„Die Vertriebswege werden verschmelzen“

23.12.2016 – In der Versicherungsbranche stehen derzeit Start-ups, innovative Produkte und neue Serviceangebote im Fokus. Es stellt sich die Frage, ob und wie gut ein Versicherungs-Unternehmen auf diese neue Herausforderung vorbereitet ist. Dr. Gerhard Matschnig, bis Ende Februar 2017 CEO der Zürich Versicherungs-AG Österreich, berichtet im Gespräch mit der VersicherungsJournal-Fachautorin Erika Krizsan über neue digitale Strategien und Versicherungslösungen.

WERBUNG

Erika Krizsan: Die Kundenerwartungen an Versicherer steigen. Welche Trends sind aus Ihrer Sicht in der Versicherungsbranche zu erkennen?

Gerhard Matschnig (Bild: Markl Mayerling Austria)
Gerhard Matschnig
(Bild: Markl Mayerling Austria)

Dr. Gerhard Matschnig: Also meines Erachtens genügt es heute nicht mehr, einen Schaden abzuwickeln und Geld zu überweisen. Kundinnen und Kunden erwarten heute, dass sie Hilfestellung bei der Wiederherstellung des Urzustandes erhalten.

Wir werden unseren Versicherungs-Nehmerinnen und -nehmern also auch künftig Services liefern müssen, etwa komplette Reparaturen. Damit meine ich nicht, sie nur zu organisieren. Wir werden mit immer mehr Single-Haushalten konfrontiert, mit Paaren, bei denen beide voll berufstätig sind, also mit Menschen, denen die Zeit fehlt, sich um die Reparatur eines Wasserleitungsschadens zu kümmern.

Dieselbe Thematik trifft rund um das Auto zu. Die Menschen werden immer weniger Zeit haben, um ihr Auto in eine Werkstatt zu stellen und dann mit einem Taxi oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln in ihr Büro zu fahren. Sie werden sagen: Mein Auto steht dort und dort, holt es bitte ab, repariert es und stellt es mir wieder dort hin. Das heißt: Wir müssen den Servicegedanken weiter ausbauen.

Krizsan: Was sollte Ihrer Ansicht nach in der Versicherungswirtschaft der nächste Schritt sein, um sich gut aufzustellen und fit für die Zukunft zu werden?

Matschnig: Was sicher wichtig sein wird, ist, die Daten unserer Kundinnen und Kunden besser verwerten und nutzen zu können. Wir brauchen dafür innovativere Datenschutzbestimmungen. Die derzeitigen hemmen uns und bringen uns einen wirtschaftlichen Nachteil im Vergleich mit anderen Kontinenten.

Natürlich muss man Datenmissbrauch verhindern, das ist gar keine Frage. Aber wenn es mit der Zustimmung und zum Wohle der Kundinnen und Kunden geschieht, weil etwas zu ihrem Vorteil ist, weil wir beispielweise Services aufgrund ihres Verhaltens personalisieren können, dann sollte das unterstützt werden. Wenn wir hier keine Lösungen finden, werden wir von amerikanischen Firmen, die das bereits tun, überrollt werden.

Ranking-Modelle, bei denen mittels Punktewertungen gezeigt werden kann, ob die Kundenbeziehung gut oder schlecht ist, existieren hier noch gar nicht. In diesem Bereich wird sehr viel passieren. Das gilt weniger für den Gesundheits- als vielmehr für den Verkehrsbereich, bei dem eine Fahrerin beziehungsweise ein Fahrer zum Beispiel Pluspunkte oder Minuspunkte bekommen kann und die Fahrten getrackt werden. Aber auch diese Möglichkeiten sind abhängig vom Datenschutz.

Krizsan: Glauben Sie an ein neues Geschäftsmodell durch Innovation, auch wenn die Funktion der Versicherung seit Hunderten von Jahren gleich ist, nämlich Risiken zu versichern?

Matschnig: Die Vertriebswege werden verschmelzen, die Menschen werden zukünftig mehrere Zugänge zum Unternehmen suchen. Einerseits gibt es ja einen Multi-Channel-Ansatz, ich glaube aber eher an den Omni-Access-Gedanken. Das heißt, dass jede Person jenen Zugang zum Unternehmen suchen wird, der zu ihrer aktuellen Situation am besten passt. Das kann ein Makler, aber genauso gut auch eine Außendienst-Mitarbeiterin beim Abschluss der Versicherung sein.

Es kann aber ebenso bedeuten, dass eine Person im Schadenfall den direkten Weg zum Versicherer sucht. Und bei Fragen wird wieder jemand ganz anderes konsultiert. Heute ist es noch so, dass man bei Fragen zu der Person geht, bei der man den Versicherungsabschluss getätigt hat. Aber dies wird verschwimmen. In der Zukunft wird man stattdessen den einfachsten Weg wählen, davon bin ich überzeugt.

Krizsan: Wie ändern sich aus Ihrer Sicht aktuell die Kundenanforderungen mit Blick auf die Versicherungsprodukte? Kommt es hier zu Änderungen?

Matschnig: Zu den klassischen Produkten werden vermutlich schnell abschließbare, einfache Produkte kommen, die aus der Situation heraus entstehen. Etwa eine Zusatzversicherung für das Auto bei der Fahrt in ein anderes Land, eine Unfallversicherung für einen Skiurlaub oder eine Versicherung für den Transport eines wertvollen Gegenstandes. Schnelle, kleinere Produkte werden das Produktportfolio ergänzen.

Buchtipp: „Innovationsdruck in der Versicherungsbranche“
Buchcover (Bild: VersicherungsJournal)

Das vollständige Interview mit Dr. Gerhard Matschnig ist im Buch „Innovationsdruck in der Versicherungsbranche“ von Erika Krizsan, das im VersicherungsJournal-Verlag erschienen ist, nachzulesen.

Die Autorin hat für das 216 Seiten umfassende Werk Gespräche mit zehn Versicherungsmanagern geführt. Diese berichten, wie Digitalisierung und sich wandelnde Kundenbedürfnisse ein Antrieb für die Branche sind und was dies für die Unternehmenskultur bedeutet.

Nähere Informationen und Bestellmöglichkeiten finden Sie
unter diesem Link.

Ein Video-Interview mit Krizsan und Matschnig kann auf dem VersicherungsJournal-Youtube-Kanal abgerufen werden.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Digitalisierung · Gesundheitsreform · Mitarbeiter · Ranking · Strategie
 
WERBUNG
WERBUNG
Die besten Vertriebstipps für Praktiker!

Fondsverkauf einfach gemacht

Warum nicht einfach Fonds verkaufen?

Wie Sie Kunden gewinnen und erfolgreiche Verkaufsgespräche führen.

Mehr Informationen und zur Bestellung...

WERBUNG
Die Termin- und Empfehlungsquote steigern

Kunden gewinnen mit Vorträgen

Kunden wollen für Themen gewonnen werden. Wie der Vermittler sie in Vorträgen zu Eigeninitiative animiert, zeigt dieses Praktikerhandbuch.

Mehr Informationen...

VersicherungsJournal in Social Media

Besuchen Sie das VersicherungsJournal auch in den sozialen Medien:

  • Facebook – Ausgewähltes für den Vertrieb
  • Twitter – alle Nachrichten von VersicherungsJournal.de
  • Xing – über den Verlag
  • Xing News – Ausgewähltes zu Karriere und Unternehmen
  • Youtube – Hintergründe zum Buchprogramm
Ihr Wissen und Ihre Meinung sind gefragt

Ihre Leserbriefe können für andere Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein. Bitte schreiben Sie Ihre Kommentare unter den Artikel in das dafür vorgesehene Eingabefeld.

Die Redaktion freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt ist. Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu. Schreiben Sie bitte an redaktion@versicherungsjournal.de.

Allgemeine Pressemitteilungen erbitten wir an meldungen@versicherungsjournal.de.

Diese Artikel könnten Sie noch interessieren
25.11.2015 – In einer neuen Studie beleuchtet der IT-Dienstleister SCS die aktuelle Digitalisierungssituation in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie in unterschiedlichen Branchen. Wirklich gut sieht es danach auch bei Banken und Versicherern nicht aus. (Bild: CSC) mehr ...
 
6.11.2015 – Die digitalen Erfahrungen mit anderen Branchen haben die Kundenerwartungen an die Assekuranz hochgeschraubt, meinte Professorin Dr. Michaele Völler beim 20. Kölner Versicherungssymposium, bei dem es um verschiedene digitale Ansätze und Projekte ging. (Bild: Lier) mehr ...
 
27.8.2015 – Jung, blond, hübsch, weiblich, scheint das Motto mancher Arbeitgeber in Bezug auf ihre Mitarbeiter zu sein. In der Versicherungswirtschaft reicht dies als Personalstrategie allerdings nicht aus. Ein Gastbeitrag von Regina Kutschera. (Bild: Kutschera) mehr ...
 
12.1.2017 – Zuerst belächelt, dann kritisch beäugt und gefürchtet – und nun werden immer öfter Fintechs von der klassischen Assekuranz gekauft. Jetzt hat die W&W-Gruppe zugeschlagen, um ihren Kunden Neues zu bieten. Veränderungen haben unter anderem auch Axa, DEVK, ERV und Zurich vermeldet. mehr ...
 
22.12.2016 – Mit wenigen Klicks lässt sich inzwischen fast alles im Internet erwerben – selbst Gebrauchtwagen. An diesen Trend hängt sich nun die Allianz an. Auch Ergo will stärker mit Autohändlern kooperieren. Neue Strukturen gibt es auch bei Basler, R+V sowie Adina Finanz und Ruff Capitalplan. mehr ...
 
20.12.2016 – Wem Kundendaten gehören und wie damit umgegangen wird, ist häufig Streitpunkt im Vertrieb. Die in 2016 verabschiedete EU-Datenschutz-Verordnung hat diesbezüglich neue Regeln definiert. Ein Gastbeitrag des IT- und Datenschutzexperten Norbert Mayerhofer. (Bild: privat) mehr ...
 
12.12.2016 – Die Produktschmieden der Versicherer laufen derzeit auf Hochtouren. Zurich Deutscher Herold stellt ein neues Garantieprodukt vor – und einige Krankenversicherer haben auf die Pflegereform reagiert. mehr ...