Blockchain: Versichern ohne menschliche Interaktion

4.12.2017 – Mit Hilfe der Blockchain-Technologie können in einer Kette von Datenblöcken Transaktionen gespeichert werden. Sie fußt auf einem dezentralen Register. Der Versicherungswirtschaft kann Blockchain helfen, Prozesse (etwa Schadenauszahlungen) zu automatisieren. Auch können neue Versicherungsmodelle wie Risiko-Pools entwickelt werden. Offen ist, welche Rolle Versicherer zukünftig bei solchen Konzepten übernehmen und wie sich die Wettbewerbsregeln ändern werden, meint der Blockchain-Experte Julian Hillebrand.

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Als 2009 die Krypto-Währung Bitcoin ins Leben gerufen wurde, konnte noch niemand ahnen, welche Wellen dieses Phänomen einmal schlagen würde. Doch unabhängig von der Frage nach der Zukunft des digitalen Geldes, ist die Technologie hinter dieser Währung gerade in den letzten Jahren ins Rampenlicht getreten: die Blockchain.

Julian Hillebrand (Bild: Widgetlabs)
Julian Hillebrand
(Bild: Widgetlabs)

Diese Technologie hat mittlerweile zahlreiche Anwendungen in nahezu jeder größeren Industrie gefunden. Vereinfacht gesagt bietet sie einen Weg, Transaktionen digital auszuführen und deren Historie in dezentralen Netzwerken zu speichern.

Durch diese Möglichkeit kann sie die traditionelle Rolle von zentralen Autoritäten oder Instanzen übernehmen und Vertrauen zwischen sich unbekannten wie auch bekannten Parteien herstellen.

Datenaustausch verbessern

Durch die Nutzung von eindeutigen digitalen Signaturen können ein digitaler Besitz festgestellt und Transaktionen validiert werden.

Dazu versehen kryptografische Algorithmen jede Transaktion mit einem Zeitstempel und speichern hintereinander deren Reihenfolge. Dies verhindert, dass Datensätze im Nachhinein unrechtmäßig geändert werden können.

Für die Versicherungsbranche kann Blockchain somit den Austausch von Daten zwischen mehreren Parteien, die an einer Versicherungs-Transaktion beteiligt sind, verbessern. Dies resultiert in dem Wegfall vieler manueller Aufgaben, einer drastisch erhöhten Effizienz beziehungsweise Geschwindigkeit und reduzierten Kosten.

Fünf zentrale Vorteile

Als zentrale Vorteile der Blockchain-Technologie lassen sich fünf Punkte definieren:

  • zentrale Innovation: Blockchain ist die erste Technologie, die sicherstellen kann, dass digitale Werte nicht unerkannt mehrfach übermittelt werden – und das ohne zentralen Administrator oder eine Clearingstelle. Somit ist sie eine fundamentale Technologie, welche die Grundlage für digitale Innovation legen kann.
  • dezentrale Lösung: Durch die Lösung dieser Problematik ist es möglich, eine dezentrale und unveränderliche Historie aller Datentransaktionen zu erstellen, die nachträglich nicht bearbeitet werden kann.
  • Prozessintegrität: Eine unveränderbare Historie schafft eine hohe Integrität der Datenbestände und entsprechend Vertrauen zwischen Parteien.
  • Datensicherheit: Durch den Einsatz neuester kryptographischer Methodiken und Zugriffsschutz durch öffentliche und private Schlüssel kann die Blockchain Informationen auch sicher schützen.
  • wertvolle Redundanz: Durch eine dezentrale Architektur werden viele Kopien der Daten über ein großes Netzwerk verteilt. Dies erhöht die Widerstandsfähigkeit gegen böswillige Attacken.

Anwendungen in der Versicherungsindustrie

Auch in der heutigen Zeit hält die Bearbeitung von Zahlungen für Versicherer noch einige Herausforderungen in der Praxis bereit. Neben hohen Bearbeitungsgebühren von Banken gibt es auch noch hohe Kosten durch Papier-intensive Prozesse. Diese sind natürlich ebenfalls eine Angriffsfläche für mögliche Betrugsversuche.

Blockchain kann diese Prozesse in ein digitales Netzwerk bringen und alle Beteiligten auf eine sichere Art und Weise miteinander verknüpfen. Auch kann durch den dezentralen Aufbau sowohl die strukturelle als auch die inhaltliche Integrität (also Verlässlichkeit) der Daten erhöht werden, was zum Beispiel eine Verbesserung bei Schadenauszahlungen ermöglicht.

Wahrscheinlichkeit von Fehlern minimieren

Weitere mögliche Anwendungsfälle ergeben sich bei anderen Arten von Transaktionen, bei denen die beteiligten Parteien auf eine Vielzahl von unterschiedlichen Datenquellen zurückgreifen müssen.

Ein Beispiel ist hier das Underwriting, bei dem durch das Abgleichen verschiedener Datensätze zum Beispiel die Identität einer Person sichergestellt werden muss und auf Basis von entsprechenden Metriken (Steuerungsmethoden) eine Risikobewertung erfolgen kann.

Durch den Einsatz der Blockchain kann dieser Prozess effizienter gestaltet und die Wahrscheinlichkeit von Fehlern minimiert werden. Auch wären die Daten durch die wertvolle Redundanz sicherer, wenn sie in einem Blockchain-Netzwerk gespeichert werden.

Automatisierung durch Smart Contracts

Ein weiteres wichtiges Element der Blockchain-Technologie sind die sogenannten Smart Contracts. Dies sind auf Computerprotokollen basierende digitale Verträge, die automatisiert ausgeführt werden, sobald bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Dabei ist keine menschliche Interaktion notwendig.

Smart Contracts könnten automatisiert öffentliche und private Datenquellen abfragen, um zu bestimmen, ob ein Schlüsselereignis eingetreten ist – zum Beispiel ein Unwetter in einem bestimmten Gebiet. Anschließend können sie automatisiert die Abwicklung des eingetreten Schadenfalls ermöglichen.

So könnte zum Beispiel automatisch – nach Abfrage von Daten des Flugbetreibers und Wetterinformationen – eine Zahlung initiiert werden, wenn ein Flug wegen eines Unwetters abgesagt wird.

Neue Geschäftsmodelle

Doch die Blockchain-Technologie kann nicht nur bei der Effizienzsteigerung von bestehenden Prozessen helfen. Langfristig kann sie auch die Grundlage für ganz neue Geschäftsmodelle legen.

Ein oft genanntes Beispiel ist hier die Peer-to-Peer- (P2P-) Versicherung. Dabei handelt es sich um eine Versicherung, bei der verschiedene Nutzer in einen gemeinsamen Risiko-Pool gepackt werden. Diese Kunden zahlen in den gemeinsamen Pool ein und Schadenfälle werden aus diesem Pool entsprechend gedeckt. Was dem klassischen Modell eines Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit ähnelt, kann durch seinen komplett digitalen Aufbau ein völlig neues Level erreichen.

Die P2P-Versicherungsmodelle können sich bisher allerdings nur sehr langsam etablieren. Denn Versicherer sind sich zurzeit noch nicht sicher, welche Rolle sie in einem solchen Konstrukt spielen und welche Kosten die Verwaltung solcher Risiko-Pools nach sich zieht.

Blockchain kann diese Herausforderung durch Smart Contracts lösen, welche die Verwaltung dieser Pools übernehmen. Dadurch bietet sich auch die Grundlage für Versicherer und Rückversicherer, ihre Dienste für zusätzliche Risiken einzubinden, die der Risiko-Pool nicht alleine abdecken kann.

Blockchain-Strategie

Die zuvor skizzierten Beispiele zeigen, dass die Blockchain-Technologie das Potenzial hat, die Arbeitsweise von Versicherern zu verändern. Sie kann somit die Wettbewerbsregeln der Industrie neu schreiben.

Auch wenn die Technologie zurzeit noch in einer sehr frühen Phase ist, sollten sich Versicherer Gedanken machen, an welchen Stellen Blockchain eingesetzt werden kann. Dazu dürfen sie aber nicht blind nach möglichst schnellen Einsatzgebieten schauen, sondern müssen besser analysieren, welche ihrer derzeitigen Herausforderungen vom Einsatz der Blockchain-Technologie profitieren.

Auf Basis dessen sollten sie Pilotprojekte starten und Erfahrung im Umgang mit dieser Technologie sammeln. Dadurch können sie die möglichen Vorteile besser greifen und besser verstehen, welche Maßnahmen für die Implementierung einer solchen Lösung notwendig sind.

Julian Hillebrand

Der Autor hat Wirtschafts-Wissenschaften studiert und arbeitet beim Insurtech Widgetlabs GmbH. Dort ist er verantwortlich für den Bereich Blockchain und hilft Versicherern bei der Entwicklung von Produkten und Lösungen.

Schlagwörter zu diesem Artikel
Insurtech · Strategie · Unwetter
 
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