Welche Bedeutung die neuen Solvenzquoten für Vermittler haben

29.6.2017 – Der Map-Report Nummer 893 „Solvabilität im Vergleich 2007 bis 2016“ hat die Solvency-ll-Quoten für die deutschen Lebens- und Krankenversicherer analysiert. Die neuen Quoten machen den Vergleich nach Einschätzung von Reinhard Klages, Chefredakteur des Map-Reports, nicht einfacher. Im Interview mit dem VersicherungsJournal erläutert er, was hinter den neuen Zahlen steckt, und warnt davor, Versicherungs-Unternehmen nur wegen hoher Quoten zu empfehlen.

WERBUNG

VersicherungsJournal: Mit Spannung wurden die neuen Solvency-II-Quoten erwartet. Bis zum 22. Mai mussten alle deutschen Einzelunternehmen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin) erstmals den SFCR-Bericht (Solvency and Financial Condition Report) vorlegen und diesen auf ihrer Homepage veröffentlichen. Haben dies alle geschafft?

Reinhard Klages (Bild: Pieloth)
Reinhard Klages (Bild: Pieloth)

Reinhard Klages: Mit Ausnahme der Einzelunternehmen der Versicherungsgruppen Barmenia und Hansemerkur lagen alle Berichte rechtzeitig vor; wenn auch bei einigen Gesellschaften nicht unbedingt zu den üblichen Arbeitszeiten. Da wurde es abends dann doch teilweise etwas später.

VersicherungsJournal: Bei der Entwicklung von Solvency ll wurde den Marktteilnehmern eine höhere Transparenz und bessere Vergleichbarkeit der Unternehmen versprochen. Haben sich Ihrer Meinung nach diese Hoffnungen erfüllt?

Klages: Nein. Für den externen Betrachter ist der Vergleich von Unternehmen nur anders geworden – nicht einfacher. Die Transparenz ist insofern gestiegen, als dass alle Gesellschaften die Berichte veröffentlichen müssen.

In den vergangenen Jahren mussten wir für Vergleiche der Solvabilitätsquoten Umfragen an die Versicherer versenden und waren auf deren Informations-Bereitschaft angewiesen. Vor allem dann, wenn die relevanten Daten auch nicht in den Geschäftsberichten veröffentlicht wurden.

Zudem gibt es Unterschiede in der Präsentation: Auf einigen Homepages muss nach diesen Berichten schon genauer gesucht werden. Einige Berichte haben auch praktische Zusammenfassungen; auf einer Seite sind alle wichtigen Informationen zu den Quoten aufgeführt – ob und welche Hilfs- und Übergangsmaßnahmen angewendet wurden, wie sich die Bedeckungsquoten dadurch verändern und welches Modell zum Einsatz kam.

Bei anderen Berichten muss dafür schon mal selbst gerechnet werden. Völlig unverständlich ist aber, weshalb die Berichte der Athene Lebensversicherung AG und der SV Sparkassen-Versicherung Sachsen Lebensversicherung AG teilweise auf Englisch verfasst wurden.

Für den externen Betrachter ist der Vergleich von Unternehmen nur anders geworden – nicht einfacher.

VersicherungsJournal: Und wie sieht es mit der inhaltlichen Vergleichbarkeit aus?

Klages: Für die SFCR-Berichte gibt es sehr strikte formale Gliederungen und Anforderungen, aber die Unternehmen haben – wie bei allen Rechnungslegungen – Bewertungsspielräume. Auf den Vergleich der Berichte selbst haben wir uns aber nicht konzentriert.

Bei jedem Map-Report stellt sich für uns natürlich die Frage, was unsere Leser zu dem jeweils untersuchten Thema am meisten interessiert. Zu den erstmals vorgelegten SFCR-Berichten waren das unserer Meinung nach die Bedeckungsquoten. Auch für uns waren die Berichte Neuland. Deshalb war das erste Heft ein erster Ansatz, sich der komplexen Materie des Solvency-II-Regimes zu nähern.

Bild: GDV
Zum Vergrößern Bild klicken (Bild: GDV)

VersicherungsJournal: Um das Solvenzziel zu erreichen, dürfen auch Übergangsmaßnahmen für die nächsten 16 Jahre angewendet werden. Wie wirken sich diese aus?

Klages: Die Kennzahlen wurden sowohl mit als auch ohne Übergangsmaßnahmen und Volatilitätsanpassung berechnet. Und dabei zeigten sich teils schon extreme Unterschiede. Die SV Sachsen Leben beispielsweise kommt inklusive aller Maßnahmen auf eine SCR-Bedeckungsquote von 1.391 Prozent. Der Marktdurchschnitt beträgt dabei 420 Prozent.

Bleibt die Volatilitätsanpassung unberücksichtigt, so dass nur das Rückstellungs-Transitional in die Berechnung einfließt, kommt die SV Sachsen auf 1.207, der Durchschnitt auf 343 Prozent. Die „nackte“ Größe ohne alle Maßnahmen beträgt für den Dresdner Versicherer noch 309 Prozent und für den Marktmittelwert 196 Prozent.

VersicherungsJournal: Wie viele Lebensversicherer haben denn Übergangsmaßnahmen genutzt? Und wie viele hätten es ohne die Übergangsmaßnahmen nicht über die 100-Prozent-SCR-Quote geschafft?

Klages: Von den 80 untersuchten Lebensversicherern wendeten 45 die Übergangsmaßnahmen für versicherungstechnische Rückstellungen gemäß § 352 VAG und die Volatilitätsanpassung nach § 82 VAG an. Zehn Lebensversicherer nutzten ausschließlich die Übergangsmaßnahme für versicherungstechnische Rückstellungen. Weitere zehn Unternehmen bedienten sich als einzige Maßnahme der Volatilitätsanpassung. Die Übergangsmaßnahme für risikofreie Zinssätze gemäß § 351 VAG wurde nur von der WWK Lebensversicherung a.G. in Kombination mit der Volatilitätsanpassung angewendet.

In Summe verwendeten also 56 Lebensversicherer die Volatilitätsanpassung, 55 Lebensversicherer die Übergangsmaßnahmen für versicherungstechnische Rückstellungen und ein Lebensversicherer die Übergangsmaßnahme für risikofreie Zinssätze. Ohne jegliche Hilfs- und Übergangsmaßnahmen erreichten 22 Lebensversicherer zum 31. Dezember 2016 die Bedeckungsquote von 100 Prozent nicht. Aber genau für diese Situation wurden die Hilfsmaßnahmen erarbeitet, um den Gesellschaften den Übergang vom alten ins neue Aufsichtsregime zu erleichtern.

VersicherungsJournal: Kann man Lebensversicherer, die es ohne Long-Term-Guarantee-Maßnahmen (kurz LTG) nicht geschafft hätten, als Vermittler seinem Kunden noch empfehlen?

Klages: Einfaches Schwarz-Weiß-Denken hilft hier nicht weiter. Die Höhe der Solvency-ll-Quote ergibt sich aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren. Diese können bewusst gewählt und damit nicht Ausdruck wirtschaftlicher Not sein. Beispielsweise begründen die DEVK Versicherungen ihre niedrigen Quoten mit der starken Anlage in Aktien und Immobilien.

Während Staatsanleihen, die sicherlich nicht risikolos sind, wie die jüngste Vergangenheit beweist, mit „Null“ in die Kapitalberechnung eingehen, muss für Aktien und Immobilien viel Eigenkapital bereit gehalten werden. Wenn es gut läuft, bringen diese Anlageklassen höhere Erträge als Staatsanleihen. Davon können dann auch die Versicherten profitieren.

Sollte man also Gesellschaften mit niedrigen Quoten meiden? Mitnichten. Vielmehr ist es gerade jetzt zu Beginn der neuen Kapitalanforderungen auch eine Aufgabe der Versicherer und Vermittler, die Kunden im unternehmens-individuellen Einzelfall über Besonderheiten zu informieren, die nachhaltig auf die Höhe der Bedeckungsquoten wirken.

Einfaches Schwarz-Weiß-Denken hilft hier nicht weiter. Die Höhe der Solvency-ll-Quote ergibt sich aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren.

VersicherungsJournal: Ein Unternehmen hat der Bafin sowohl einen Sanierungsplan nach § 134 VAG als auch einen Finanzierungsplan nach § 135 VAG vorlegen müssen, hat die Aufsicht kürzlich gemeldet (VersicherungsJournal 12.6.2017). Einen Namen hat sie nicht genannt. Wer ist dieses Unternehmen?

Klages: Das hat sich uns bei der Durchsicht der SFCR-Berichte leider auch nicht erschlossen. Die sogenannte „Nichteinhaltung der Mindestkapital-Anforderung und die Nichteinhaltung der Solvabilitätskapital-Anforderung“ ist zwar Bestandteil des SFCR-Berichterstattung. Allerdings nur für den Fall, dass die Unterdeckung zum Berichtsstichtag, in diesem Fall dem 31. Dezember 2016, bestand. Kam es im Laufe des Geschäftsjahres zu einer Nichteinhaltung der Kapitalanforderungen und musste deshalb ein Maßnahmenplan nach § 353 VAG bei der Aufsicht vorgelegt werden, so ist darauf nach Rückfrage bei der Bafin im SFCR-Bericht nicht ausdrücklich hinzuweisen.

Einerseits wäre es für den Stand der Dinge unter Solvency II hilfreich, zu wissen, welche Gesellschaften genau Maßnahmenpläne nach § 353 VAG und Sanierungs- und Finanzierungspläne nach den Paragraphen 134 und 135 VAG bei der Aufsicht einreichen mussten. Andererseits ist es durchaus verständlich, wenn manche Details nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Die ohnehin angespannte Situation eines Versicherers wird dann zumindest durch die öffentliche Berichterstattung nicht noch weiter verschlechtert.

VersicherungsJournal: Sind Solvency l und Solvency ll vergleichbar?

Klages: Nein. Solvency II basiert auf einem völlig anderen Bewertungssystem. Hier geht es jetzt nicht mehr um einen buchwertbasierten Ansatz, sondern um eine marktwertbasierte Bewertung – das betrifft sowohl die Aktiv- als auch die Passivseite. Eine hohe Solvency-l-Quote ist kein Garant für ein gutes Abschneiden bei Solvency ll.

VersicherungsJournal: Woran liegt das genau?

Klages: Das liegt an einer Reihe von Faktoren – beispielsweise an den langfristigen Garantien. Unternehmen, die stark im klassischen Garantiegeschäft unterwegs waren und sind, müssen dieses nach Solvency ll mit mehr Eigenkapital unterlegen. Aber auch eine stärkere Ausrichtung auf vermeintlich risikoreichere Kapitalanlagen erfordert nun mehr Eigenkapital als zuvor.

VersicherungsJournal: Die Bafin hat ja mehrfach davor gewarnt, Solvency-ll-Quoten vertrieblich zu nutzen. Wie soll denn nun der Vermittler mit diesen Quoten umgehen?

Als Vermittler ist man sicherlich nicht gut beraten, wenn man einen Versicherer wegen einer hohen Quote verkauft, die beim nächsten Quartals-Check deutlich niedriger ist.

Klages: Ich würde zunächst zur Vorsicht raten. Aber manche Gesellschaften haben sofort Pressemitteilungen zu ihren tollen Quoten versendet. Bei der Entwicklung der Kennzahlen wurde immer darauf hingewiesen, dass diese sehr viel volatiler sein werden als die Solvency l-Quoten. Das liegt auch an den der Bewertung zugrundeliegenden Marktwerten.

Als Vermittler ist man sicherlich nicht gut beraten, wenn man einen Versicherer wegen einer hohen Quote verkauft, die beim nächsten Quartals-Check deutlich niedriger ist. Besser ist es, wenn man sich die Unternehmen wie bisher auch in ihrer Gänze ansieht und möglichst auch noch nachvollziehen kann, warum eine entsprechende Quote hoch oder niedriger ist. Dann kann man auch dem Kunden gegenüber bei Veränderungen besser argumentieren.

VersicherungsJournal: Was macht denn der Map-Report künftig wann und wie mit diesen Quoten?

Klages: Der erste Map-Report zu diesem Thema ist bewusst einfach gehalten und soll einen Überblick über die Bedeckungsquoten der deutschen Lebens- und privaten Krankenversicherer bieten. Gut möglich, dass unsere zukünftigen Publikationen deutlich tiefer in das Thema eintauchen.

Auch in unseren LV- und PKV-Ratings war die Solvabilitätsquote bisher für den Bilanzteil bewertungsrelevant. Ob es dabei bleibt, ist noch nicht entschieden. Die Rating-Saison startet erst wieder im Herbst. Bis dahin haben wir noch etwas Zeit, uns darüber die Köpfe zu zerbrechen.

Die Fragen stellte

WERBUNG
Was zahlen die Versicherer ihren Vermittlern?
Wie viel Provision erhält ein Versicherungsvermittler? Aktuelle Umsatz- und Gewinnzahlen im Vertrieb finden Sie in der Marktübersicht „Provisionen und Courtagen 2017”...
 
WERBUNG
Leserumfrage unterstützen und 500-Euro-Gutschein gewinnen
Bild: Pixabay, CC0

Helfen Sie dem VersicherungsJournal, noch besser zu werden und beantworten Sie die aktuelle Leserumfrage.

Als Dankeschön werden sechs wertvolle Preise verlost, darunter ein 500-Euro-Gutschein, der bei zahlreichen Anbietern einlösbar ist.

Hier mitmachen!                (Bild: Pixabay, CC0)

WERBUNG
WERBUNG
Von welchen Gesellschaften wollen die Vertreter weg?

Wie steht es um die Wechselbereitschaft in der Versicherungswirtschaft?

Neue Erkenntnisse der Studie „Betriebswirtschaftliche Struk- turen des Versicherungsver- triebs – BVK-Strukturanalyse 2016/2017“ erfahren Sie hier.

VersicherungsJournal in Social Media

Besuchen Sie das VersicherungsJournal auch in den sozialen Medien:

  • Facebook – Ausgewähltes für den Vertrieb
  • Twitter – alle Nachrichten von VersicherungsJournal.de
  • Xing – über den Verlag
  • Xing News – Ausgewähltes zu Karriere und Unternehmen
  • Youtube – Hintergründe zum Buchprogramm
WERBUNG
Keine Angst vorm Zahnarzt!

Fondsverkauf einfach gemacht

Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich auf eine Zielgruppe zu spezialisieren?

Welche Vorteile eine Spezialisierung besonders in Bezug auf Zahnärzte bietet, erfahren Sie hier.

Ihr Wissen und Ihre Meinung sind gefragt

Ihre Leserbriefe können für andere Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein. Bitte schreiben Sie Ihre Kommentare unter den Artikel in das dafür vorgesehene Eingabefeld.

Die Redaktion freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt ist. Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu. Schreiben Sie bitte an redaktion@versicherungsjournal.de.

Allgemeine Pressemitteilungen erbitten wir an meldungen@versicherungsjournal.de.

Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
24.4.2015 – Die (Referenz-) Zinsen fallen schneller und stärker als erwartet – damit wachsen die Belastungen für die Lebensversicherer immens. Die Deutsche Aktuarvereinigung und Bafin-Chef Felix Hufeld haben sich zur deren Leistungsfähigkeit geäußert. (Bild: DAV) mehr ...
 
10.7.2017 – Der aktuelle Map-Report gibt Aufschluss über die Höhe der neuen Solvenz-Bedeckungsquoten. Wie sich die Marktgrößen in der privaten Krankenversicherung geschlagen haben. (Bild: Wichert) mehr ...
 
12.6.2017 – Die Bafin hat eine erste Übersicht zu den Solvency-ll-Quoten vorgelegt: Die Eigenkapitaldecke sieht für die Lebensversicherer nur auf den ersten Blick ausreichend aus. Ohne Übergangsmaßnahmen reißt ein Viertel zum Stichtag die Hürde. mehr ...
 
13.4.2017 – Beim Verwaltungskostensatz gibt es eine große Spannbreite zwischen den deutschen privaten Krankenversicherern. Welche Gesellschaften auf Fünfjahressicht zu den Spitzenreitern beziehungsweise zu den Schlusslichtern der Branche gehören. (Bild: Wichert) mehr ...
 
28.2.2017 – Im aktuellen PKV-Rating hat die Map-Report-Redaktion 17 Anbieter in den Bereichen Bilanz, Service und Vertrag untersucht. Wie die einzelnen Versicherungs-Gesellschaften abgeschnitten haben. (Bild: VersicherungsJournal) mehr ...
 
27.2.2017 – In der Neuauflage des PKV-Ratings wurde die Bewertung überarbeitet. Mit neuen Kriterien für den Bilanz-, Service- und Vertragsteil gibt es Modifikationen für alle drei Teilbereiche. (Bild: VersicherungsJournal) mehr ...
 
1.2.2017 – Die Belastungen aus der Zinszusatzreserve steigen. Eine Reihe von Versicherern nutzt einer Studie der Assekurata zufolge bereits bilanzielle Erleichterungen zur Finanzierung. (Bild: Lier) mehr ...
WERBUNG