Was Auszubildende krank macht

29.6.2017 – Auszubildende sind zwar häufiger, aber dafür kürzer krankgeschrieben als ihre älteren Kollegen. Das geht aus den Krankheitsdaten von 187.000 bei der Techniker Krankenkasse (TK) versicherten Azubis im Alter von 16 bis 25 Jahren hervor. Beunruhigend findet TK-Chef Dr. Jens Baas, dass sich die Zahl der psychischen Erkrankungen bei den jungen Arbeitnehmern seit dem Jahr 2000 nahezu verdoppelt hat. Grund dafür sei die Überforderung mit der Arbeits- und der digitalen Welt, die die jungen Menschen unter Druck setzt. Aber auch, dass psychische Störungen häufiger diagnostiziert werden, könne den Anstieg hervorrufen.

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Die Techniker Krankenkasse (TK) hat gestern den TK-Gesundheitsreport 2017“ (PDF-Datei, 1,3 MB) vorgestellt. Für die aktuelle Auflage der jährlich erscheinenden Publikation wurden 4,8 Millionen Daten der 2016 sozialversicherungs-pflichtigen Mitglieder der Krankenkasse ausgewertet.

Im Report werden geschlechts- und altersspezifische Daten präsentiert, die Rückschlüsse zum Krankenstand und zu Arbeitsunfähigkeits-Fällen der Versicherten zulassen.

Jüngere sind häufiger, aber kürzer krankgeschrieben

Im Report zur Statistik zeigte sich, dass die Dauer der Arbeitsunfähigkeits-Fälle (AU-Fälle) unter anderem abhängig vom Alter der Versicherten war. Jüngere waren mit zwei AU-Fällen verhältnismäßig häufiger krankgeschrieben als ältere Arbeitnehmer. Ab dem 25. Lebensjahr halbiert sich die Zahl der Krankschreibungen nahezu.

Bild: Techniker Krankenkasse
Bild: Techniker Krankenkasse

Allerdings wurden Jüngeren nur durchschnittlich sechs Tage am Stück und zwölf Tage im Jahr Arbeitsunfähigkeit attestiert. Durchschnittliche Berufstätige fehlten hingegen rund 15 Tage im Jahr, davon knapp 13 Tage am Stück. Bei Versicherten, die älter als 60 Jahre waren, waren es sogar im Schnitt 21 Tage am Stück und insgesamt 28 Tage im Jahr. Demnach waren Jüngere im Erhebungsjahr 2016 zwar öfter krankgeschrieben, jedoch teils bei weitem kürzer als ihre älteren Kollegen.

Aufgrund dieser Zahlen gehen die Autoren des Gesundheitsreports davon aus, dass sich der Krankenstand im Zuge des demografischen Wandels weiter erhöhen wird. Denn je älter die Arbeitnehmer werden, desto länger fallen sie krankheitsbedingt aus.

Auf einer Pressekonferenz der TK, die gestern Mittag in Berlin stattfand, wurden die junge Gruppe der Auszubildenden und deren Krankheitsbiografien genauer betrachtet. Hierfür wurden die Krankheitsdaten von 187.000 TK-Versicherten im Alter von 16 bis 25 Jahre ausgewertet.

Wir haben bei der Untersuchung der Daten beunruhigende Ergebnisse vorgefunden.

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse

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Starker Anstieg psychischer Erkrankungen bei Azubis

Den Fokus der Pressekonferenz legte die TK ganz bewusst auf die Gesundheit der Auszubildenden in Deutschland. „Man sollte ja eigentlich meinen, dass die jungen Leute alle gesund sind“, erläuterte TK-Vorstandsvorsitzender Dr. Jens Baas. Dem sei jedoch oft nicht so. Die neuen Eindrücke und Aufgaben, die Azubis nach der Schule in der Arbeitswelt bekämen, hätten häufig Auswirkungen auf ihre Gesundheit.

„Wir haben bei der Untersuchung der Daten beunruhigende Ergebnisse vorgefunden“, so der TK-Chef. „Die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Störungen bei Azubis hat sich seit dem Jahr 2000 verdoppelt.“ Nach Infekten und Verletzungen seien psychische Gründe auf Platz drei der häufigsten AU-Gründe bei Lehrlingen.

Bild: Techniker Krankenkasse
Bild: Techniker Krankenkasse

Zwar sei die reale Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Störungen geringer als bei den Beschäftigten insgesamt, der Anstieg sei jedoch alarmierend. „Durchschnittlich wird jeder Auszubildende in Deutschland 1,33 Tage aufgrund von psychischen Symptomen krankgeschrieben“, sagte Dr. Thomas Grobe von der Aqua-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH, der an der Fertigung der Studie beteiligt war.

Zehn Tage Psychopharmaka für die Azubis

Einen ähnlich beunruhigenden Anstieg verzeichneten die Autoren bei der Verschreibung von Medikamenten. Nach der Anti-Baby-Pille, die aufgrund der Kostenübernahme durch die Krankenkassen bis zum 20. Geburtstag das am häufigsten verschriebene Medikament ist, und Antibiotika sind Psychopharmaka die am dritthäufigsten verschriebenen Arzneimittel bei Azubis.

„Im Durchschnitt werden jedem Lehrling jährlich zehn Tage Psychopharmaka verordnet“, erläuterte Grobe. Darunter seien vorrangig Antidepressiva und Psychostimulanzien wie Ritalin, das Patienten mit einem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) verschrieben wird.

Der Anstieg psychischer Störungen ist nach Einschätzung von Dr. Volker Busch, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie am Lehrstuhl der Universität Regensburg, auf mehrere Ursachen zurückzuführen. Arbeit nach Vorschrift und wenig eigene Gestaltungsmöglichkeit schlügen auf das Gemüt. „Das gilt aber nicht nur für Azubis, sondern für die Arbeitswelt im Allgemeinen“, verdeutlicht er.

Sie haben verlernt, was es heißt, Selbstfürsorge zu betreiben.

Dr. Volker Busch, Facharzt für Neurologie

Digitale Welt kann krank machen

Zum anderen wären Beschäftigte selbst schuld daran. „In der digitalen Welt, in der wir leben, wollen wir allem gerecht werden. Wir wollen effektiv leben, möglichst perfekte Leistungen am Arbeitsplatz erbringen und privat nichts verpassen“, so der Arzt weiter. Besonders die Generation der „Digital Natives“ verspüre den Drang, ständig online zu sein, da sie sonst etwas verpassen würden – und das nehme viel Zeit in Anspruch.

Durchschnittlich verbringe jeder Jugendliche drei Stunden privat im Internet. „Kommen dann nochmal acht Stunden bei der Arbeit dazu, heißt das, dass die Jugend fast den halben Tag vor einem Bildschirm verbringt“, verdeutlichte Busch.

Junge Menschen würden sich selbst so unter Druck setzen, ständig allem und jedem gerecht zu werden, dass sie nicht mehr wüssten, wie sie zu Ruhe kommen sollen. „Hinzu kommt, dass sie wenig schlafen, kaum Sport treiben, häufig rauchen und regelmäßig Alkohol trinken. Sie haben verlernt, was es heißt, Selbstfürsorge zu betreiben“, mahnte er an.

Dauerhafter oder kurzzeitiger Stress?

Dennoch weiß der Mediziner, dass die statistischen Daten zu psychischen Erkrankungen oft verwässert sind. Es gingen immer mehr Menschen mit Stresssymptomen zum Arzt, weil solche Erkrankungen mehr und mehr gesellschaftlich akzeptiert würden.

Dementsprechend würden auch häufiger derartige Diagnosen gestellt. „Ob wirklich alle, die mit psychischen Störungen zum Arzt gehen, wirklich unter dauerhaftem Stress leiden, oder die Umstände kurzfristig zu einer Überbelastung führen, ist schwer zu sagen“, so Busch. Gleiches gilt für die Verschreibung von Ritalin. 20 Prozent aller Einnahmen dieses Medikaments würden nicht erfolgen, um ADHS-Patienten zur Ruhe zu bringen, sondern um Gesunde leistungsfähiger zu machen.

Die eher kurze Dauer, die Azubis im Vergleich zu älteren Kollegen wegen psychischer Störungen krankgeschrieben werden, deute eher auf eine kurzfristige Überlastung und keinen Dauerzustand hin, vermutet Busch.

Prävention und Umstrukturierungen

TK-Chef Baas warnt aber, die Schuld für den Stress bei Azubis nur auf die Digitalisierung zu schieben. Sie biete der Arbeitswelt viele neue Möglichkeiten. Man müsse versuchen, die neuen Umstände in bestehende Unternehmens- und Führungsstrukturen zu integrieren. „Junge Menschen wollen nicht nach Schema F arbeiten, sie wollen Prozesse mitbestimmen können“, erläuterte Baas.

Dürfen junge Beschäftigte Arbeitsprozesse mitgestalten, würden sie sich wertgeschätzt fühlen – und das reduziere negativen Stress. Weitere Maßnahmen aus einem umfassenden betrieblichen Gesundheitsmanagement würden ebenfalls einen positiven Beitrag leisten. „Ich muss aber die Unternehmen auch in Schutz nehmen. Sie leisten bereits sehr viel und es wird immer mehr. Auf alle persönlichen Umstände können sie jedoch nicht einwirken“, so der TK-Vorstandsvorsitzende.

 
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