Ist das BU-Risiko tatsächlich selbst zu tragen?

13.9.2017 – Immer wieder werden Vermittler und Assekuranz mit Aussagen zu Versicherungsthemen konfrontiert, die an der Sache vorbei gehen oder einfach nur kurios sind. Da diese Ansichten manchmal öffentlich breite Kreise ziehen, ist es durchaus notwendig, sich damit sachlich auseinanderzusetzen, meint Makler Philip Wenzel. Er betrachtet in seinem Beitrag Aussagen zur Berufsunfähigkeits-Versicherung, die der IFF-Direktor Dr. Dirk Ulbricht einer Tageszeitung gegenüber gemacht hat.

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Wenn jemand fragwürdige Aussagen öffentlich von sich gibt, kann es auch einmal besser sein, den Mantel des Schweigens darüber auszubreiten und zur Tagesordnung überzugehen.

Philip Wenzel (Bild: privat)
Philip Wenzel (Bild: privat)

Wenn es aber um Fragen der großen Lebensrisiken geht, sollte zumindest der geneigte Versicherungsvermittler um Schadensbegrenzung bemüht sein.

Kurioses zum Thema Berufsunfähigkeit

Beim Thema Versicherungen fallen tagtäglich Aussagen, die lustig gemeint sein könnten. Ganz besonders häufig kommt dies bei der Berufsunfähigkeits- (BU-) Versicherung vor. Anscheinend fühlen sich hier viele Menschen mit sehr unterschiedlichem Wissenshintergrund dazu berufen, komisches Zeug zu sagen oder zu schreiben.

Gerade wieder macht ein Artikel der Augsburger Allgemeinen die Runde, in dem Dr. Dirk Ulbricht, der seines Zeichens Direktor des Instituts für Finanzdienstleistungen e.V. (IFF) ist, Kurioses zum Thema erläutert. Er behauptet, die Berufsunfähigkeits-Versicherung sei „eine reine Statusabsicherung“. Es wäre sinnvoller, das Geld zu sparen, da die Rente einen ganz sicher erwische, während bei der BU-Versicherung nicht klar sei, „[ob] ich die Versicherung wirklich in Anspruch nehmen muss […]“.

Die größte Erheiterung in der Branche löste eine Rechnung Ulbrichts aus. Wer 24.000 Euro gespart habe, könne sich zwei Jahre lang 2.000 Euro entnehmen. Irren ist ja bekanntlich menschlich. Deswegen ist es durchaus im Bereich des Möglichen, dass hier zu mehr Menschlichkeit in der Welt beigetragen werden sollte.

Möchte man sich aber ernsthaft mit der aufgestellten These auseinandersetzen, muss man alles auch ernsthaft untersuchen. Das soll im Folgenden geschehen.

Das IFF-Sparmodell

Am schwierigsten fällt es, bei der wahrscheinlich falschen Rechnung ernst zu bleiben. Es bestünde zwar die unwahrscheinliche Möglichkeit, dass Ulbricht mit einem Zins von etwa 80 Prozent bei Kapitalverzehr rechnet. Doch höchstwahrscheinlich handelt es sich um ein schlimmes Versehen, das zudem von der Zeitungsredaktion nicht als solches erkannt worden ist.

Die Aussage an sich ist aber schon bewertbar. Eine Absicherung des Einkommens sei über eine Rücklage in Höhe von 24.000 Euro (oder waren 48.000 Euro gemeint?) darzustellen. Zunächst einmal erscheint es unrealistisch, dass ein 25-jähriger Industriemechaniker durchschnittlich über eine dieser Summen verfügt. Sollte dieser Weg aber eine Alternative zur BU-Versicherung sein, müsste er eben auch realistisch begehbar sein.

Es wäre möglich, wenn er ab seinem 16. Lebensjahr Geld verdient. Dann muss er bei unterstellten fünf Prozent (!) Zinsen monatlich 350 Euro auf die Seite packen. Hat er von Weihnachten und Geburtstagen noch 2.500 Euro auf der Bank, wären nur 325 Euro im Monat nötig, um 48.000 Euro zu generieren.

Alternative Lösungen mit Versicherungsschutz

Die Wahrscheinlichkeit, zwischen dem 16. und dem 25. Lebensjahr berufsunfähig zu werden, ist überschaubar, eine Schadeneintritts-Wahrscheinlichkeit ist aber gerade im Bereich der psychischen Erkrankungen durchaus vorhanden. Doch gehen wir einmal davon aus, der Kunde ist mündig, um seine Risikosituation hier richtig einzuschätzen, und er entscheidet sich dafür, den Weg des IFF zu gehen und zu sparen.

Dann wird er ab dem 25. Lebensjahr sein Einkommen für zwei Jahre selbst absichern können.

Investiert er aber den Betrag, den er ohne Zinsen für den IFF-Weg benötigte, mit 16 in eine Berufsunfähigkeits-Versicherung, kann er sich Schutz bis zum 59. Lebensjahr leisten und erhält dann gegebenenfalls sogar Überschüsse in Höhe von circa 97.000 Euro zurück.

Hat er das Geld aber nicht als Einmalbeitrag, könnte er sich individualisierten Schutz bis zum 59. Lebensjahr leisten mit einer Leistungsdauer bis zum 67. Lebensjahr. Die monatliche Investition läge bei etwas über 80 Euro, was in der Summe auch den erwähnten 48.000 Euro entspräche. Er bekommt nur nichts zurück. Es handelt sich aber auch um eine Risikoversicherung. Ob sich das Risiko verwirklicht, bleibt tatsächlich offen.

Grundsätzliches nicht berücksichtigt

Die zweite Aussage von Ulbricht, dass man nicht wisse, ob man die Versicherung tatsächlich brauche, zeigt schon eher, dass hier Grundsätzliches nicht berücksichtigt worden ist.

Das Wesen eine Versicherung besteht eben gerade darin, dass ein Risiko versichert wird, dessen Eintritt zwar wahrscheinlich, aber eben nicht sicher ist. Sonst würde die Versicherung genau das kosten, was der Schadenhöhe entspricht, plus Verwaltungs- und Abschlusskosten. Das wäre übrigens kein gutes Geschäft für den Verbraucher.

Funktionsweise von Versicherungen nicht erkannt

Noch mehr Kopfschütteln verursacht die Aussage, dass der Renteneintritt sicher sei. Das ist zunächst einmal falsch, weil es durchaus Fälle gegeben hat, in denen vorsorgende Menschen schon vor dem Renteneintritt gestorben sind. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.

Aber es zeigt sich hier eine Unkenntnis der Funktionsweise von Versicherungen. Das Risiko, das eine Rentenversicherung abdeckt, ist nicht der Renteneintritt, sondern die Langlebigkeit. Also, dass man älter wird, als die Versicherungsmathematik das kalkuliert hat.

Generell ist es in Ordnung, ja sogar hilfreich, eine einheitlich bestehende Meinung immer wieder einmal zu hinterfragen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Fehlentwicklungen nicht rechtzeitig erkannt werden und sich die Dinge zum Schlechten wandeln. Aber die Argumente, die hier vorgebracht werden, sind bei einer ernsthaften Prüfung nicht haltbar.

Philip Wenzel

Der Autor ist Fachwirt für Versicherungen und Finanzen (IHK) und für die Freche Versicherungsmakler GmbH & Co. KG tätig.

Leserbriefe zum Artikel:

Alexander Sindermann - Zumindest regt das zum Nachdenken über Handlungsalternativen an. mehr ...

Martin Wiedenmann - Nachdenken und ein kleiner Taschenrechner helfen sehr. mehr ...

Schlagwörter zu diesem Artikel
Berufsunfähigkeit · Rente · Versicherungsvermittler
 
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