarkt angelegt wird. Zum anderen wurde bislang immer abgelehnt, die private Vorsorge obligatorisch zu machen“, erklärte Schwark.

Der Riester-Markt biete heute unterschiedliche Produkte für unterschiedliche Sicherheitsbedürfnisse. Nur so konnte eine Verbreitung von mehr als 40 Prozent erreicht werden, unterstrich der GDV-Geschäftsführer.

 
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