Neue „Golden BU“ bekennt sich zu einer ungeliebten Zielgruppe

19.5.2017 – Die LV 1871 hat ihre Berufsunfähigkeits-Versicherung überarbeitet und im Tarif „Golden BU“ das Eintrittsalter auf zehn Jahre gesenkt. Schüler gelten als berufsunfähig, wenn sie voraussichtlich sechs Monate zu mindestens 50 Prozent außerstande sind, am regulären Schulunterricht teilzunehmen. Auf eine abstrakte oder konkrete Verweisung auf einen anderen Schultyp wird verzichtet, erklärt Makler Philip Wenzel in seinem Gastbeitrag.

WERBUNG

In der Wahrnehmung der Mehrheit ist die Hauptaufgabe der Versicherer, im Fall der Fälle zu leisten. Um das auch zuverlässig anbieten zu können, ist es schon lange vor einem möglichen Schadenfall eine wichtige Aufgabe der Versicherer, ein stabiles Kollektiv zu bilden, in dem sich die Risiken gut verteilen.

Philip Wenzel (Bild: Köhler)
Philip Wenzel (Bild: Köhler)

Dem Laien erscheint es zumindest merkwürdig, dass einzelne Versicherer bei der Bewertung der Risiken teilweise sehr weit auseinandergehen können. Und auch der Fachmann wundert sich.

Die Lebensversicherung von 1871 a.G. München (LV 1871) hat jetzt in ihrer neuen „Golden BU“ den Schüler, der dem Rest der Branche zum größten Teil nicht sonderlich attraktiv erscheint, besser gestellt als den gewöhnlichen Erwerbstätigen. Ob aus Versehen oder mit voller Absicht, lässt sich nur spekulieren.

Verzicht auf Verweisung

Zunächst ist die Berufsunfähigkeit (BU) bei Schülern sehr nahe an der allgemeinen BU definiert. Es wird auf den regulären Schulunterricht verwiesen, so wie er zuletzt ohne gesundheitliche Beeinträchtigung stattgefunden hat.

Damit ist eine mögliche Verweisbarkeit auf andere Schulformen – insbesondere sonderpädagogische Betreuung und Inklusion – ausgeschlossen. Um das zu unterstreichen, wird weiter unten in den Allgemeinen Versicherungs-Bedingungen (AVB) explizit auf eine abstrakte und konkrete Verweisung auf andere Schultypen verzichtet.

Schulweg wird berücksichtigt

Nun geht aber die LV 1871 einen guten Schritt weiter und stellt auf den konkreten Schulalltag des betroffenen Schülers ab. Dabei wird ausdrücklich der Schulweg berücksichtigt. Das ist im Einzelfall sicherlich entscheidend und stellt im Vergleich zu der allgemeinen BU-Versicherung eine große Verbesserung dar.

Denn bei der Bewertung des Berufsunfähigkeits-Grades spielt die sogenannte Wegefähigkeit keine Rolle. Der zuletzt ausgeübte Beruf beginnt sozusagen am Arbeitsplatz. Würde Ähnliches wie der Schulweg in die Bewertung mit einfließen, müsste der Versicherer konsequenterweise im Antrag nach der Länge und Beschaffenheit des Arbeitsweges fragen.

Bei der LV 1871 ist also der Schüler, der vom Dorf zu Fuß zum Bus, mit dem Bus zum Bahnhof, mit dem Zug in die Stadt und dort mit der Straßenbahn zur Schule fährt, ein deutlich höheres Risiko als bei anderen Versicherern.

Zusätzlich zum Schulweg berücksichtigt der Versicherer die Beschaffenheit des Schulgebäudes. Auch interessant ist, dass bei späteren Nachversicherungen grundsätzlich der Beruf bei Vertragsabschluss zugrunde gelegt wird. Der Münchener Lebensversicherer bekennt sich also sehr deutlich zu dieser ungeliebten Zielgruppe.

Lebenslange Leistung bei BU

Zusätzliche Optionen lassen sich vertrieblich ebenfalls auf den Schüler ausrichten. Die LV 1871 ist zum Beispiel einer der wenigen Versicherer am Markt, die eine lebenslange Leistung bei Berufsunfähigkeit anbieten. Das kann für Schüler interessant sein, die bis dato noch nicht die Gelegenheit hatten, ein Vermögen aufzubauen, um ein lebenslanges Einkommen zu sichern.

Es scheint aber grundsätzlich sinnvoller zu sein, hier eine Rentenversicherung mit Beitragsbefreiung bei BU anzubieten, zumal die Berufsunfähigkeit zwischen dem 50. Lebensjahr und dem Vertragsende ununterbrochen vorliegen muss. Das wird nur bei den wenigsten Schülern der Fall sein.

Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass eine lebenslange Leistung aus der BU-Versicherung wie eine Rentenversicherung mit dem Ertragsanteil versteuert wird, was bei geringem Eintrittsalter nachteilig wäre.

Inwieweit hier Spielraum bestünde, die Leistung bis Vertragsende wie eine abgekürzte Leibrente nach § 55 EStDV zu versteuern und erst anschließend den Ertragsanteil nach § 22 EStG anzusetzen, darf ein Steuerberater im Leistungsfall klären.

Unfall als Auslöser

Auch die erhöhte Leistung bei einer BU, die durch einen Unfall ausgelöst wurde, zielt eher auf jüngere Menschen ab. In den ersten Lebensjahren ist schließlich laut Statistik der Unfall als Auslöser statistisch wahrscheinlicher. Es erschließt sich aber nicht vollkommen, warum der finanzielle Bedarf in diesem Fall höher wäre.

Uneingeschränkt für alle Altersgruppen sinnvoll ist der bedingungsgemäß festgeschriebene Anspruch auf Unterstützung im Leistungsfall. Jeder, der hier durch seinen Vermittler oder durch spezialisierte Versicherungsberater unterstützt wird, darf sich glücklich schätzen. Wer auf sich alleine gestellt ist, sollte dieses Angebot auch annehmen.

Optionen zu Pflege und Arbeitsunfähigkeit

Auch der neue Pflegebaustein ist bedarfsgerecht und im Vertrieb interessant. Hier kann ab dem zehnten Versicherungsjahr eine Pflegerente ohne erneute Gesundheitsprüfung abgeschlossen werden.

Der große Vorteil bei der LV 1871 im Vergleich zu vielen Mitbewerbern liegt darin, dass es keine Stichtage gibt, zu denen die Option gezogen werden kann. So könnte der Versicherte, der gerade im Freundeskreis oder in der Familie die finanziellen Folgen einer Pflegebedürftigkeit beobachten musste, sofort für sich vorsorgen.

Die Arbeitsunfähigkeits-Klausel leistet für insgesamt 18 Monate und verzichtet auf gleichzeitige Beantragung der BU-Rente. Damit gehört sie zu den kundenfreundlicheren AU-Klauseln am Markt. Ein besonderes Highlight ist die Beitragsbefreiung schon ab einer Krankschreibung von sechs Wochen.

Große Beitragsspreizung

Auch insgesamt sind die AVB sehr kundenfreundlich geschrieben. Was aber in jeder Beratung erklärt werden muss, ist die große Spreizung zwischen den Brutto- und Netto-Beiträgen. Auch hier kann über die Hintergründe nur spekuliert werden.

Für einen relativ kleinen Versicherer, der seinen Schwerpunkt im Lebensversicherungs-Geschäft hat, erscheint es aber zumindest erklärbar sinnvoll, sich hier mit einer größeren Spreizung Spielraum zu verschaffen. Es ist wahrscheinlich sogar aus seiner Sicht transparenter, als auf den Paragrafen § 163 VVG zur Neufestsetzung einer Prämie oder sogar § 314 VAG zum Zahlungsverbot zu spekulieren.

Alles in allem betrachtet ist die LV 1871 nicht nur, aber vor allem für Schüler eine attraktive Alternative, die guten Schutz und Möglichkeiten zur Steigerung desselben bietet.

Der 15-jährige Realschüler zahlt für 1.000 Euro Rente bis 67 und ein Prozent Leistungsdynamik 55,95 Euro (Brutto 103,62 Euro). Der 37-jährige Bürokaufmann zahlt als verheirateter Nichtraucher 85,96 Euro (Brutto 159,18 Euro), der Mechatroniker zahlt 108,05 Euro (Brutto 200,10 Euro) monatlich.

Philip Wenzel

Der Autor ist Fachwirt für Versicherungen und Finanzen (IHK) und für die Freche Versicherungsmakler GmbH & Co. KG tätig.

 
WERBUNG
WERBUNG
Eine interessante Zielgruppe verstehen

Worauf müssen Versicherungsvermittler achten, wenn sie sich auf die Zielgruppe Apotheker spezialisieren wollen? Antworten finden Sie in der „Zielgruppenanalyse Apotheker“.

Mehr Informationen zur zweiten, neu bearbeiteten Auflage und zur Bestellung ...

VersicherungsJournal in Social Media

Besuchen Sie das VersicherungsJournal auch in den sozialen Medien:

  • Facebook – Ausgewähltes für den Vertrieb
  • Twitter – alle Nachrichten von VersicherungsJournal.de
  • Xing – über den Verlag
  • Xing News – Ausgewähltes zu Karriere und Unternehmen
  • Youtube – Hintergründe zum Buchprogramm
WERBUNG
Die besten Vertriebstipps für Praktiker!

Fondsverkauf einfach gemacht

Warum nicht einfach Fonds verkaufen?

Wie Sie Kunden gewinnen und erfolgreiche Verkaufsgespräche führen.

Mehr Informationen und zur Bestellung...

Ihr Wissen und Ihre Meinung sind gefragt

Ihre Leserbriefe können für andere Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein. Bitte schreiben Sie Ihre Kommentare unter den Artikel in das dafür vorgesehene Eingabefeld.

Die Redaktion freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt ist. Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu. Schreiben Sie bitte an redaktion@versicherungsjournal.de.

Allgemeine Pressemitteilungen erbitten wir an meldungen@versicherungsjournal.de.

Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
27.3.2017 – Der Taschenkommentar von Dirk Looschelders und Petra Pohlmann nimmt einen eigenständigen Platz in der VVG-Literatur ein. Was das umfangreiche Werk bei Gesetzen, Urteilen und in den Sparten bietet, zeigt Makler Philip Wenzel. (Bild: Wolters Kluwer) mehr ...
 
23.2.2017 – Vor juristischen Gefahren bei Servicegebühren und Vermittlungshonoraren sowie ungeahnten Folgen der Umsetzung der EU-Vertriebsrichtlinie in deutsches Recht haben die Rechtsanwälte Jöhnke und Reichow auf ihrem Kongress gewarnt und Lösungswege aufgezeigt. (Bild: Meyer) mehr ...
 
17.2.2017 – In der Berufsunfähigkeits- (BU-) Versicherung verabschieden sich Versicherer reihenweise von risikoreichen Berufsgruppen. Wie die Universa in ihrem überarbeiteten Berufsunfähigkeits-Schutz damit verfährt, hat Philip Wenzel untersucht. (Bild: Köhler) mehr ...
 
6.2.2017 – Die Universa hat ihr Kindervorsorgekonzept, die Rürup-Rente und die BU verfeinert. Auch bei der LV 1871 ging es um die Zielgruppe Schüler. Neuerungen gibt es auch bei Produkten von Standard Life und Barmenia, wie ein Überblick des VersicherungsJournals zeigt. mehr ...
 
14.12.2016 – Der Berufsunfähigkeits- (BU-) Schutz des Lebensversicherers ist Maklers Liebling. Mit der neuen Produktversion von 2017 kann es bei einigen Zielgruppen zu erheblichen Beitragsaufschlägen kommen, so Levelnine-Experte Martin Seichter in einem Gastbeitrag. mehr ...
 
12.10.2016 – Die Umsetzung der IDD in nationales Recht könnte schon sehr bald eingeleitet werden. Auf einer Fachveranstaltung bekannte sich Bafin-Versicherungsaufseher Dr. Frank Grund zwar klar zum provisionsbasierten Vertrieb. Aber er hatte nicht nur gute Nachrichten im Gepäck. (Bild: Brüss) mehr ...
 
4.10.2016 – Der HDI hat seine Berufsunfähigkeits- (BU) Versicherung um einen Zusatzbaustein und Optionen ergänzt. Zudem wurde das Bedingungswerk überarbeitet. Die Neuerungen untersucht Makler Philip Wenzel in einem Gastbeitrag. (Bild: Köhler) mehr ...
 
11.4.2016 – Zur Absicherung der Arbeitskraft sind individuelle Lösungen gefragt. Mancher Tarif passt aber des Öfteren. Woran es liegt, zeigt Makler Philip Wenzel anhand des Berufsunfähigkeit- (BU-) Schutzes der Basler. (Bild: Köhler) mehr ...
 
4.4.2016 – Der Lebensversicherer hat seinen Berufsunfähigkeits- (BU-) Schutz überarbeitet und dabei ein für den Vermittler interessantes Service-Instrument eingeführt. Auch bei den Prämien tut sich einiges. Ein Gastbeitrag von Philip Wenzel. (Bild: Köhler) mehr ...