Versicherer im App-Fieber

12.10.2017 – In der Versicherungsbranche gibt es Apps in Hülle und Fülle – und verschiedenster Coleur. Schon häufig hat es Probleme mit diesen Anwendungen gegeben, wenn diese nicht einwandfrei funktionieren, wie sich auf einer IT-Fachtagung zeigte. Dort wurden auch zum Teil entgegengesetzte IT-Strategien vorgestellt.

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Integration von neuen digitalen Techniken ist zentrale Aufgabe der Versicherer für die Zukunft. So ist die Entwicklung von Apps für Assekuranzen nur dann sinnvoll, wenn im Hintergrund bei der Verarbeitung der Kundenanfragen schnelle automatische Prozesse installiert sind. Jede App ist eine Verpflichtung, die geweckten Kundenwünsche in vollem Umfang zu erfüllen. Das ist das Fazit einer Diskussion auf dem MCC-Kongress „IT-Optionen“.

Wie eine solche Totalintegration funktionieren kann, führte Jörg Dethloff, Leiter Pre Sales DACH bei der Keylane GmbH, auf der Veranstaltung live vor. Per App wird das Foto eines beschädigten Smartphones in den Prototyp eines Schadenmeldesystem übertragen.

Eine Software erkennt das Gerät, eine andere ermittelt in Sekundenschnelle den aktuellen Wiederbeschaffungswert und verspricht eine Zahlung in fünf Werktagen. Mit einer zugeschalteten Betrugssoftware wird verhindert, dass der Kunde Gerät oder Rechnung mehrmals einreicht. „So erreichen Assekuranzen eine Kostenersparnis, eine schnelle Abwicklung und eine hohe Kundenzufriedenheit“, sagte Dethloff.

Welche App ist sinnvoll?

Die Vorführung kam bei den IT-Experten der Versicherer sehr gut an. „Wir zahlen mittlerweile bei Rechnungseingabe über unsere Kranken-App in drei Tagen“, betonte Axel Panten, Leiter Anwendungsmanagement & Infrastruktur bei den R+V Versicherungen.

Einmal veröffentlichte Apps müssten klappen. Mitbewerber hätten Apps überarbeiten müssen. „Dann konnten die Kunden sogar ihre Rechnungen nicht mehr finden“, so Panten. Tenor war, dass es derzeit bei deutschen Versicherern einen regelrechten App-Hype gebe. „Dabei wird aber auch viel Geld verbrannt“, warnte Burkhard Oppenberg, Geschäftsführer der Gothaer Systems GmbH. So bezweifelt der IT-Experte etwa, dass reine Kunden-Apps genutzt werden.

Burkhard Oppenberg (Bild: Schmidt-Kasparek)
Burkhard Oppenberg (Bild: Schmidt-Kasparek)

Selbst wenn eine Bankfunktion integriert werde, würden die Kunden diese Anwendung nur selten aufrufen. Nach einer Umfrage des Software-Anbieters Comarch AG wird aber ein „volles Kundenkonto“ per App von rund 86 Prozent der Versicherer favorisiert. Damit liegt diese Anwendung nach Verarbeitung von Schadenmeldungen, Notfallhilfe und der direkten Schadenmeldung an vierter Stelle. Der Verkauf von Policen per App rangiert mit der Zahlung von Prämien auf Rang fünf.

Als geeignet für den Verkauf per App gelten nach Einschätzung der Versicherungswirtschaft vor allem Reiseversicherungen. 81 Prozent der Befragten sehen hier den App-Verkauf als unentbehrlich an. Auf Rang zwei folgen Kurzzeitpolicen (67 Prozent).

Parkschutz per App

Zudem werden sogenannte Mikroversicherungen als sehr geeignet für einen App-Verkauf angesehen. Als Beispiel nannte Jasmin Liechti, die bei Comarch als Business Development Managerin den Versicherungsbereich verantwortet, die Mikroversicherung für geparkte Autos, die die Uniqa S.A. seit Mai 2017 in Polen anbietet. Der Versicherer verkauft bereits seit Ende 2016 über die Sky-Cash-App Reise- und Haftpflichtversicherungen.

Jasmin Liechti (Bild: Schmidt-Kasparek)
Jasmin Liechti (Bild: Schmidt-Kasparek)

Laut Umfrage würden sich derzeit weltweit nur 36 Prozent der Versicherer an Apps „heranwagen“, die den Kunden mit einem virtuellen Assistenten beraten. Nach Einschätzung von Liechti gibt es hier für Assekuranzen ein großes Potenzial auszuschöpfen. „So können wichtige Informationen über Kunden gesammelt werden. Beispielsweise, wie er sich in seiner App bewegt“, so die gelernte Versicherungskauffrau und Betriebswirtin.

Überraschend sei zudem, dass nach Feststellung von Comarch der Versicherungsvertrieb deutlich langsamer als die Versicherer selbst auf Apps setze. Liechti: „Es gibt tolle Apps, mit denen man viel mehr Termine fahren kann.“

Alte Programmiersprache ist ein Problem

Bei der Digitalisierung von Versicherern wurden auf der Konferenz zwei sehr gegensätzliche Konzepte vorgestellt. So hält die R+V weiterhin an der Mainframe-Technologie fest, während die Gothaer ihr IT-System von Grund auf erneuert.

Laut R+V-Manager Panten läuft das System der R+V stabil, könne von höheren Ebenen entkoppelt werden und stehe einer modernen Veränderung nicht im Wege. In der Diskussion musste Panten jedoch zugeben, dass es aber immer schwieriger wird, für das System Kräfte zu finden, die die in die Jahre gekommene Programmiersprache Cobol beherrschen.

Demgegenüber setzt Gothaer-Experte Oppenberg auf ein offenes System. „Wer sein System wie wir vollkommen umbaut, braucht dafür aber zehn Jahre“, so Oppenberg. Am Ende geht er davon aus, dass IT- und Fachabteilung mehr oder weniger verschmelzen würden. Heutige Organisationsstrukturen würden vollkommen verschwinden.

Die Gothaer baut das System für 28 Produkte auf. Offenberg: „Trotzdem könnten wir unseren Privatkunden 2,7 Millionen Produktderivate anbieten.“ Das sei trotz einer Standardsoftware in Echtzeit möglich.

 
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