Niedrigzins und neues Gesetz schütteln bAV durcheinander

8.9.2017 – Das Betriebsrenten-Stärkungsgesetz bringt erstmals das Ansparen auf Altersleistung ohne Garantie – als Zielrente. Der Arbeitgeber muss nicht mehr für die Rentenhöhe haften. Das erspart Garantiekosten und erhöht die Chance auf höhere Renditen. Somit könnten bAV-Fondspolicen vor dem Durchbruch stehen.

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Der Markt der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) steht durch das Betriebsrenten-Stärkungsgesetz (BRSG) womöglich vor einem Paradigmenwechsel, denn die neue Sozialpartner-Betriebsrente wird die klassische bAV wohl unter Druck setzen (VersicherungsJournal 5.9.2017).

Gleichwohl gewinnt die Kostenfrage in der bAV wie auch bei klassischen Lebensversicherungen hohe Priorität, denen 2018 eine erneute Provisionskürzung droht (VersicherungsJournal 4.9.2017).

Laufende Durchschnittsverzinsung gesunken

Die Krux in der bAV: Je niedriger die Zinsen sind, desto mehr müssen Arbeitnehmer für Produkte mit vollständiger Garantie aufwenden. Am Ende schmilzt die Rendite häufig auf weniger als drei Prozent, Tendenz fallend. Damit geraten Arbeitgeber mitunter in die Gefahr von Nachschüssen mit eigenem Geld, wenn die laut dem Gesetz zur Verbesserung der betrieblichen Altersversorgung gesicherten Leistungen vom Versorgungsträger nicht erreicht werden.

Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. So ist die laufende Durchschnittsverzinsung der deutschen Lebensversicherung 2016 auf 3,35 Prozent gesunken (2015: 3,64 Prozent). Das geht aus der Publikation „Die deutsche Lebensversicherung in Zahlen 2017“ (PDF-Datei, 3,4 MB) hervor, die der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) Anfang Juli veröffentlicht hat (VersicherungsJournal 15.8.2017).

Die laufende Durchschnittsverzinsung erfasst alle laufenden Erträge beziehungsweise Aufwendungen aus Kapitalanlagen. Damit bleiben außerordentliche Erträge und Aufwendungen, etwa Gewinne aus dem Verkauf von Vermögensanlagen und Abschreibungen aufgrund von Kursverlusten, unberücksichtigt.

2017 dürfte wegen der anhaltend niedrigen Zinsen, die die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt weiter bis mindestens zum Herbst festgeschrieben hat, das Anlageergebnis der Lebensversicherer weiter sinken.

Nachhaltige Lebensversicherer-bAV

Ende 2016 bestanden 89,3 Millionen Verträge bei Lebensversicherern, Wettbewerbs-Pensionskassen und Pensionsfonds der Lebensversicherer. 15,5 Millionen dieser Verträge sind der bAV zuzurechnen (plus 1,4 Prozent).

Für Neuanlagen standen im vergangenen Jahr brutto knapp 179 Milliarden Euro (2015: 156 Milliarden Euro) zur Verfügung. „Der nachhaltige Aufbau dieses Kapitalstocks ist die Grundlage einer generationengerechten Vorsorge“, sagt Dr. Peter Schwark, Mitglied der GDV-Geschäftsführung und zuständig für Altersvorsorge und Zukunftssicherung.

Die erfolgreiche Bewirtschaftung der Kapitalanlagen machte 2016 eine Ersparnisbildung für die Kunden überhaupt erst möglich: Obwohl die Lebensversicherer eine Milliarde Euro mehr auszahlten als sie an Beiträgen einnahmen, konnten dennoch deutlich über 20 Milliarden Euro an Ersparnissen gebildet werden.

Die Kapitaldeckung ist somit eine besondere Form der Zukunftsvorsorge: „Sie ist die einzige Möglichkeit, die Ansprüche künftiger Rentner vorzufinanzieren”, betont Schwark. Dennoch hinterlässt die von der EZB verfolgte Niedrigzinsphase seit 2008 bei den Ablaufleistungen der Lebensversicherer ebenso deutliche Spuren wie bei den Überschussbeteiligungen für die Vorsorgesparer.

Weniger Garantien, aber Zielrentenkorridor

Einen Ausweg beschreibt Fabian von Löbbecke, Vorstandsvorsitzender der Talanx Pensionsmanagement und verantwortlich für bAV beim HDI-Konzern. Der studierte Mathematiker rechnet vor: Um die Versorgungslücke zu schließen, benötigt ein Durchschnittsverdiener (35) mit 67 einen Kapitalbedarf von rund 154.000 Euro. Bei 4,0 Prozent Anlagezins schafft er dies mit 200 Euro Monatsbeitrag.

Bei lediglich 0,25 Prozent Zins müsste er aber 385 Euro und damit fast das Doppelte einzahlen. Da die Zinssituation vorläufig wohl so bleibt, „könnte man mit abgesenkten Garantien die Produktrendite deutlich steigern“, sagt der Experte.

Folge: Bei 50 Prozent Garantieniveau – statt 100 Prozent über die gesamte bAV-Vertragslaufzeit – steigt die Chance auf einen Mehrertrag laut Löbbecke um 46 Prozent. „Dabei ist das Risiko für den Arbeitnehmer überschaubar trotz riskanterer Kapitalanlage, weil man in der bAV ohnehin nicht jederzeit über sein Geld verfügen kann, sondern im Prinzip erst ab 62“, betonte Löbbecke.

Daher seien hohe garantierte Rückkaufswerte während der Ansparphase gar nicht nötig, sondern bedarfsgerechte Garantien besser, etwa eine garantierte Leistung erst zu Rentenbeginn. Damit wiederum könnten auch die Arbeitgeber sehr gut leben.

Fondsgebundene Produkte unterschiedlicher Couleur

Die avisierte Zielrente, die mit dem BRSG nun ab Januar möglich wird, dürfte den Trend zu bAV-Produkten ganz ohne Garantien verstärken (VersicherungsJournal 28.8.2017, 31.8.2017). Damit eröffnen sich für fondsgebundene Produkte auch in der bAV neue Perspektiven.

Deutsche Fondspolicen sind in der Regel auch jetzt noch mit geringen Garantien ausgestattet. Garantiert ist insbesondere der Rentenfaktor – oft zwischen 25 und 30 Euro pro 10.000 Euro Fondsguthaben –, quasi eine Mindestrente. Beim „Signal Iduna Global Garant Invest“ kommt ab 25 Jahren Laufzeit noch eine Garantie für alle eingezahlten Beiträge hinzu.

Das Geschäft konzentriert sich aber vor allem (VersicherungsJournal 1.8.2017) auf

Zwei Anbieter mit angelsächsischen Wurzeln

Nur zwei angelsächsische Anbieter – die Canada Life Assurance Europe plc, Niederlassung für Deutschland und die Standard Life Versicherung Zweigniederlassung Deutschland der Standard Life Assurance Limited – schaffen nennenswerte Marktanteile. Die Angelsachsen kommen bewusst fast ohne Garantien aus.

Die Unitised-With-Profits-Produkte von Canada Life erreichten seit dem Start 2004 durchschnittlich 6,1 Prozent Wertentwicklung pro Jahr. Weil die Ergebnisse jedes Jahr geglättet werden, können Kunden auch in schlechten Börsenjahren Gewinne verbuchen. Garantiert sind ein Prozent Mindestwertentwicklung und der Beitragserhalt zu Rentenbeginn.

Gar keine Garantien gibt es bei Standard Life. Deren Multi-Asset-Fondsfamilie „Myfolio“ kommt seit dem Start 2012 auf 4,5 bis 8,7 Prozent jährliche Wertentwicklung – je nach Risikoprofil in den inzwischen fünf Portfolien.

Komplizierte Materie erfordert solide Beratung

In der Zielrente, die Sozialpartner nun modellieren sollen, steckt viel Perspektive und Potenzial. In den letzten 20 Jahren hätte eine Zielrente mindestens das Doppelte gegenüber Angeboten mit Garantien gebracht, rechnete Karsten Tacke vor, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Kollektives Sparen lasse Glättungsmechanismen zu, die die Volatilität der Kapitalanlage verträglich mache. Die reine Beitragszusage ist nur die Basis, doch die Zielrente zeige den Performance-Korridor.

Bild: Gesamtmetall
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Auch nicht-tarifgebundene Klein- und Mittelbetriebe sollen in das Sozialpartnermodell einbezogen werden. Arbeitgeber dürften sich aber ohne vernünftige Beratung durch Experten kaum mehr in Sachen bAV engagieren. Günstig: Kleine Firmen müssen nicht einem Arbeitgeberverband beitreten, sondern können auf den bAV-Tarifvertrag ihrer Branche Bezug nehmen. Rosinenpickerei ist jedoch ausgeschlossen, betont Tacke. „Die Bezugnahme erfasst immer den gesamten bAV-Tarifvertrag mit allen Regelungsinhalten, also alles oder nichts.“

Aufgrund verbesserter bAV-Förderung, etwa für Geringverdiener (VersicherungsJournal 20.6.2017), haben spezialisierte bAV-Berater deutlich mehr Umsatzpotenzial. Doch über das Thema „Berater und Beratungskosten beim Sozialpartnermodell“ wurde im BRSG kein Wort verloren (VersicherungsJournal 16.8.2017). Dies schien der Politik trotz schlechter Erfahrungen mit der Riester-Rente, die erst nach Erhöhung der Vertriebsvergütungen durchstartete, nicht relevant.

Leserbriefe zum Artikel:

Frank Schmidt - Extrem neoliberale Blindheit. mehr ...

Gabriele Fenner - Auf der Strecke bleiben wie immer die anderen. mehr ...

 
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