Vom Saufen am Steuer und dem autonomen Fahren

1.12.2016 – Natürlich geht es bei der jüngsten Studie des Allianz Zentrums für Technik zum Thema „Ablenkung durch moderne Informations- und Kommunikationstechniken und soziale Interaktion bei Autofahrern“ vor allem um die Nutzung von Handys, Smartphones & Co. Es finden sich dort jedoch auch einige bemerkenswerte Überlegungen zum aktuellen Trendthema „Autonomes Fahren“.

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Reinhold Müller (Bild: Müller)
Reinhold Müller
(Bild: Müller)

Zweierlei kann man dem Allianz Zentrum für Technik (AZT) gewiss zubilligen: Diese Risiko-Forschungseinrichtung des Allianz-Konzerns ist, wenn es um das Erkennen von sicherheitskritischen Problemen geht, der Zeit oft ziemlich weit voraus – und „wirkmächtig“ ist sie außerdem.

So haben deren Wissenschaftler und Ingenieure beispielsweise die gewaltigen Defizite in der Infrastruktur des deutschen Stromnetzes bereits sehr präzise adressiert, als vom Ausstieg aus der Atomenergie allenfalls einige Umweltaktivisten träumten.

Ihre Kollegen in der Schwestergesellschaft AZT Automotive GmbH, die sich der Sicherheit im Straßenverkehr widmen, waren nicht minder aktiv.

So manches AZT-Forschungsergebnis wurde zum „Gesetz“

Die haben dereinst unter anderem quasi im Alleingang – und nicht zur Freude der Autoindustrie, wohl aber der Versicherungs-Mutter – durchgesetzt, dass weltweit der Einbau von Wegfahrsperren zur Verminderung des Diebstahlrisikos vorgeschrieben wurde. Viele Vorgaben zur Verbesserung der Sicherheit im Straßenverkehr, die längst „Gesetz“ sind, wuchsen ebenfalls wesentlich auf ihrem „Mist“.

Ganz aktuell hat sich das AZT nun erneut der Frage angenommen, inwieweit Ablenkungen der Fahrer durch immer mehr technische Geräte in den Autos das Unfallrisiko erhöhen (VersicherungsJournal 30.11.2016). Natürlich geht es deshalb nicht zuletzt um die gefährlichen Folgen der Nutzung von Handys, Smartphones & Co.

Eine missverständliche Schlagzeilen-Verkürzung

Durch das Hantieren mit diesen Errungenschaften des digitalen Zeitalters während der Fahrt kommen mittlerweile mehr Verkehrsteilnehmer zu Tode als durch Fahren unter Alkoholeinfluss, lautet diesbezüglich eine der schlagzeilenträchtigen Botschaften. Unzulässig verkürzt ließe sich das locker auch so interpretieren, dass Saufen am Steuer weniger gefährlich ist als Telefonieren.

Allianz-Schadenvorstand Mathias Scheuber stellte denn bei der Präsentation der Studie auch schnell klar, dass sich diese Reihenfolge bei den Unfallursachen allein daraus ergibt, dass Alkohol trinken und danach Auto fahren inzwischen gesellschaftlich weitgehend nicht mehr akzeptiert ist. Genau das stellt sich bei modernen Informations- und Kommunikationsfunktionen im Auto jedoch etwas anders dar.

Selbst die Mutter erliegt dem Reiz des autonomen Fahrens

Umso mehr lohnt der Blick auf das, was in der Studie – die insgesamt eher mehr Fragen aufwirft als gesicherte Erkenntnisse zu der Gesamtproblematik präsentiert – eher nebenbei zum Thema „Hochautomatisiertes Fahren und Ablenkung“ angemerkt wird. Schließlich scheint die Begeisterung der Autoindustrie, der Medien und längst auch der Politik dafür kaum noch Grenzen zu kennen.

Immerhin reihte sich selbst die AZT-Mutter Allianz bei ihrem „Autotag“ im Frühjahr (VersicherungsJournal 8.4.2016) vorsichtig in die Riege der Unterstützer dieser Entwicklung ein. Die Probleme, die sich daraus ergeben, so wird in der Studie nun aber klipp und klar festgestellt, sind jedoch noch „um einiges komplexer, als oft dargestellt“.

Eine nicht nur juristisch relevante Frage

Dabei geht es insbesondere um die – keineswegs nur juristisch relevante – Frage, wie sehr sich der Fahrer eines sogenannten autonomen Fahrzeugs von seinen Pflichten als Fahrer wirklich „ablenken“ lassen darf. Also konkret, ob er wirklich während der Fahrt Zeitung lesen, Filme ansehen, Kinder betreuen, Telefonkonferenzen abhalten oder schlicht eine Runde schlafen kann.

Die Werbung suggeriere bereits heute bei nur teilautomatisierten Fahrzeugen solche „ungewohnten neuen Freiheiten als Fahrgast“, monieren die AZT-Forscher. Das könne schnell zum Missbrauch führen, aber gleichwohl benutzten selbst die verantwortlichen Experten fast aller Gremien, Verbände, Behörden und Institute in ihren Vorträgen entsprechende „Motivationsvideos und Werbefotos der Industrie“.

Mehr (Arbeits-) Druck durch autonome Fahrzeuge

Daraus könnten sich durchaus ebenfalls gesellschaftliche Implikationen auf die Verkehrssicherheit ergeben, warnen die Studienautoren. Dies wird dann jedoch in ganz anderer Richtung als bei der allmählich gewachsenen gesellschaftlichen Ächtung von Alkohol am Steuer geschehen.

Es sei nämlich schon aufgrund der sich verändernden Arbeitswelt zu erwarten, „dass mit steigender Fahrzeugautomatisierung der subjektive Druck der Anwender steigt, Nebenaufgaben zu absolvieren“. Eine „Grundaufmerksamkeit“ in der gesamten Fahrsituation werde von denen jedoch selbst dann noch immer eingefordert werden, wenn autonomes Fahren in der Zukunft tatsächlich möglich sein sollte.

Ein Widerspruch von Sicherheitsrelevanz

„Hybride Fahreranforderungen“ – beispielsweise die jederzeitige Bereitschaft zur Übernahme der Kontrolle über das Fahrzeug in vorhergesehenen wie in unvorhergesehenen Situationen – würden sich nämlich auch dann nach wie vor ergeben. Und das Verkehrsrecht fordere kategorisch, „eine Fahrt fahrtüchtig abzuwickeln“.

Aus psychologischer Sicht sei aber die in allerlei Expertenrunden diskutierte „Parallelität von Mindestaufmerksamkeit für den Verkehr und Abwendung vom Verkehrsgeschehen ein Widerspruch von Sicherheitsrelevanz“, wird in der Studie dazu etwas verklausuliert festgehalten. Und dies gelte „auf jeder Automatisierungsstufe“.

Nun gehe es ihnen mit diesem „Themenexkurs zu Wegwendungen der Nutzer automatisierter Fahrzeuge“ aber keineswegs darum, eine technische Entwicklung in Abrede zu stellen, die dem Komfort, der Effizienz, dem Wohlstand „und, richtig verstanden, der Sicherheit“ diene, versichern die AZT-Forscher. Aber etwas „mehr Selbstkritik“ von allen Beteiligten mahnen sie schon nachdrücklich an.

Leserbriefe zum Artikel:

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