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Es kommt (wie immer) auf das Kleingedruckte an

24.10.2017 – Spätestens seit dem schweren Unglück auf der Wiehltalbrücke 2004 schließen deutsche Autofahrer Deckungssummen von 50, besser noch 100 Millionen Euro ab. Doch die gelten nicht immer, wie allzu leicht übersehen wird.

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Monika Lier (Bild: Lier)
Monika Lier (Bild: Lier)

Der Bund der Versicherten e.V. (BdV) hat jüngst bei seinen Verbrauchertipps rund um den Kfz-Wechseltermin darauf hingewiesen, dass die Mindestversicherungs-Summen aus dem Pflichtversicherungs-Gesetz mit 1,12 Millionen Euro für Sachschäden „viel zu niedrig“ seien.

Deutlich mehr als Pflicht

„Unsinnige Kritik“, mag sich da mancher gedacht haben. Denn in den letzten Jahren haben sich marktweit 50 bis 100 Millionen Euro Deckungssumme als Standard herausgebildet. Das war schließlich die Erkenntnis aus dem schweren Unglück auf der Wiehltalbrücke im August 2004 mit einem Toten und mehr als 30 Millionen Euro Schaden.

Zur Erinnerung: Nach der Kollision mit einem Pkw, dessen Fahrer unter Drogeneinfluss stand, war ein Tanklastzug mit 32.000 Litern Treibstoff von der Autobahnbrücke gestürzt – und hatte nur knapp ein Dorf verfehlt.

Die gesetzlichen Mindestdeckungs-Summen betragen nach § 4 PflVG 7,5 Millionen Euro für Personen-, 1,12 Millionen Euro für Sach- und 50.000 Euro für Vermögensschäden.

Nur wenige Kfz-Versicherer bieten Kraftfahrt-Haftpflicht-Verträge mit pauschal 50 Millionen Euro Deckungssumme. Üblich ist eine Entschädigungsleistung bei Personenschäden pro Person von acht, zwölf oder 15 Millionen Euro. Also: Selbst die geringeren Deckungen liegen meist über dem vom Gesetzgeber Geforderten.

Selten volle Deckung

Doch auch wenn gegen Aufpreis höhere Summen vereinbart seien, gilt bei vielen Versicherungen bei Pflichtverletzung doch nur die gesetzliche Mindestdeckung. Die Stiftung Warentest listet in ihrer Zeitschrift Finanztest (Heft 11/2017) in ihrem aktuellen Test von Autoversicherungen (Abruf kostenpflichtig) nur 34 Angebote auf, bei denen der Versicherer grundsätzlich die volle, vereinbarte Deckungssumme im Schadenfall leistet.

Bei 125 Tarifen kann es dem Kunden jedoch passieren, dass er bei einer „Verletzung seiner vertraglichen Pflichten“ nicht voll und ganz auf den vereinbarten Kfz-Haftpflicht-Schutz bauen kann, sondern nur in Höhe der gesetzlichen Mindestdeckung. Darüber hinaus gehende Schadenforderungen Dritter müsste er aus eigenem Vermögen bestreiten.

Finanztest hat in diesem Jahr 159 (Vorjahr: 160) Autoversicherungs-Tarife von 72 (73) Versicherern untersucht. Im letzten Jahr leisteten nur 28 Tarife die volle Deckung auch bei Pflichtverletzung. Das Untersuchungsergebnis ist also nicht neu – wird aber gerne übersehen. Zumal die Tester den Sachverhalt nur in wenigen Sätzen im Glossar zur Tabelle erläutern – also quasi in dem von den Verbraucherschützern selbst bei Versicherern gerne kritisierten Kleingedruckten.

Wenig Großschäden

„Wir nehmen die Kürzung auf die Mindestdeckung schon seit 2016 nicht mehr vor“, antwortet eine Allianz-Sprecherin auf Anfrage. Bei allen drei in Finanztest untersuchten Allianz-Tarifen unterbleibt jedoch die volle Deckung bei Pflichtverletzung.

Einzug ins Bedingungswerk, auf das sich die Finanztester wohl verlassen haben, hat die Regulierungspraxis also noch nicht genommen. Laut Allianz spielt der Sachverhalt „in der Praxis quasi keine Rolle, da die Mindestdeckungssumme bei 7,5 Millionen Euro liegt.“ Als Kunde hätte man diese Kulanz dann aber doch lieber „schwarz auf weiß“.

Auch alle von Finanztest untersuchten Tarife der Zurich Gruppe Deutschland berufen sich bei Verletzung von Obliegenheiten auf die teilweise Leistungsfreiheit des Versicherers – und verweisen auf Nachfrage darauf, dass Großschäden, die die Mindestdeckungssummen übersteigen, in der Praxis „sehr selten“ sind.

Meist eindeutige Regelverstöße

Auf Nachfrage listet die Zurich die Obliegenheits-Verletzungen, die zum Verlust der vollen Deckung führen, auf:

  • Verwendung des Fahrzeugs zu einem anderen als im Versicherungsvertrag angegebenen Zweck (Verstoß gegen die Verwendungsklausel),
  • Teilnahme an Rennveranstaltungen (Fahrten, bei denen es auf die Erzielung von Höchstgeschwindigkeiten ankommt),
  • Unberechtigter Gebrauch des Fahrzeugs (Schwarzfahrtklausel),
  • Fahrten im öffentlichen Verkehrsraum ohne die vorgeschriebene Fahrerlaubnis (Führerscheinklausel),
  • Fahrten unter Alkohol- oder Drogeneinfluß (Trunkenheitsklausel).

Zu den weiteren Fällen zählen die Gefahrerhöhung sowie die Verletzung von Anzeige-, Aufklärungs- und Mitwirkungspflichten.

Mit Ausnahme des letzten Punktes handelt es sich also um sehr eindeutige Regelverstöße, die mit „Punkten“ im Fahreignungsregister (FAER) und teils sogar mehr geahndet werden. Gleichwohl lässt der letzte Aufzählungspunkt einiges an Interpretationsspielraum – geht es hier also auch um abgefahrene oder jahreszeitlich falsche Reifen?

Als Autofahrer ist man sicherlich gut beraten, neben dem regelkonformen Fahrstil einen der 34 Tarife mit voller Deckung gewählt zu haben. Und als Vermittler sollte man lieber einmal zu viel auf die Grenzen des Versicherungsschutzes hingewiesen haben.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Haftpflichtversicherung · Kfz-Versicherung · Pkw · Vermögensschaden
 
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