Aktuare sollten Klimawandel stärker einkalkulieren

3.5.2021 – Der Klimawandel und seine Folgen scheint für einen Großteil der Aktuare bisher allenfalls eine geringe Rolle in ihrer Arbeit zu spielen. Am dritten Tag der Jahrestagung der Deutschen Aktuarvereinigung ging es viel um die richtigen Modelle, aber auch um die Frage, was Klimaveränderungen für das eigene Geschäft bedeuten.

„Wir werden uns ziemlich radikal und zunehmend als Branche damit befassen müssen, den Transformationsprozess möglich zu machen.“

Geschäftsmodell zukunftsfest machen

Ernst Rauch (Screenshot: Lier)
Ernst Rauch (Screenshot: Lier)

Das sagte Ernst Rauch, Chefklimaforscher der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft AG in München am Freitag bei der virtuellen Jahrestagung der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV). Er fordert die Branche auf, „Net-Zero“-Technologien zu „enablen“.

Um bis 2050 CO2-neutral zu werden (Vorgabe des Pariser Klimaabkommens), reichten Ausstiege und Verzichte nicht, sondern es müssten Negativemissionen aus der Atmosphäre herausgenommen werden. Einige Versicherer seien bereits in relevantem Umfang aus Kohle-Aktivitäten ausgestiegen und zunehmend werde auch auf Geschäft und Investments bei Gas und Öl verzichtet.

„Wir müssen unser Geschäftsmodell zukunftsfest machen. Das betrifft nicht nur den Risikotransfer, sondern weil wir Risiko in unserer DNS haben, hat dies auch eine gesellschaftliche Funktion“, so Rauch.

Blick nach vorne

Andreas Märkert (Screenshot: Lier)
Andreas Märkert (Screenshot: Lier)

Wenn man als Industrie relevant bleiben wolle, könne man nicht auf Geschäft verzichten, sagte Dr. Andreas Märkert, Group Chief Risk Officer der Hannover-Rück-Gruppe.

Wenn allerdings die Schadenpeaks durch den Klimawandel zu hoch würden, brauche es auch staatliche Maßnahmen. Er brachte das Beispiel steigender Meeresspiegel und wachsende Wertekonzentration an den Küsten.

Rauch mahnte den „Blick nach vorne in der aktuariellen Betrachtung“ an. Aufsichten, Regulierer und Aktionäre schauten immer kritischer auf den Faktor Klimawandel im Versicherungsgeschäft.

Typisch seien Einjahres-Verträge, aber es gebe ja auch länger laufende Verpflichtungen wie bei Real Estates.

Fehlende Tools oder fehlende Kommunikation

Friederike Otto (Screenshot: Lier)
Friederike Otto (Screenshot: Lier)

Ob und welche Schäden dem Klimawandel zuzurechnen sind, lässt sich nach Aussage von Professorin Dr. Friederike Otto, Geschäftsführerin des Environmental Change Institute der University of Oxford, seit einigen Jahren aufgrund der Attributionsforschung mit großer Wahrscheinlichkeit bestimmen.

Es scheint dabei noch an der richtigen Kommunikation zwischen Praxis und Forschung zu mangeln, denn die beiden Vertreter der Versicherungswirtschaft beklagten fehlende Tools, mit denen sich der Einfluss des Klimawandels lokal berechnen lässt.

Otto warnte, beim Klimawandel würden Hitzeschäden „global unglaublich unterschätzt“. Der Klimawandel sei der „Game-Changer bei den Hitzewellen“. Diese sorgten nicht nur für deutlich mehr Tote, sondern auch für erhebliche wirtschaftliche Schäden, beispielsweise wenn Atomkraftwerke aufgrund überhitzter Flüsse abgeschaltet werden müssten.

Nicht nur beim einjährigen Schadenvertrag

Im Hinblick auf die höhere Sterblichkeit bei Hitzewellen warnte Märkert vor reinen Einjahresbetrachtungen. Wenn der Klimawandel fortschreite, wirke sich dies auch bei anderen Produkten wie etwa in der Lebensversicherung aus.

Eine Umfrage unter den rund 260 zuschauenden Aktuaren ergab, dass diese den Anteil den Klimaaspekte in ihrer aktuellen aktuariellen Arbeit zu 87 Prozent für allenfalls gering einschätzen.

In einer Perspektive von drei bis fünf Jahren schätzt zumindest knapp jeder Dritte mit einem „mittelgroßen“ Anteil. In zehn Jahren, glauben 27 Prozent, hat dieser Aspekte einen „bedeutenden“ Anteil.

Gefahr von Blasen

Guido Bader (Bild: Schmidt-Kasparek)
Guido Bader (Archivbild: Schmidt-Kasparek)

Dr. Guido Bader, Vorstand der Stuttgarter Lebensversicherung a.G. und Past President der DAV, warnte vor einer Blasenbildungen bei Green Investments, die langfristig sogar die Finanzmarktstabilität gefährden könnten.

„Als wichtige Langfristinvestoren können und werden die Versicherer die nachhaltige Transformation aktiv unterstützen. Dafür müssen aber die Rahmenbedingungen verbessert werden“, so Bader. Einer wachsenden Nachfrage stehe ein bisher noch zu beschränktes Angebot an nachhaltigen Anlagemöglichkeiten gegenüber.

Nach DAV-Analysen würde die Gefahr sogar noch verstärkt, wenn bei Eigenkapital-Vorschriften für nachhaltige Kapitalanlagen ungerechtfertigt geringere Risiken als bei konventionellen Investments unterstellt würden und daher für sie weniger Risikokapital vorzuhalten wäre.

„Wenn der Staat grüne Investments fördern will, dann kann er zum Beispiel für diese staatliche Garantien aussprechen und damit real die Kapitalanlagerisiken reduzieren. Damit würde das Ziel einer geringeren Kapitalbindung ohne ein Verbiegen des Systems erreicht“, schlug Bader vor.

Leserbriefe zum Artikel:

+Hans Jürgen Ott - Hitzebedingte Leistungsrisiken werden vernachlässigt. mehr ...

Peter Schramm - Der Klimawandel muss warten. mehr ...

Schlagwörter zu diesem Artikel
Aktuar · Lebensversicherung · Marktforschung · Nachhaltigkeit · Rückversicherung
 
WERBUNG
WERBUNG
„Amazon steigt ins Versicherungsgeschäft ein.”

Bei dieser Schlagzeile bekommen viele Vermittler Schnappatmung. Denn für sie heißt das: Ich verliere Kunden und Bestand. Wie sich das leicht vermeiden lässt, zeigt die aktuelle Podcast-Folge.

Zusätzlich profitieren Sie von unserem neuen, konzentrierten Podcast-Konzept: In jeder Folge wird nun ein einziges Schwerpunktthema mit all seinen Facetten ausführlich besprochen.

Zu den einzelnen Ausgaben gelangen Sie hier.

VersicherungsJournal in Social Media

Besuchen Sie das VersicherungsJournal auch in den sozialen Medien:

  • Facebook – Ausgewähltes für den Vertrieb
  • Twitter – alle Nachrichten von VersicherungsJournal.de
  • Xing – über den Verlag
  • Xing News – Ausgewähltes zu Karriere und Unternehmen
WERBUNG
Inserieren im Anzeigenmarkt

Das VersicherungsJournal ist eines der meistgelesenen Medien in der Branche, siehe Mediadaten.

So finden Sie zielsicher Ihre neuen Mitarbeiter, Arbeitgeber oder Geschäftspartner. Nutzen Sie die schnelle und direkte Zielgruppenansprache zu günstigen Konditionen. Gesuche werden kostenlos veröffentlicht.

Erteilen Sie hier Ihren Anzeigenauftrag für Angebote und Verschiedenes oder Gesuche, oder lassen sich persönlich beraten!

Beachten Sie auch die Seite Aktuelles für Stellenanbieter.

Ihr Wissen und Ihre Meinung sind gefragt

Ihre Leserbriefe können für andere Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein. Bitte schreiben Sie Ihre Kommentare unter den Artikel in das dafür vorgesehene Eingabefeld.

Die Redaktion freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt ist. Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu. Schreiben Sie bitte an redaktion@versicherungsjournal.de.

Allgemeine Pressemitteilungen erbitten wir an meldungen@versicherungsjournal.de.

WERBUNG
Einmaleins des Wettbewerbsrechts

WettbewerbsrechtEs gibt viele rechtliche Fallstricke, über die ein Vermittler bei seinen Werbeaktionen stolpern kann. Ein Praktikerhandbuch zeigt, wie diese zu vermeiden sind.

Interessiert? Dann klicken Sie hier!

Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
3.12.2020 – Statista hat für den Stern ermittelt, welche Firmen in Deutschland in den Bereichen Ökologie, Ökonomie und Soziales zu den verantwortlichsten gehören. In dem Ranking liegen etliche Assekuranzen ganz vorne. (Bild: Geralt, Pixabay, CC0) mehr ...
 
20.4.2011 – Die Dialog Lebensversicherungs-AG sieht immer mehr Wettbewerber in ihrer Marktnische der biometrischen Absicherung auftauchen. Deutlich gewachsen ist sie 2010 dennoch. mehr ...
 
30.4.2021 – Beim Aufbau ihrer finanziellen Polster fürs Alter gewinnt ein Aspekt für Sparer immer mehr an Bedeutung. Gerade für junge und weibliche Kunden steht die Rendite nicht mehr an erster Stelle. (Bild: DEVK) mehr ...
 
19.3.2021 – Allianz, die Bayerische, Ias und Interlloyd legen neue Lösungen für Privatkunden vor, teilweise kostenlos. Darunter sind Versicherungen gegen den Verlust der Fahrerlaubnis oder von Paketen sowie Hausratpolicen mit neuartigen Zusatzleistungen. (Bild: Pixabay, CC0) mehr ...
 
11.3.2021 – Versicherungsdeutsch wird offenbar immer noch gesprochen und geschrieben. Wie verständlich die Informationsbriefe der Anbieter sind, hat Policen Direkt untersucht. Dabei ging es unter anderem, ob sie „einen guten Eindruck vom Wert des Vertrages“ vermitteln. (Bild: Pixabay CC0) mehr ...
 
5.3.2021 – Was im vergangenen Jahr über Unternehmen in puncto Fairness in den sozialen Medien geschrieben und diskutiert wurde, hat ein Institut aufwendig identifiziert und analysiert. Herausgekommen ist eine Liste mit den diesbezüglich führenden Unternehmen. (Bild: F.A.Z.-Institut) mehr ...
 
10.2.2021 – Das Zinsdebakel zwingt zur Umstellung der Sparte. Für Vermittler wird das Geschäft komplexer und komplizierter. Die 19. Assekurata-Marktstudie schlüsselt wieder alle Deklarationswerte auf und analysiert die Entwicklung. (Bild: Lier) mehr ...
WERBUNG