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Auf Corona-bedingte Ängste der Mitarbeiter adäquat reagieren

19.5.2020 – Mit der Lockerung des Shutdowns kehren viele Mitarbeiter, die bisher in Kurzarbeit waren oder im Homeoffice arbeiteten, wieder an ihre „normalen“ Arbeitsstätten zurück – oft mit gemischten Gefühlen. Deshalb brauchen Führungskräfte gerade jetzt feine Antennen für deren Emotionen. Auf was zu achten ist, erklärt der Führungskräftetrainer Joachim Simon in einem Gastbeitrag.

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Die Lebenswelten der Mitarbeiter von Unternehmen sind verschieden, auch ihre biografisch bedingten Erfahrungen und Wertesysteme. Deshalb reagieren sie auch auf dieselben Ereignisse emotional sehr unterschiedlich.

Das zeigt sich gerade in Ausnahmesituationen wie der aktuellen Coronakrise. Die einen befürchteten in den zurückliegenden Wochen, unter anderem bedingt durch die Bilder aus italienischen Kliniken, überspitzt formuliert ihr baldiges Lebensende. Andere wiederum genossen die Lockdown-bedingte Auszeit und das schöne Wetter und dachten: Auch diese Katastrophe geht vorüber.

Die Stimmung der Mitarbeiter ist sehr unterschiedlich

Mit diesen Gefühlsextremen wurden die Führungskräfte vieler Unternehmen in der Zeit nach dem Shutdown meist nur bedingt konfrontiert. Denn häufig waren ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit oder arbeiteten im Homeoffice.

Doch nun kehren viele wieder an ihren „normalen“ Arbeitsplatz im Betrieb zurück – meist in einer sehr unterschiedlichen Gemütsverfassung. Während sich manche hierüber freuen, haben andere sehr gemischte Gefühle – zum Beispiel,

  • weil sie Angst vor einer Infektion am Arbeitsplatz haben oder
  • weil zuhause ihre Kinder sind, deren Schulen noch geschlossen sind, oder
  • weil sie sich schlicht fragen: Wie geht es in unserem Betrieb weiter? Welche Veränderungen kommen auf mich/uns zu?

Nicht selten werden diese unterschiedliche Wahrnehmungen auch zu Spannungen in der Belegschaft führen. So berichten Personalverantwortliche zum Beispiel schon jetzt darüber, dass die Mitarbeiter ihrer Unternehmen kontrovers darüber debattieren, inwieweit in der Nach-Corona-Zeit ein Arbeiten im Homeoffice noch möglich sein soll.

Die Mitarbeiter zeigen ihre Gefühle oft nicht

Auf solche Debatten müssen sich die Führungskräfte einstellen. Sie müssen außerdem damit rechnen, dass ihre Mitarbeiter nach dem Lockdown emotional sensibler als zuvor reagieren, auch wenn sie ihre Gefühle nicht unmittelbar zeigen.

Denn meist wissen die Mitarbeiter aus Erfahrung: Wenn eine Person in Unternehmen Gefühle zeigt und sich für eine Sache auch emotional engagiert, wird dies von ihren Gesprächspartnern oft als Schwäche interpretiert. Und nicht selten wird sie sogar mundtot gemacht mit Aussagen wie

  • „Nun bleiben Sie mal sachlich“ oder
  • „Nun malen Sie nicht gleich den Teufel an die Wand“.

Die Tatsache, dass ein Mitarbeiter Gefühle zeigt, wird also als Legitimation genutzt, um sich mit seinem Anliegen nicht ernsthaft zu befassen.

Empfindungen werden hinter rationalen Argumenten versteckt

Joachim Simon (Bild: privat)
Joachim Simon (Bild: privat).

Deshalb sind die Mitarbeiter meist bemüht, am Arbeitsplatz wenig emotionale Betroffenheit zu zeigen. Stattdessen verbergen sie ihre Empfindungen hinter scheinbar rationalen Argumenten. Als Folge davon wird in Unternehmen oft endlos über Nichtigkeiten diskutiert.

Und erreichen die betreffenden Personen mit ihrer scheinbar rationalen Argumentation ihre Ziele nicht? Dann versuchen sie dies häufig über Umwege – zum Beispiel, indem sie Beschlüsse und Aufgaben bewusst vergessen oder fehlinterpretieren.

Diese Gefahr besteht in der aktuellen Situation verstärkt, denn in ihr besteht nicht nur in der Gesellschaft eine große Unsicherheit, wie es weitergeht. Auch die Entscheider in den Unternehmen wissen es nicht. Sie können sozusagen nur auf Sicht fahren; entsprechend häufig müssen sie ihre Entschlüsse und Planungen ändern. Dies schürt wiederum die Ängste und oft auch den Unmut der Mitarbeiter, weshalb sie „gefühliger“ als sonst reagieren.

Gespür für Situationen und Konstellationen

Die Ängste beziehungsweise allgemein Emotionen ihrer Mitarbeiter – hinter denen sich individuelle Wünsche und Werte, Interessen und Erfahrungen verbergen – müssen Führungskräfte versuchen, soweit möglich,

  • zu erkennen,
  • richtig zu bewerten und
  • auf sie so zu reagieren, dass die betreffenden Personen sich ernst genommen fühlen.

Dies setzt ein gutes Gespür für Situationen und Konstellationen voraus – um Fehleinschätzungen zu vermeiden. Was nicht leicht ist: Emotionen sowie persönliche Interessen im Unternehmenskontext werden oft verklausuliert artikuliert. So kann zum Beispiel die Aussage eines Mitarbeiters „Das geht nicht“ zweierlei bedeuten:

  • „Das funktioniert aus fachlichen Gründen nicht“ und
  • „Ich möchte dies persönlich nicht“.

Was zutrifft, müssen Führungskräfte oft erst ermitteln. Weil dies eben nicht einfach ist, sollten Führungskräfte eigentlich allen Mitarbeitern dankbar sein, die offen ihre Emotionen zeigen. Denn: Es erleichtert es ihnen, tragfähige Lösungen zu entwerfen.

Das eigene Wertesystem und Verhalten reflektieren

Wichtig wird es in den kommenden Wochen und Monaten sein, dass Führungskräfte – gerade weil sie selbst unter einem enormen Entscheidungs- und Handlungsdruck stehen – regelmäßig reflektieren:

  • Was ist mein Wertesystem und was kennzeichnet meine Lebens- und Arbeitssituation?
  • Wodurch unterscheiden sich diese von meinem jeweiligen Gegenüber?

Sonst ist die Gefahr groß, dass sie auf Verhaltensweisen oder emotionale Äußerungen, die sie irritieren, selbst irrational oder zum Beispiel mit Killerphrasen reagieren, wie „Nun regen Sie sich mal nicht so auf“ oder „Nun lassen Sie die Kirche mal im Dorf“. Solche Aussagen verletzen das Gegenüber. Sie zerstören letztlich das, was sich Führungskräfte von ihren Mitarbeitern wünschen:

  • Identifikation mit ihrer Aufgabe sowie dem Unternehmen und
  • die Bereitschaft, sich hierfür zu engagieren.

Die Wurzeln der Emotionen erkunden

Sinnvoller ist es in einer solchen Situation, dem Mitarbeiter zunächst zu signalisieren, dass man seine Emotionalität bemerkt hat – zum Beispiel mit einer Aussage wie „Ich sehe, dass Sie das Thema beschäftigt.“ Oder: „Es freut mich, dass Sie sich so sehr dafür engagieren, dass ...“. Danach sollte man versuchen, sich ein Bild davon zu verschaffen, warum der Mitarbeiter so reagiert, und vorschnelle Schlüsse zu vermeiden.

Denn angenommen ein Mitarbeiter sperrt sich zum Beispiel dagegen, eine gewisse Aufgabe mit Kundenkontakt zu übernehmen. Dann kann dies auch daran liegen, dass er Angst hat, sich mit Corona zu infizieren – auch weil in seinem Haushalt eine Person mit einer vorgeschädigten Lunge lebt. Dann ist eine andere Reaktion angesagt, als wenn ein Mitarbeiter zu einer nötigen Aufgabe schlicht keinen „Bock“ hat.

Joachim Simon

Der Autor ist Führungskräftetrainer und -coach. Ein Schwerpunkt seiner Beratungstätigkeit liegt auf der Digitalisierung in der Personalentwicklung.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Coronavirus · Digitalisierung · Mitarbeiter
 
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