Wenn man sich nach Zoff mit dem Chef krankschreiben lässt

11.6.2018 – Verlässt ein Arbeitnehmer nach einer Auseinandersetzung mit seinem Vorgesetzten unter Hinweis auf eine plötzliche Erkrankung seinen Arbeitsplatz, kann dies allein den hohen Beweiswert der anschließend ausgestellten Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung nicht erschüttern. So äußerte sich das Landesarbeitsgericht Köln in einem Urteil vom 12. Januar 2018 (4 Sa 290/17).

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Der Kläger war Mitte Mai 2016 mit einem Vorgesetzten wegen einer Nichtigkeit verbal aneinandergeraten. Zu dieser Zeit hatte er rund drei Stunden lang seine Arbeit verrichtet.

Kurz darauf bekam er nach eigenen Angaben massive Atemprobleme sowie leichte Schweißausbrüche. Nachdem er vergeblich versucht hatte, die Filialleiterin über seine gesundheitlichen Probleme zu informieren, stempelte er aus und verließ den Betrieb. Unmittelbar danach suchte er einen Arzt auf. Der schrieb ihn zunächst für drei Tage und anschließend für zusätzlich eine Woche krank.

Verweigerung der Lohnfortzahlung

Der Arbeitgeber des Klägers ging davon aus, dass dieser nicht wirklich krank war. Denn der Mann sei am Tag des Zwischenfalls „putzmunter“ und gesund zur Arbeit erschienen, ehe er kurz nach der Auseinandersetzung mit dem Vorgesetzten seinen Arzt aufsuchte, der ihn krankgeschrieben habe. Der Arbeitgeber weigerte sich daher, seinem Mitarbeiter für die Zeit der Krankschreibung den Lohn fortzuzahlen.

Mit seiner daraufhin beim Bonner Arbeitsgericht eingereichten Klage hatte der Beschäftigte Erfolg. Mangels entsprechender Gegenbeweise zeigte sich das Gericht davon überzeugt, dass der Kläger seine Arbeitsunfähigkeit nicht vorgetäuscht hatte.

Der Arbeitgeber legte gegen das Urteil Berufung beim Kölner Landesarbeitsgericht ein. Das schloss sich der Meinung der Vorinstanz an und wies die Berufung als unbegründet zurück.

Missbrauch ist kein Regelfall

Dem Argument des Arbeitgebers, dass der Beweiswert der Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung erschüttert sei, weil der Kläger bereits drei Stunden gearbeitet habe, bevor er sich habe krankschreiben lassen, wollten sich die Richter nicht anschließen.

Denn verlasse ein Arbeitnehmer nach einer Auseinandersetzung mit seinem Vorgesetzten unter Hinweis auf eine Erkrankung seinen Arbeitsplatz, könne dies allein den hohen Beweiswert der anschließend ausgestellten Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung nicht erschüttern.

Nach Ansicht beider Instanzen sei es nicht ungewöhnlich, dass eine Arbeitsunfähigkeit gegebenenfalls erst im Laufe eines Arbeitstages eintrete. Eine allgemeine Lebenserfahrung, dass ein Arbeitnehmer, der eine Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung seines Arztes vorlege, in Wahrheit nicht krank sei, gebe es nicht.

Im Übrigen würde einer ärztlichen Bescheinigung kein Beweiswert zuerkannt, wenn man davon ausgehen würde, dass ein Missbrauch dem Regelfall entspreche. Dazu bestehe keinerlei Veranlassung.

Fehlender Beweis

„Es ist daher sachgerecht, wenn ein Arbeitgeber, der eine Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung nicht gegen sich gelten lassen will, Umstände dartun muss, die die behauptete krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit ernsthaft in Zweifel ziehen können.

Solche ernsthaften Zweifel sind zum Beispiel dann anzunehmen, wenn eine Arbeitsunfähigkeit mit Rückwirkung bescheinigt wird oder wenn eine Krankschreibung nur aufgrund telefonischer Rücksprache und ohne Untersuchung erfolgt“, heißt es dazu in der Urteilsbegründung des Landesarbeitsgerichts.

Allein die Behauptung des Arbeitgebers, dass der Beschäftigte noch kurz vor seiner Krankschreibung einen gesunden Eindruck gemacht habe, reicht nach Ansicht der Richter nicht aus, den Beweiswert der ärztlichen Bescheinigung in Frage zu stellen.

Da der Arbeitgeber keine Beweise für eine missbräuchliche Krankschreibung erbringen konnte, wurde er dazu verurteilt, dem Kläger die ihm vorenthaltene Lohnfortzahlung zu gewähren. Das Gericht sah keine Veranlassung, eine Revision gegen seine Entscheidung zuzulassen.

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Arbeitsrecht · Arbeitsunfähigkeit · Gesundheitsreform · Mitarbeiter
 
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